Mangelverwaltung in der Schlangengrube

April 27, 2026
5 mins read
Sarah Wedl-Wilson (Foto: Janine Escher)

Willkommen in der neuen Klassik-Woche,

heute mit der Mangelverwaltung in der Berliner Kultur-Schlangengrube, der Opern-Krise in Saudi-Arabien, einem aufgekratzten Klassik-Begeisterer und dem Innovations-Vorbild Schweden.  

Mangelverwaltung in der Schlangengrube

Nicht mal ein Jahr dauerte die Amtszeit von Berlins Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson. Fehlte ihr am Ende das Gespür für politische Ränkespiele? Warum hat sie sich nicht gegen den Druck der CDU-Politiker durchgesetzt und die Zuwendungen für Antisemitismus-Projekte ordentlich abgewickelt? Hat sie die Nischen der Kulturpolitk vernachlässigt, weil sie so ernsthaft und glaubwürdig mit der Abwicklung von Joe Chialos Sparpolitik beschäftigt war? Es wird schwer für die Hauptstadt, noch einen Kulturpolitiker zu finden, der sich die Mangelwirtschaft in der Schlangengrube antut. In meiner Analyse der Lage schreibe ich: »Die Berliner Kulturszene wirkt wie der Rest einer Partygesellschaft, der einfach nicht nach Hause gehen will. Er tanzt besoffen weiter, weil er ahnt, dass der kommende Tag Kopfschmerzen bereitet. Berlins Kultur strahlt schon lange nicht mehr, sondern wirkt lethargisch und zum großen Teil ritualisiert. Es wäre an der Kultur selbst, sich neu zu erfinden.«

Anzeige

Risse in der öffentlichen Meinung

Überhaupt ist es spannend, wie »da draußen« derzeit über Kulturpolitik gestritten wird. Letzte Woche, als das Boulevard-Blatt BZa ausgerechnet hatte, dass jede Staatsopern-Karte in Berlin mit 260 Euro Steuergeldern unterstützt wird, habe ich dafür plädiert, dass Kulturschaffende sich über diese öffentliche Diskussion im klaren sein und gerade deshalb um so genauer wissen sollten, was sie eigentlich tun. Auch im aktuellen Text frage ich, ob wir die ritualisierte Subventions-Abhängigkeit nicht durchbrechen müssen: Wie viele Opern, Orchester und Museen wollen wir wirklich? Gäbe es vollkommen neue kulturelle Angebote, die man fördern müsste? Welche Publikumsschichten soll man ansprechen?  Und haben wir – im Vergleich zu den Kosten – nicht einfach ein viel zu großes Angebot? Spannend war, dass ich auf Facebook für diese Gedanken von Klassik-Fans scharf kritisiert wurde, gleichzeitig kritisierte ein Redakteur der Frankenpost, dass ich steuerfinanzierte Theater überhaupt als Raum für Experimente verteidige. Meine Lehre: Die Innenansicht der aktuellen Kulturpolitik unterscheidet sich fundamental von der Außenansicht. Ein Hinweis, dass Debatte nottut, damit uns der Laden nicht um die Ohren fliegt.

Who the f*** is Bert?

Er hat 60.000 Follower auf Instagram, feiert mit seinem Kanal gerade den ersten Geburtstag – und immer mehr Opernhäuser laden ihn ein. »Opera Bert« heißt in Wahrheit Bert Heldt. In breiten Teilen des Feuilletons ist er umstritten, von vielen Häusern aber wird er geliebt: Weil er Klassik mit purerer Begeisterung verbindet. Im aktuellen Podcast von BackstageClassical lerne ich Bert kennen. Der ehemalige Wirtschaftsstudent aus Mexiko will vor allen Dingen eines – seine Euphorie für die Oper teilen. Kulturkritik interessiert ihn nicht. Stattdessen will er Leuten, die noch nie in der Oper waren, das »erste Mal« nahebringen. Zum Podcast und Artikel hier entlang.      

Anzeige

Met verliert Saudi-Deal

Bums! Die Straße von Hormus ist geschlossen, und die Scheichs verlieren Ihre Aufmerksamkeit für die Musik. Diese Woche hat sich Saudi-Arabien aus einem Millionen-Deal mit der Met in New York zurückgezogen, der bis zu 200 Millionen Dollar über acht Jahre bringen sollte. Das Haus von Peter Gelb steht vor dem Abgrund. In einem ausführlichen Text haben wir über die neue Abhängigkeit in der Kultur von den Staaten im Golf berichtet (Antonia Munding schrieb bereits letzten September über die »Pipelines der Abhängigkeiten«): Nikolaus Bachlers Salzburger Osterfestspiele werden derzeit von Katar finanziert, und das Land kooperiert auch mit der Art Basel oder der Biennale in Venedig, Saudi-Arabien will über 50 Millionen Euro in die Renovierung des Centre Pompidou investieren. Unsichere Abhängigkeiten.

Somewhere over the Rainbow

Die Debatte um die Adaption des Rainbow Waltz von Florence Price, den die Wiener Philharmoniker beim Neujahrskonzert spielten, spitzt sich in den USA erneut zu. Offensichtlich wurde ein Arrangement der schwarzen Komponisten Valery Coleman vom Wiener Orchester abgelehnt – stattdessen gab es die besonders seichte Variante (ohne Blue note und schwarze Rhythmen) bei Wolfgang Dörner in Auftrag. Der Philadelphia Inquirerer fragt nun, ob das österreichische Orchester damit gleich zwei schwarze Frauen düpiert habe. Die ganze Story hier.  

Wie geht es weiter in Salzburg?

Karin Bergmann (Foto: Neumayr, Salzburger Festspiele)

In Salzburg werden noch immer Wunden geleckt. Die alten Markus Hinterhäuser-Verteidiger träumen schon von einem Gegen-Festival in Wien (mit den Wiener Philharmonikern), während die Kulturpolitik Nägel mit Köpfen macht. Bereits im September sollen die ersten Hearings für die Intendanz stattfinden, damit dürfte noch vor Weihnachten ein Hinterhäuser-Nachfolger (oder Nachfolgerin) feststehen. Auch die Stelle der Präsidentin wird neu besetzt – kann sich Kristina Hammer halten, oder wird auch sie (im Sinne eines vollkommenen Neuanfangs) ihren Stuhl räumen müssen? Hier kursieren die Namen vom ehemaligen Bundestheater-Manager Christian Kircher oder (jedenfalls vor ihrem Rücktritt in Berlin) Sarah Wedl-Wilson. Neu debattiert werden wohl auch die Kosten für den Umbau. Aus dem Umfeld von Kulturminister Andreas Babler ist zu hören, dass der Betrag für die Komplett-Sanierung wohl doch ein wenig zu hoch in Zeiten des Sparens sei. Wird am Ende doch nur das große Festspielhaus saniert? Und dann ist da noch die Frage nach der Klassik-Kompetenz von Interims-Intendantin Karin Bergmann – warum setzt sie sich öffentlich andauernd für Teodor Currentzis ein und vergleich ihn mit Anna Netrebko? Hier mein Brief an sie.          

GEMA-Perspektiven

Kurz vor der anstehenden Abstimmung über die GEMA-Reform hatte der Komponist Alexander Strauch bei BackstageClassical erklärt, warum Verlage und Veranstalter die Konsequenzen der Reform zu spüren bekommen. Letzte Woche haben wir exklusiv darüber berichtet, dass der Komponist Peter Ruzicka beim Kartellamt gegen die Reform der GEMA Beschwerde eingelegt hat – er sieht die Existenz der so genannten »Ernsten Musik« gefährdet. Nun kommt bei uns auch die Gegenseite zu Wort. Der Filmkomponist Anselm Kreuzer erklärt in seinem Essay, warum er eine Reform für dringend nötig hält und spricht damit als Vorstandsvorsitzender auch für den ComposersClub.

Anzeige

Personalien der Woche

Der französische Countertenor Philippe Jaroussky hat seine für April 2026 geplante Tournee durch Nordamerika kurzfristig absagen müssen. Grund dafür sind massive Verzögerungen bei der Erteilung von Arbeitsvisa- +++ Rainer Heneis von der Stiftung Mozarteum wird neuer Kaufmännischer Vorstand des künftigen Staatstheaters Regensburg. +++ Die Entscheidung über die künstlerische Leitung von PODIUM Esslingen verzögert sich – Intendant Joosten Ellée bleibt länger im Amt. Gleichzeitig startet das Festival 2026 unter dem Motto »Music for Aliens« mit einem breit angelegten, partizipativen Programm. +++ Michael Tilson Thomas, einer der prägenden Dirigentenpersönlichkeiten der amerikanischen Musikszene, ist tot. Der langjährige Chef des San Francisco Symphony Orchestra starb im Alter von 81 Jahren. Hier unser Nachruf.

Anzeige

Und wo bleibt das Positive, Herr Brüggemann?

Ja, wo zum Teufel bleibt es nur? Unser Autor Stephan Knies reist regelmäßig in den Norden Europas, um Orte zu suchen, an denen ein wenig anders mit Musik umgegangen wird als bei uns. In seiner Kolumne Nordlicht stellt er nun »die kleinste Tosca der Welt« vor: Die Folkoperaen in Stockholm spielt Puccinis Meisterwerk in 40 ausverkauften Vorstellungen – mit einem geschrumpften Orchester und allerhand Nähe zum Publikum. Lesen Sie den Reisebericht hier. Aber auch sonst ist es spannend wie selten: Die Oper Leipzig entdeckt gerade Albert Lortzing neu, und an unseren Opernhäusern scheint die Lust, an einer neuen Bedeutung von Oper zu tüfteln, in der kommenden Saison groß zu sein: Das zeigte bereits unser erster Spielplan-Check der großen Häuser, diese Woche werden bei BackstageClassical die mittleren und kleineren Häuser auf dem Prüfstand stehen (hören Sie dazu auch den Podcast Takt & taktlos, in dem ich mit Hannah Schmidt die neuen Spielpläne diskutiere).      

In diese Sinne: Halten Sie die Ohren steif! 
Ihr
Axel Brüggemann

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

Fördern

Artikel auf BackstageClassical sind kostenlos. Wir freuen uns, wenn Sie unabhängigen Klassik-Journalismus fördern.

Mehr aktuelle Artikel

»Es war Mord« – Bachmanns Malina als Oper

Mit Ingeborg Bachmanns »Malina« wagen sich die Schwetzinger SWR Festspiele an einen der rätselhaftesten Texte der Nachkriegsliteratur. Aus dem fragmentarischen Bewusstseinsstrom formt das Komponistenduo eine atmosphärisch dichte Oper.

Ein Kopfstand für die Staatskapelle

Wie Peter Gülke die Stasi verwirrte. Ein schmunzelnder Nachruf von MDG-Chef Werner Dabringhaus. English summary: Obituary for conductor and scholar Peter Gülke highlights his profound impact on music and thought. Werner Dabringhaus

La Fenice trennt sich von Beatrice Venezi

Nach monatelangem Streit beendet das Teatro La Fenice in Venedig die Zusammenarbeit mit der designierten Musikdirektorin Beatrice Venezi. Auslöser sind scharfe öffentliche Äußerungen der Dirigentin über das Orchester; sämtliche Projekte werden gestrichen.

Liebe Karin Bergmann,

Karin Bergmann hält an Teodor Currentzis bei den Salzburger Festspielen fest. Warum das ein Fehler ist. Ein Brief an die Intendantin.

Das Ende der Kulturpolitik

Der Rücktritt von Berlins Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson ist konsequent. In Wahrheit aber ist er mehr als das politische Aus einer Politikerin. Er ist der Anfang vom Ende der alten Kulturpolitik in der

Wer ist dieser Bert?

Ein Opernfan erobert das Netz: »Opera Bert« begeistert mit Arien zwischen Alltag und Algorithmus – und zeigt, wie nahbar klassische Musik für eine neue Generation sein kann. Ein Podcast und ein Porträt.

Musik war seine Identität

Michael Tilson Thomas, einer der prägenden Dirigentenpersönlichkeiten der amerikanischen Musikszene, ist tot. Der langjährige Chef des San Francisco Symphony Orchestra starb im Alter von 81 Jahren.

Wiener Regenbogen-Walzer sorgt weiter für Aufregung

Die Kritik an Florence Prices »Rainbow Waltz« beim Wiener Philharmoniker-Neujahrskonzert spitzt sich zu: Offensichtlich wurde ein Arrangement der schwarzen Komponisten Valery Coleman von Orchester verworfen – und stattdessen eine »eingewienerte« Version bevorzugt.

Verpassen Sie nicht ...