Absagen mit Ansagen

Juni 1, 2026
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Milo Rau in Sturmmaske bei der Pressekonferenz der Wiener Festwochen
Milo Rau in Sturmmaske bei der Pressekonferenz der Wiener Festwochen (Foto: Privat)

Willkommen in der neuen Klassik-Woche,

Heue mit zwei vorhersehbaren Absagen, mit einem verklemmten SWR, einem offenherzigen Hans Werner Henze und bedrohlichen, kulturpolitischen Szenarien.

Absage mit Ansage I

Mein Brief an Elīna Garanča war eigentlich nur als Fingerübung gedacht: Ein Staunen darüber, wie es eine Weltklasse-Sängerin zustande bringt, wenige Wochen vor Probenbeginn bei den Salzburger Festspielen festzustellen, dass sie die geplante Rolle der Ariadne nun doch nicht singen kann oder will. Erstaunt haben mich die heftigen Kommentare auf den Text in den sozialen Medien: Man müsse die Sängerin doch verstehen, eine Rolle würde lange einstudiert, der Stress sei hoch, man könne so etwas nicht langfristig planen. Mit anderen Worten: »Bitte mehr Demut, Brüggi, vor der Kunst!« Überzeugt hat mich all das nicht: Die Salzburger Festspiele sind die Champions League der Oper. Es werden Ticketpreise von über 400 Euro gezahlt – nicht, um zu sehen, ob eine Sängerin eine Rolle beherrscht, oder nicht! Dass die Ariadne kein Nebenbei-Geträller für einen Mezzo ist, war absehbar. Kann man das nicht erst einmal an einem kleineren Haus ausprobieren? Kann man das nicht rechtzeitig mit dem Dirigenten (Manfred Honeck) einstudieren? Und was ist mit den Korrektiven des Marktes? Dem Intendanten (Markus Hinterhäuser)? Dem Management (GM Art & Music und Intermusica)? Den Beratern? Klar, abzusagen ist besser, als sich zu überheben. Aber wenige Wochen vor Probebeginn? Lange nach dem Kartenvorverkauf? Nein, das war eine Absage mit Ansage. Da darf sich am Ende niemand über Kritik wundern.   

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Absage mit Ansage II 

In diesem Newsletter habe ich mich immer wieder an Milo Rau gerieben: Als ich ihm absagte, für ihn den »Ankläger« von Teodor Currentzis zu spielen, als er den Bogen des eigenen Schaffens zu Christoph Schlingensief zog – und, klar, auch als er nun bei den Wiener Festwochen den Tech-Undemokraten Peter Thiel einladen wollte (hier der Podcast dazu). Ein österreichisches Satiremagazin witzelte über eventuelle weitere Gäste von Rau: Werden Anders Behring Breivik oder Ghislaine Maxwell kommen? Inzwischen haben zu viele Künstlerinnen und Künstler gedroht, Raus Veranstaltung zu boykottieren, und der Intendant musste Thiel wieder ausladen (wie zuvor bereits schon Currentzis). Die Methode: Skandal brüllen und dann schell wegrennen, wird immer peinlicher. Vielleicht sollte es bei den Festwochen irgendwann mal wieder um Kunst gehen? Ich habe Peter Thiel einen Brief geschrieben.

Die Kommunikations-Strategen des SWR

Ein Dauerthema bei BackstageClassical ist auch der Umgang des SWR mit seinen Problem-Dirigenten und das journalistische Selbstverständnis des Senders. Unsere Autorin, die Pianistin Shoko Kuroe, wurde als Opfer sexueller Gewalt vor einigen Monaten als Interviewpartnerin für eine SWR-Dokumentation angefragt und war erstaunt über die Herangehensweise des Senders. Zwar sollte es um Machtmissbrauch in der Musikszene gehen, wohl aber nicht um das Thema François-Xavier Roth (auf eine Nachfrage von BackstageClassical antwortete der Sender damals nicht). Nun hat Kuroe sich den Film (an dem sie letztlich nicht mitgewirkt hat) angesehen und in einem sehr lesenswerten Text sachlich und ohne Schaum vor dem Mund aufgeschrieben, welche überkomme Narrative die Reportage bedient: Weiterhin werden Täter als »Genies« betitelt, ihre ebenfalls exzellent musizierenden Opfer bleiben aber lediglich »Opfer«. Dass der SWR ungern kritisiert wird, zeigt sich derweil auch wieder auf Facebook: Jemand, der moniert, dass das Orchester für ein aufwändiges Mini-Gastspiel nach Slowenien jettet und Roth attestiert, dem Orchester mit seinem »anrüchigen Renommee« geschadet zu haben, wird vom Sender zurechtgewiesen »respektvoll zu bleiben« um dann – nach weiterem Hin und Her (»Wir sind alle von diesem Management zu Genüge für dumm verkauft worden, gerade in Sachen FXR!«) – angedroht zu bekommen, dass Kommentare »entfernt oder nicht freigegeben« werden. Wer seine Kritiker andauernd cancelt, kritischen Journalisten den Raum im eigenen Sender nimmt und Hörerinnen und Hörer in sozialen Medien einschüchtert, darf sich nicht wundern, wenn er mehr als die Akzeptanz des eigenen Senders aufs Spiel setzt. Wann endet der Spuk, den Kai Gniffke, Anke Mai und Sabrina Haane da verantwortet?  

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»Haben Sie eine Badehose mit?«

Am 1. Juli wäre Hans Werner Henze 100 Jahre alt geworden. Ich erinnere mich in einer Sonderausgabe des BackstageClassical-Podcasts an unsere erste Begegnung – damals auf seinem Anwesen in Marino bei Rom. Ob ich eine Badehose mithabe, wollte Henze bereits am Telefon im Hotel wissen. Als ich verneinte, sagte er: Kein Problem, ich könne bei ihm auch ohne Badehose schwimmen. Was folgte, war ein intensives Gespräch, das einen ganzen Tag lang dauerte: Über seine Liebe zu Ingeborg Bachmann, seine Wut über Max Frisch, über seine Kampf gegen das Establishment in Donaueschingen, seine Homosexualität in der Nazi-Zeit. Ich habe aus all dem ein 30minütiges Feature zusammengeschnitten – nur aus O-Tönen Henzes. Und den möchte ich Ihnen im Vorfeld seines Geburtstags sehr ans Herz legen. 

   

Mit Kultur an die Macht?

Die AfD in Sachsen-Anhalt hat sich ein Programm gegeben, im dem Kultur das Fundament sein soll und der »Stolz-Pass« (die nennen das wirklich so!) jeder Familie Zugang zu den Kulturinstitutionen ermöglichen soll. Kultur scheint ein beliebtes Einfallstor für alle zu sein, die Macht und Einfluss ausbauen oder zementieren wollen. Warum ist das so, hat sich der Hessische Rundfunk diese Woche in einer Sendung und einem Podcast gefragt? Weil Kultur der Förderung bedarf und deshalb besonders anfällig ist? Weil sich mit Kultur am leichtesten das Denken und Fühlen sehr vieler Menschen erreichen und beeinflussen lässt? Moderator Oliver Glaap spricht über die Rolle der Kultur in der Politik mit Hélène Miard-Delacroix, Politikwissenschaftlerin an der Sorbonne Université in Paris, dem langjährigen ARD-Korrespondenten in Polen, Martin Adam, mit Barbara Steiner, Kunsthistorikerin und Direktorin der Stiftung Bauhaus Dessau und mit mir – dieses Mal auf Grund unseres sechsteiligen ARD-Podcasts Klang der Macht, in dem ich das Kulturnetzwerk Vladimir Putins in einem spannenden Klassik-Krimi von 1989 bis heute nachverfolge (hier nachzuhören). Den Diskussions-Podcast Kultur der Mächtigen des Hessischen Rundfunks gibt es hier nachzuhören

Bayreuth in Endabstimmungen

Letzte Woche haben wir bereits berichtet, dass auch Richard Wagner endlich eine Playmobil-Figur hat – nach Mozart, Bach oder Luther. Diese Woche kamen nun auch die Stiftung Händel-Haus (Händel-Festspiele Halle) und das Stadtmarketing Halle auf die einzigartige Idee, eine Playmobilfigur von Georg Friedrich Händel anfertigen zu lassen! Der Einfallsreichtum in den PR-Abteilungen ist gigantisch! Auf anderer Ebene gibt es auf dem Grünen Hügel weniger Bewegung: Der Nordbayerische Kurier berichtet, dass ungeklärte Zuständigkeiten, offene Governance-Fragen und eine noch nicht abgeschlossene Neufassung der Geschäfts- und Finanzordnung die Berufung des designierten General Managers der Bayreuther Festspiele, Matthias Rädel verzögern. Auf Anfrage erklärte das bayerische Kultusministerium, die neue Organisationsstruktur befände sich zwar in »Endabstimmung«, Verträge könnten jedoch erst nach deren finaler Ausgestaltung abgeschlossen werden. 

Die neue Playmobilfigur von Händel (Foto: Halle Stadtmarketing)

Personalien der Woche

Absage für Thiel in Wien und Absage für Donald Trump in Washington: Ein US-Bundesrichter hat am Freitag entschieden, dass das Kennedy Center weder vorübergehend für eine jahrelange Renovierung geschlossen noch ohne Zustimmung des Kongresses umbenannt werden darf. Das Gesetz zur Gründung des Kulturzentrums lasse eindeutig festlegen, dass es nach Präsident John F. Kennedy benannt ist und keinen anderen offiziellen Namen tragen könne. Der Name Trump muss also wieder von der Fassade entfernt werden! Es gibt sie noch – die guten Nachrichten! +++ Vor dem Hintergrund von Überlegungen, die Theater Chemnitz aus Kostengründen strukturell zu verändern und Sparten zusammenzulegen, will die Stadt 40 Millionen Euro aus dem Sondervermögen »Infrastruktur und Klimaneutralität« in Oper und Theater investieren. +++ Der italienische Cellist Ettore Pagano hat den Internationalen Königin-Elisabeth-Wettbewerb 2026 in der Sparte Cello gewonnen. Mit dem Queen Mathilde Prize erhält er 25.000 Euro, Konzertengagements im In- und Ausland sowie für vier Jahre ein Goffriller-Cello (Casals) als Leihgabe der Pau-Casals-Stiftung; den zweiten Preis (20.000 Euro) gewann Tae-Yeon Kim.

Und wo bleibt das Positive, Herr Brüggemann?

Der Rudolf Buchbindersaal in Grafenegg (Foto: Grafenegg)

Ja, wo zum Teufel bleibt es nur? Vielleicht ja hier? Am Wochenende war ich im österreichischen Grafenegg. Zum einen, weil ich hier eine lange, sehr persönliche Verbindung habe, zum anderen, weil hier am Freitag tatsächlich passiert ist, was derzeit nur selten passiert: Mit dem Rudolf Buchbinder Saal ist ein neuer Kammermusiksaal eröffnet worden. Natürlich vom Pianisten (und künsterlischen Leiter in Grafenegg) Rudolf Buchbinder persönlich. Gekommen war selbst Salzburgs Festspielpräsidentin Kristina Hammer – lange galt das Festival in Niederösterreich als No-Go für den Salzburg-Klüngel. Als Zugabe spielte Buchbinder zwei Tänze aus seinem neuen Album Treasures. Und, was soll ich sagen: Buchbinder, der im Dezember 80 Jahre alt wird, spielt diese Miniaturen, in deren Nukleus die Spannung von innigster Freude und tiefster Trauer, von Himmel und Erde, für Energie sorgt, mit einer derartig frischen Spiellust, mit geistvoller Melancholie, stürmischer Energie und weiser Nachdenklichkeit. Das beschwingt Wienerische kommt hier stets aus dem Bauch, verkörpert eine Gelassenheit im Angesicht des Lebens – und wird nie zum Pathos. Unbedingt reinhören!

In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif.

Ihr

Axel Brüggemann     

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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Unser Newsletter: Heute mit bösen Kriegstreibern, guten Abgängen, einem traurigen Verlust, perversen Abfindungen und entspannten Spaziergängen durch Salzburg und Bayreuth. 

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