Liebe Karin Bergmann,

April 26, 2026
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Karin Bergmann (Foto: Schlager)

ich weiß, Sie haben viel zu tun: Sie müssen die kommenden Salzburger Festspiele wuppen, die Lücken im Zukunftsprogramm stopfen und dann noch zwischen dem Gestern und Morgen vermitteln. All das im Wissen, dass schon bald jemand anderes Ihren Job übernehmen wird  – bereits im September sollen die Hearings für ihre Nachfolge stattfinden.

Und, ja – Sie sind die Richtige in dieser komplizierten Zeit! Aber bei aller Lobhudelei: Passen Sie auf, dass Sie nicht zur großen Relativiererin schrumpfen.

Sie sind im Amt, weil Ihr Vorgänger Fehler gemacht hat. Verständlich, dass Sie nun das alte Team mitnehmen wollen, dass Sie den Rückblick beschönigen, weil Sie wissen, dass die Zukunft eh vollkommen neu wird. Geschenkt!

Aber, dass Sie immer wieder betonen, dass Sie am Hinterhäuser-Dirigenten Teodor Currentzis festhalten wollen, ist befremdlich. Sie argumentieren: Man habe gerade in Krisenzeiten die Musik schon immer als »Brückenbauerin« verstanden. Und überhaupt: Currentzis und Netrebko hätten ja auch Wurzeln in Russland. Das müsse man verstehen. Schweigen sei schließlich keine Befürwortung des Krieges.

Liebe Frau Bergmann: Abgesehen davon, dass wir derzeit nicht in Zeiten des Kalten Krieges leben, sondern Russland täglich Zivilisten in der Ukraine ermordet, ist Anna Netrebko seit Jahren nicht mehr in Russland aufgetreten. Ihr Schweigen zu Putins Krieg wird von ihrem Handeln (ihrer Entscheidung für Europa) begleitet. Ganz anders Teodor Currentzis. Er ist freiwillig (!) Russe geworden – und zwar nach der Annexion der Krim! Seine Kunst wird noch immer von Kriegs-Firmen wie Gazprom oder der VTB-Bank finanziert. Auf den Europa-Reisen haben Musiker seines Ensembles MusicAeterna die deutsche Politik verunglimpft und deutsche Journalisten mit Nazis verglichen. Er hat auch da geschwiegen!

Kein Wunder, dass inzwischen selbst die größten Verfechter von Markus Hinterhäuser (etwa in der FAZ oder bei der Süddeutschen) das Engagement von Currentzis kritisch betrachten, dass Le Monde seinen Russland-Machenschaften gerade einen großen Text gewidmet hat.

Liebe Karin Bergmann, blicken Sie in die Gründungsakte der Salzburger Festspiele, in der Max Reinhardt, Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss über die kulturelle und moralische Verantwortung der Kunst schreiben.

Liebe Karin Bergmann, Naivität ist keine Grundlage, um vergangene Konflikte in Zukunft zu lösen.

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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