Die neue Opernspielzeit steht vor der Tür. In Folge I checkt BackstageClassical die Spielpläne der großen Häuser: Vielfalt ist das Motto – und allerhand Namen von der Stange.
Die meisten Opernspielpläne der kommenden Saison sind erschienen. Es fällt auf, dass viele große Häuser bewusst auf Vielfalt setzen. Die Zeiten, in denen ein Theater für eine einzige Handschrift stand, sind vorbei. Zu unterschiedlich ist die Suche nach neuen Sprachen, zu divers die Ästhetik und zu vielfältig die Antwort auf die Frage, was Oper heute überhaupt noch soll. Viele Theater wollen heute »eierlegende Wollmilchsäue« sein.
Und das ist vielleicht auch gar nicht so schlecht. Denn wir leben offensichtlich in einer Zeit, in der die Oper nach neuen Formen sucht. Es stellt sich die Frage, was Oper will: pureren Eskapismus oder tiefe intellektuelle Anstrengung? Beides ist kommende Saison möglich – oft sogar am gleichen Haus.
Es scheint, trotz Sparmaßnahmen in vielen Städten, eine spannende Saison zu werden, auch wenn einige Intendantinnen und Intendanten offensichtlich noch immer gern Regisseurinnen und Regisseure von der Stange einkaufen, als sie sich selbst maßschneidern.
Hamburgische Staatsoper

Tobias Kratzers Hamburgische Staatsoper setzt gerade the state of the art in Sachen Opern-Marketing. Selbst die Krise eines Umzugs in ein Zirkuszelt erhebt Hamburg zum Happening mit einem großartigen Saison-Vorschau-Video, in dem sich der ganze Spielplan, ein nackter Macbeth aus dem Baum und ein Petruschka-Clown mit Ballwurf-Maul, auf dem Rummel dreht. Am Ende zeigt eine coole Gold-Oma das Victory-Zeichen. Das Hamburger Motto: »Oper ist das klügste Spektakel der Welt«.
Programmatisch setzen Kratzer und sein Haus – so wie andere Intendanten auch – auf einen Spagat aus Publikumsrennern und risikobereitem Neugierigmachen: Der Hausherr inszeniert Macbeth und Guillaume Tell, und auch Eugen Onegin in der Inszenierung von Bastian Kraft dürfte eine sichere Sache sein. Gespannt darf man auf Strawinskys Petruschka, gelesen von Suzanne Andrade und Esme Appleton, sein, auf Purcells Dido and Aeneas von Nils Voges und ganz besonders auf Henzes El Cimarrón in der Regie von Matthias Piro. Klug disponiert: Wer vom 6.–8.11. in Hamburg ist, kann gleich drei Premieren genießen.
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Gesamteindruck: ★★★★☆
Kampagnen-Look: ★★★★★
Innovation: ★★★☆☆
Von der Opern-Stange: ★☆☆☆☆
Semperoper Dresden

In Dresden positioniert Nora Schmid seit einiger Zeit das Haus mit Umsicht und Bedacht neu. Das macht sie in der kommenden Saison nicht nur mit einer sehr stilvollen Kampagne unter dem Titel »Stell Dir vor…« (humorvolle Sujets werden auf die einzelnen Opern zugeschnitten), sondern auch mit einem Programm, das sehr gekonnt zwischen Klassikern und Neuem tänzelt. Dass Angela Denoke Verdis Maskenball in Szene setzt, ist spannend, für den Klassiker Die lustige Witwe zeichnet Dirk Schmeding verantwortlich, und Wagners brachiale Männer-Testosteron-Oper Rienzi wird Eva-Maria Höckmayr in Szene setzen – gespannt darf man hier auch auf das Dirigat von Patrick Hahn sein. Und dann sind da noch die spannenden Trouvaillen: Torsten Raschs Musikstück Die wunderbaren Jahre (Inszenierung: Nora Bussenius) oder Martinůs Greek Passion (Elisabeth Stöppler), außerdem holt Dresden die Oper Leonora von Ferdinando Paër (Andrea Moses) und Samuel Penderbaynes Subotnik auf die Bühne. Das alles klingt nach großer Vielfalt und vielen frischen Ideen.
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Gesamteindruck: ★★★★☆
Kampagnen-Look: ★★★★☆
Innovation: ★★★★☆
Von der Opern-Stange: ★☆☆☆☆
Staatsoper Berlin
Eher traditionell geht es dagegen an der Staatsoper in Berlin bei Elisabeth Sobotka zu. Was ist aus ihren großen Plänen geworden? Allein das Saison-Video in der überfluteten Oper mutet schon wahnsinnig altbacken an. Und der Spielplan strotzt vor Routine. Die omnipräsente Lydia Steier wird Spontinis La Vestale in Szene setzen, Opern-Kitsch-Fabrikant Stefan Herheim La Calisto von Cavalli (Koproduktion mit Wien). Der ebenfalls hauptsächlich umtriebige Bertrand de Billy dirigiert Manon Lescaut, und David Bösch setzt Humperdincks Königskinder in Szene – die einzige Premiere, die GMD Christian Thielemann selber dirigiert. Tja, und dann ist noch Die Macht des Schicksals mit Philippe Jordan – Inszenierung: Casily Barkhatov. Prickelnd ist das alles nicht. Und eine Ästhetik entwickelt da auch niemand. Ein Spielplan wie aus dem Intendanten-Telefonbuch.
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Gesamteindruck: ★★☆☆☆
Kampagnen-Look: ★☆☆☆☆
Innovation: ★★☆☆☆
Von der Opern-Stange: ★★★★☆
Deutsche Oper Berlin

Gegen die Berliner Staatsoper erscheint die erste Saison des neuen Intendanten der Deutschen Oper, Aviel Cahn, regelrecht revolutionär! Sie kommt im kunterbunten Comic-Look daher: Tropfende Herzen und Schiffe mit Gesichtern. All das sieht ein bisschen nach Picasso für Arme aus, erinnert an den Look der 80er – aber inhaltlich kommt alles sehr ausgewogen daher.
Mit Mittwoch aus Licht von Stockhausen setzt Cahn gleich ein Statement – Susanne Kennedy wird inszenieren. Titus Engel dirigiert das Auftragswerk der Deutschen Oper, Bára Gísladóttirs Oper Good Vibes Only. Danach wird es dann eher sehr klassisch, und wahrscheinlich gut für die Einnahmeseite: Cosi fan tutte (vom Team FC Bergmann) und Otello (Regie: Kornél Mundruczó) werden die Leute anlocken. Cahn versucht eine Mischung aus Neuem und Altem, Provokation und Anbiederung – spannend ist sicherlich das neue Dirigenten-Trio am Haus, und die Frage, welchen eigenen Geist die Oper an der Bismarckstraße mittelfristig entwickelt.
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Gesamteindruck: ★★★★☆
Kampagnen-Look: ★★★☆☆
Innovation: ★★★☆☆
Von der Opern-Stange: ★★☆☆☆
Oper Zürich
Auch in Zürich setzt Intendant Matthias Schulz auf eine Mischung aus Publikumsrennern, scheut sich aber nicht, auch mit Neuem die Neugier zu wecken. Während die eigentlichen Sujets des Hauses (Fotos mit Neon-Effekten) sehr ansprechend wirken, ist das Saison-Video mit der Teleprompter-Ansprache des Intendanten (und dem Kamerateam im Spiegel) etwas verunglückt.
Schulz setzt auf Klassiker wie Die Zauberflöte (in der wahrscheinlich opulenten Inszenierung von Daniele Finzi Pasca), auf La Traviata (mit dem Regisseur Christoph Loy und mit – warum? – Joana Mallwitz). Auch bei Elektra wirken Lydia Steier und Lorenzo Viotti eher wie aus dem Katalog gebucht. Spannender: Elim Chan dirigiert John Adams’ Doktor Atomic (Inszenierung Vanessa Beecroft). Ebenfalls von der Regie-Mode-Stange hat Schulz Dmitri Tcherniakov verpflichtet, der immerhin drei Rachmaninow-Opern in Szene setzen wird. Zürich wirkt ein bisschen wie die Markenabteilung im Peek & Cloppenburg der Oper.
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Gesamteindruck: ★★★☆☆
Kampagnen-Look: ★★★☆☆
Innovation: ★★☆☆☆
Von der Opern-Stange: ★★★☆☆
Bayerische Staatsoper

Klang als Spiel von Lichtern, als Entstehen und Vergehen. So sieht die Saison-Kampagne an der Bayerischen Staatsoper in München aus: knallbunte animierte Menschen, die in den einzelnen Werken aufgehen. Das hat durchaus Stil.
Während Tobias Kratzer in Hamburg seine eigene Oper hat, steht er bei Serge Dorny in München ebenfalls im Zentrum: als Vollender seines Ring des Nibelungen. Vladimir Jurowski übernimmt die musikalische Leitung von Siegfried und Götterdämmerung. Ganz so, als müsste Dmitri Tcherniakov inzwischen alle russischen Opern im deutschsprachigen Raum inszenieren, holt ihn auch München für Mazeppa. Mit Werther steht ein weiterer Klassiker auf dem Programm. Spannend wird es, wenn Claus Guth Doctor Atomic inszeniert, die erste Adams-Oper in München, und Benjamin Brittens Death in Venice im Prinzregententheater von Vasily Barkhatov in Szene gesetzt wird.
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Gesamteindruck: ★★★★☆
Kampagnen-Look: ★★★★☆
Innovation: ★★★☆☆
Von der Opern-Stange: ★★★☆☆

