Die kleinste Tosca der Welt

April 22, 2026
1 min read
Die Folkoperaen in Stockholm (Foto: Folkoperaen)

Gibt es einen anderen Ort auf der Welt, an dem in einem einzigen Jahr über 40 Vorstellungen „Tosca“ gespielt werden – vor vollem Haus? Wer das schafft, muss einiges richtig machen – davon erzählt das heutige NORDLICHT.

English summary: Stockholm’s Folkoperan stages a highly successful Tosca with over 40 sold-out performances a year. Despite limited space and budget, a small orchestra and innovative staging create an intimate, powerful experience in Swedish, attracting young audiences and touring beyond the city.

Wir sind wieder im Norden, in Stockholm. Da gibt es das Königliche Opernhaus, mit glanzvoller Geschichte, großen Namen und auch tollen Formaten in der Gegenwart. Doch die unmittelbare Zukunft mit der anstehenden Sanierung wirft lange Schatten voraus und wird das Haus vor einige Herausforderungen stellen. Die gibt es auch weiter südlich, wenn man über zwei Brücken vom großen Opernhaus in den Stadtteil Södermalm kommt, da steht die Folkoperan, die Volksoper.

In dem umgebauten Jugendstil-Kino gibt es fast keine Bühnentiefe, keinen Orchestergraben, weder Platz noch Geld für ein eigenes singendes Ensemble oder gar ein Hausorchester. Und doch – große Oper vor vollem Haus, dieselbe Inszenierung mehrere Monate am Stück: Hier geht das!

Die Operndiva Tosca, ihr malender Geliebter Cavaradossi und der fiese Polizeichef Scarpia singen auf Schwedisch, es gibt also keine Sprachbarriere. Dirigent Henrik Schaefer, ehemals Mitglied der Berliner Philharmoniker und schon lange Musikdirektor der Folkoperan, hat die Partitur clever uminstrumentiert.

Kleines Orchester

Keine zwei Dutzend Orchestermusiker bringen Puccinis Partitur erstaunlich klanggewaltig zum Klingen. Dazu spielen sie mal hinten auf, mal in einem Parkhaus unter der Bühne (!) durch Klangluken; die Sängerdarsteller sind ohne den trennenden Graben in der Folkoperan so nah an ihrem Publikum wie in wohl keiner anderen Puccini-Produktion auf der Welt.

Dazu passend wurde der Regisseur für diese Tosca mit Bedacht ausgewählt: Eirik Stubø arbeitet hauptsächlich im Schauspiel – das sieht und spürt man, jede Geste und jede Gefühlsregung ist detailliert ausgearbeitet. Das Ganze ist so erfolgreich, dass nicht nur in der Hauptstadt ein ausgesprochen junges Publikum die Folkoperan stürmt und eben für unfassbar viele volle Vorstellungen im En-Suite-Betrieb sorgt: Zwischendurch fährt das Ensemble ins eine halbe Tagesreise nördliche gelegene Umeå, die dortige Norrlandsoperan hat koproduziert. Und im Sommer kommt diese packende Produktion sogar in die große Opern-Air-Eventarena in Dalhalla, einen ehemaligen Steinbruch.

Soll und kann ein solches Format ein »richtiges« Opernhaus ersetzen? Natürlich nicht. Aber die Ideen, die teilweise den baulichen Gegebenheiten der Spielstätte, teilweise dem Budget, teilweise der Geschichte der Institution Folkoperan entsprungen sind, sorgen dafür, dass hier vieles neu oder anders gedacht wird. Von solchen Nordlichtern zu lernen, ist großartig. Ich freue mich schon auf den nächsten Besuch! 

Links: 
Zum Tosca-Open-air im August
Zur Tosca in der Folkoperan
zur Norrlandsoperan in Umeå

Stephan Knies

Stephan Knies ist Dramaturg, Musiker, Librettist und Autor und schnell begeistert von gutem Theater-Handwerk, frischen Ideen und ungewöhnlichen Formaten. Seine Opern-Moderationen, beispielsweise für sein Ensemble »D´Accord« und dessen Wagner-Paraphrasen im Haus Wahnfried in Bayreuth oder in der Hamburger Elbphilharmonie, stoßen beim Publikum auf relativ wenig Ablehnung. Ein Schwerpunkt seiner Reisetätigkeit für Magazine wie die »Opernwelt« ist Nordeuropa – von Riga bis Reykjavik.

Fördern

Artikel auf BackstageClassical sind kostenlos. Wir freuen uns, wenn Sie unabhängigen Klassik-Journalismus fördern.

Mehr aktuelle Artikel

BackstageClassical ist in den Sommerferien

Die Klassik-Welt dreht weiter, aber wir machen Ferien. Am 1. September sind wir wieder für Sie da – mit täglichen News aus der Welt der Klassik. Bis dahin hier ein wenig Lektüre und

Publikumsbeschimpfug ist auch keine Lösung, Herr Mondtag

Ersan Mondtag nennt das Salzburger Publikum nach den Buh-Rufen für seine „Ariadne auf Naxos“ provinziell. Doch wer Kritik als Unfähigkeit abtut, verwechselt künstlerischen Anspruch mit Überheblichkeit – und verliert den Respekt vor

Friedman, Rienzi, Ring und Co. – eine Bayreuth-Bilanz

Peter Huth, ehemaliger Chefredakteur der Welt am Sonntag und Kommunikationschef von Axel Springer, bespricht mit Axel Brüggemann die erste Festspielwoche im Podcast von BackstageClassical. Auch Nathalie Stutzmann, Michel Friedman oder Katharina Wagner

Warum fällt Hinterhäuser der Abschied so schwer?

Markus Hinterhäuser ist nicht mehr Intendant der Salzburger Festspiele. Dennoch ist er allgegenwärtig. Der Streit um seine Trennung wirft Fragen nach Transparenz auf – und nach der Fähigkeit, ein Amt auch wirklich

Rienzi ist Wagners Monster

Die Dirigentin Natalie Stutzmann und die Regisseurinnen Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka haben in Bayreuth mit ihrer Lesart von Wagners Rienzi begeistert – hier blicken sie hinter die Kulissen und erklären Ihre Ansätze.

Neuer Blick auf Karajan

Karajans Rolle im Nationalsozialismus muss historisch genau betrachtet werden, sagt Biograf Wolfgang Rathert und fordert wissenschaftliche Sachlichkeit in der Karajan-Debatte. Dabei attestiert er dem Dirigenten Skrupellosigkeit in seiner Karriere.

12 Wurstfinger und ein König

Der KI-Ring in Bayreuth ist ein anstrengendes Unterfangen. Die von Marcus Lobbes kuratierten Bilder erinnern an die Pionierzeit der künstlichen Intelligenz. All das scheint nicht nur das Publikum abzulenken, sondern auch das

Diktator sind wir alle

150 Jahre Bayreuth: Zwischen Festakt und Rienzi drehen die Festspiele ihre eigene Geschichte durch den Necker-Würfel. Ein Essay über Erinnerung, Macht, Populismus – und die Verantwortung jedes Einzelnen.

Lieber Igor Levit,

Igor Levit und Danger Dan dürfen beim ZDF nicht auftreten – nun stilisieren sie sich zum Opfer. So geht PR.

Verpassen Sie nicht ...