
Willkommen in der neuen Klassik-Woche,
während Dirigenten mangelndes Gespür für die Musik in den Intendanzen bemängeln, kritisieren nun einige Intendanten das zunehmend mangelnde Engagement ihrer musikalischen Leiter. Und das ist nur eine Debatte dieser Woche!
Dirigenten müssen liefern!

Ich war erstaunt, wie viele Intendantinnen und Intendanten sich bei uns gemeldet haben, um auf den Podcast zu reagieren, in dem die Dirigentin Marie Jacquot sich der wachsenden Kritik von Dirigentinnen und Dirigenten anschloss und die These vertrat, dass die Musik in vielen Opern-Intendanzen eine immer kleinere Rolle spiele (schon die Woche zuvor hatten wir uns in einem ausführlichen Essay um die Frage der »verlorenen Generation« von Dirigenten gekümmert). Einige Intendantinnen und Intendanten wollten das so nicht stehenlassen und haben zurückkritisiert: Dirigenten zeigen oft viel zu wenig Interesse an einer intensiven Kooperation mit Regisseuren, hieß es. Zum Teil seien sie schon bei der Bauprobe nicht anwesend, würden sich dann aber bei der ersten Bühnenprobe über das akustisch schlechte Bühnenbild beschweren. Alltägliche Arbeiten von GMD würden im Theateralltag einfach nicht wahrgenommen und an Studienleiter oder Chordirektoren delegiert. Viele GMD würden in der Weltgeschichte umherreisen und nicht einmal die Premieren-Produktionen am eigenen Haus besuchen, die von anderen dirigiert würden, hieß es. GMD seien oft nur auf »Stippvisite« an ihren Häusern und nicht – wie es nötig wäre – regelmäßig. Oft würde der Betrieb hauptsächlich von Kapellmeistern aufrecht erhalten, die vollkommen unkontrolliert »ihr Ding« machten. Mich hat erstaunt, wie viele Intendantinnen und Intendanten sich gemeldet haben. Sagen wir es so: Es scheint einen ernsthaften Konflikt zu geben. Und es ist Zeit, dass die Fronten innerhalb der Häuser sich wieder annähern.
Das Theater ist kein REWE
Was ist die Rolle eines Stadttheaters? Ich habe mich darüber mit Neil Barry Moss unterhalten, dem designierten Generalintendanten in Münster. Die Häuser sollen in die Stadt wirken, sagt er, das Ensemble Teil der Stadtgesellschaft werden. Die Aufführungen müssen anregen, aufregen und betören. Theater muss sich individuell der jeweiligen Stadt anpassen und darf nicht genormt sein wie eine REWE-Filiale. Moss will »Zucker und Gemüse« anbieten. Hier das ganze Porträt und Gespräch, das wir beim Wagner-Kosmos in Dortmund aufgenommen haben. Es geht auch um die Bayreuth- und Dortmund-Koproduktion von Brünnhilde brennt (Moss wird inszenieren), um den Abschied in Coburg und über lang geplante Tätowierungen.

Purer Antisemitismus!
Schon wieder Protest wegen Lahav Shani. Dieses mal sind drei Mitglieder des Bozar-Aufsichtsrats in Brüssel zurückgetreten – wegen eines anstehenden Gastspiels des israelischen Dirigenten mit den Münchner Philharmonikern. Dabei hat Shani bereits vor und nach den letzten Protesten in Gent klar Position bezogen und den Krieg von Benjamin Netanjahu verurteilt. »Die Bilder und Zeugnisse aus Gaza sind zutiefst erschütternd … Alles muss getan werden, um den Krieg so schnell wie möglich zu beenden«, sagte er damals. Wer diesen Dirigenten nun dennoch boykottiert, allein auf Grund seiner Herkunft, handelt grob antisemitisch. Die ganze Geschichte hier.
Performatives gähnen?
Hannah Schmidt und ich haben auf dem Deutschen Orchestertag gleich zwei Podcasts live mit Publikum aufgenommen. Die Folge, in der wir Gäste wie Hanns Eisler-Rektorin Andrea Tober, ROC-Chef Anselm Rose oder DSO-Vordenkerin Marlene Brüggen zu Gast haben, heben wir uns für eine Sondersendung auf – bereits jetzt nachzuhören ist unsere »ganz normale Folge« von Takt&taktlos, in der es dieses Mal ziemlich zur Sache geht: Wie skandalös sind Florentina Holzinger oder Milo Rau? Worunter leiden deutsche Orchester derzeit am meisten? Und ist der Solidaritätsfonds, in dem sich Kulturinstitutionen gegenseitig helfen wollen, eine gute Idee? Hannah und ich sind bei vielen Themen durchaus entgegengesetzter Meinung – was uns eint: die Lust an der Debatte! Die aktuelle Podcast-Folge gibt es hier, aber folgen Sie uns gern auch auf Spotify oder applePodcast, um keine Sendung zu verpassen!
Der Verbrenner-Motor der Klassik
Der am meisten gelesene Text bei BackstageClassical in dieser Woche beginnt damit, dass ein Opernabend mit Christian Thielemann an der Staatsoper nicht ausverkauft war. Eigentlich kein Problem. Aber Grund genug, um einer grundsätzlichen Frage nachzugehen: Wie sieht eigentlich die Zukunft der Musik aus? Erleidet sie vielleicht gerade das gleiche Schicksal wie der Verbrennermotor? Eine veraltete Kunstform, die den Fortschritt verpennt und einfach weiter auf Unterstützung hofft? Ich habe versucht, das mal ausführlich aufzudröseln.

Personalien der Woche
Das Landestheater Coburg bekommt einen neuen Intendanten: Der Theatermacher Ulrich Peters übernimmt mit Wirkung zum 1. Juni die Interimsintendanz und wird damit Nachfolger von Neil Barry Moss. +++ SWR-Mann Kai Gniffke hat in einem Interview mehr Wahrheit und weniger Meinung in den Medien gefordert. In meinem Brief von Brüggi frage ich ihn, wie er es denn selbst so mit der Offenheit hält – damals mit Teodor Currentzis und nun mitFrançois-Xavier Roth, der bei den Pfingstfestspielen in Baden-Baden tatsächlich Strauss‘ Oper um den übergriffigen Ochs auf Lerchenau, den Rosenkavalier, dirigiert hat. +++ Die britische Sopranistin Felicity Lott starb im Alter von 79 Jahren. Mit ihr verliert die Opernwelt eine der prägenden lyrischen Stimmen ihrer Generation: Klugheit, Schönheit, Klarheit.
Und wo bleibt das Positive, Herr Brüggemann?
Ja, wo zum Teufel bleibt es nur? Vielleicht ja hier. Diese Woche war ich viel unterwegs: vom Orchestertag in Berlin über mein Format Playlist mit den Bremer Philharmonikern (Giovanni di Lorenzo hat sich viel Italianità gewünscht), weiter nach Dortmund, wo an der Oper der Kosmos Wagner debattiert wurde. Was ich mitgenommen habe: Es wird endlich wieder lustvoll debattiert – über die Zukunft von Orchestern, die Perspektiven von Opern, den ästhetischen Weg von Interpretationen. Es scheint überall angekommen zu sein, dass Wandel seit jeher ein guter Begleiter der klassischen Musik gewesen ist. Und, ja: Allerorten wird gespart, die Welt liegt im Chaos. Aber die Schockstarre scheint zu schwinden, viele Gehirne beginnen wieder zu tanzen, alte Strukturen neu zu denken, Experimente zu wagen und andere Wege einzuschlagen. Ich habe das Gefühl, dass unsere Kunst selten so vielfältig, so offen und so debattierfreudig war wie in diesen Tagen. Das macht Spaß, das öffnet die Horizonte.

In diesem Sinne: halten Sie die Ohren steif
Ihr
Axel Brüggemann

