Die Kultur des Anstands

Mai 26, 2026
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Florentina Holzinger-Performance in Prinzendorf (Foto: Wytyczak)

Willkommen in der neuen Klassik-Woche,

heute mit bösen Kriegstreibern, guten Abgängen, einem traurigen Verlust, perversen Abfindungen und entspannten Spaziergängen durch Salzburg und Bayreuth. 

Er schenkte den Klängen das Bild

Vor einigen Jahren habe ich für ZDF/arte einen Film zum 30. Jubiläum des Drei-Tenöre-Konzertes in Rom gedreht. Natürlich musste auch der Mann dabei sein, der die Bilder für die 800 Millionen (!!!) Zuschauerinnen und Zuschauer an den Bildschirmen gedreht hatte: Die Sommerstimmung, die gute Laune – den Spaß an der Musik. Der Mann, der auch schon Chéreaus Jahrhundertring in Bayreuth gefilmt hatte. Die Ikone des weltweiten Musikfilms: Brian Large. Er kannte einfach jeden, von Leonard Bernstein bis zu Angela Gheorghiu. Und jeder liebte ihn, weil Large die Musik zur Grundlage all seiner Bilder erhob. Damals, beim Dreh, habe ich so unendlich viel über das Musikfilmen gelernt, als Brian Large in seiner Piano-Stimme ästhetische Weisheiten durch seinen Bart flüsterte. Er war der Mann, der den Klängen Bilder gab, beim Wiener Neujahrskonzert, an der Met, in Salzburg oder Bayreuth – einfach überall. Nun ist er mit 87 Jahren gestorben – ich habe ihm nachgerufen

Gewandhaus-Radio wird geprüft

Es war ein Marketing-Scoop, als im Gewandhaus zu Leipzig ein privater Verein gegründet wurde, der das Gewandhaus-Radio tragen sollte. Nun folgt die Ernüchterung. Die Sächsische Landesmedienanstalt prüft nach BackstageClassical-Informationen, ob der Sender nach dem Mediengesetz tatsächlich staatsfern genug ist.  Das Problem: Wenn eine öffentliche Einrichtung über eine ausgegliederte Gesellschaft faktisch einen Sender betreibt oder prägt, könnte das das verfassungsrechtliche Gebot der Staatsferne des Rundfunks berühren. Ganz abgesehen von der inhaltlichen Ausrichtung des Senders, der sich gern als unabhängiges Kulturmedium gibt, am Ende aber eine weitgehende Dauerwerbesendung des Orchesters ist. Und dann sind da noch die erstaunlichen Zahlen, die das Radio von Martin Hoffmeister meldet: Obwohl es pro Jahr lediglich 170 Wortbeiträge produziert will es 71.000 Hörerinnen und Hörer täglich (!!!) erreichen. Da wird wahrscheinlich bald mal jemand etwas genauer hinschauen. Unsere ganze Recherche lesen Sie hier. 

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Festspiel-Vorfreuden

Bayreuth hat das anstehende 150. Jubiläum der Bayreuther Festspiele diese Woche mit einem großen Straßenfest gefeiert: 150 Meter fränkische Bratwurst, und der fränkische Spielzeughersteller Playmobil stellte seine Wagner-Figur vor. Ich freue mich auf das Jubeljahr, zu dessen Beginn ich wieder das Open-Air kuratieren und moderieren darf, ich freue mich auf das historische Auftakt-Konzert, den ersten Rienzi in der Inszenierung von Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka auf der Festspielbühne und den KI-Ring mit Christian Thielemann. Übrigens:BackstageClassical wird zum Jubiläum auch ein ganz besonderes Gimmick herausgeben – mehr dazu im Juni.In Salzburg haben sich die Wogen nach dem Abgang von Markus Hinterhäuser inzwischen ein wenig geglättet. Philipp von Studnitz berichtet für uns von Cecilia Bartolis Pfingstfestspielen, unter anderem mit Barrie Koskys lustvoller Reise nach Reims.

Erfurt zahlt Montavon über eine halbe Million

Wer zuletzt lacht …??? BackstageClassical hat den Fall Guy Montavon intensiv begleitet: Die Vorwürfe gegen ihn, die Kritik an seiner Amtsführung, den Streit um die Gleichstellungsbeauftragte Mary-Ellen Witzmann – und schließlich die Trennung vom Generalintendanten. Sagen wir es einmal so: Die Stadt hat mittelmäßig konsequent gehandelt, und das rächt sich nun. In einem Aufhebungsvertrag wurden Montavon nun 526.000 Euro zugesprochen, mit Witzmann hatte man sich zuvor auf eine geschätzte Abfindung von 400.000 Euro geeinigt, dazu meldet der mdr, dass Anwaltskosten in Höhe von rund 800.000 Euro angefallen sein. Das alles hätte man vielleicht auch besser managen können. Kein Wunder, dass bei Facebook jemand auf unseren Bericht so reagiert: »Die Theaterwelt ist nicht nur extrem bigott, sondern einfach nur noch kaputt. Mich wundert nicht, dass das Publikum zunehmend wegbleibt.«

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Der große BackstageClassical-Saisoncheck

Nun haben wir auch Teil drei unseres großen Saisonchecks veröffentlicht, dieses Mal haben wir die Opern in Hannover, Stuttgart, Nürnberg, Wien und Berlin im Blick. Nach Teil 1, Teil 2 und Teil 3 muss ich sagen: Dresden ist weiterhin mein persönlicher Überraschungssieger, Hannover könnte spannend werden, Komischer Oper und Staatsoper unter den Linden sind dagegen eher mau. Was bleibt, ist die Erkenntnis: Selten war Oper vielfältiger als in dieser Saison – das Reisen wird sich lohnen. Wir freuen uns darauf, 2026/27 all die gegensätzlichen Modelle, was Oper noch kann, miteinander in Diskurs zu bringen! Wir sehen uns in unserer schönen, neuen Theaterwelt!  

Skandal! Skandaaaal! Skandaaaaaaal!

Florentina Holzinger-Performance in Prinzendorf (Foto: Wytyczak)

Statt eines neuen BackstageClassical-Podcasts war ich diese Woche zu Gast beim Podcast der Wiener Wochenzeitung Der Falter. Anlass war meine Kritik an Milo Rau. Der hat diese Woche seine Festwochen in Sachen Glauben mit einem Wunderheiler und Patty Smith eröffnet. Und Milo Rau war dann – neben Falter-Journalisten Matthias Dusini und Raimund Löw – auch tatsächlich da. Der Podcast zieht sich ein bisschen, aber am Ende bleibt doch immerhin die Erkenntnis: Unterschiedliche Meinungen können auch gut nebeneinander stehen. Auch Florentina Holzinger macht ihre Sache einfach weiter: Gerade zähmte sie als Amazone in Prinzendorf Autos, Motorräder und Panzer für den nackten Weltfrieden. Na denn!

Russia go home!

Obwohl der eigene Angriffskrieg gegen die Ukraine die politische Lage auch in Russland immer angespannter werden lässt, bombt Vladimir Putin brutal weiter. Diese Woche mit extra großen Bomben. Beschädigt wurde dabei neben dem Kunstmuseum in Kiev auch das Opernhaus der Stadt. Es war den Ukrainern in diesen schweren Zeiten stets Ort der Zuflucht und des Mutes. Und wird es auch bleiben! Derweil feiert das Utopia-Orchester sich selber und seinen Dirigenten Teodor Currentzis in einer merkwürdigen Karajan-Propaganda-Ästhetik. Geschmacklos!   

Personalien der Woche

Wir haben es an dieser Stelle schon vor einigen Woche berichtet: Elim Chan soll die San Francisco Symphony übernehmen. Nun haben die Dirigentin und das Orchester die Verpflichtung bestätigt. Chan wird dafür sogar in die USA ziehen. Der Vertrag gilt ab 2027, aber schon jetzt steht sie als designierte neue Chefin am Pult des Orchesters: Chan Francisco! +++  Metropolitan-Opernchef Peter Gelb will nun doch nicht über einen baldigen Rückzug nachdenken. Er kann sich ein Leben ohne Arbeit nicht vorstellen. +++ Letzten Montag schickte mir jemand das Video von Evgeny Kissin, in dem er sich so schön und so nobel, so ehrlich und demütig beklagte, dass er in Chicago keine Zugabe spielen konnte. Am Dienstag schrieb ich ihm dann einen Brief. Schön, dass die Kollegen von SZ und BR die Sache am Mittwoch dann auch noch mal aufgenommen haben – man kann Kissin gar nicht genug für seine Art umarmen! 

Briefe von Brüggi

Und wo bleibt das Positive, Herr Brüggemann?

Stephen Colbert und Paul McCartney drehen das Licht aus (Foto: CBS)

Ja, wo zum Teufel bleibt es nur? Vielleicht ja hier! Wenn man das Ende inszeniert, sollte man es so machen wie Stephen Colbert in seiner letzten Late Night, die unter der Trump-Regierung von CBS abgesetzt wurde. Er lud sich im wahrsten Sinne einen Klassiker ein: Der Ex-Beatle Paul McCartney sang gemeinsam mit Colbert einen Abschiedssong und schaltete am Ende das Licht im Studio aus. Hier wurde das Canceln nicht zum Lamento, sondern zu eine Giga-Show, die in erster Linie eines bewiesen hat: Die gute Laune, die Klugheit und der Anstand – das sind Tugenden, die uns – wenn sie weg sind – fehlen werden! Die letzte Late Night mit Stephen Colbert war eine geniale Inszenierung, ein Fest der Kunst – eine Feier des Menschseins! Dieser Geist wird wieder auftauchen – Irgendwo.

In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif

Ihr

Axel Brüggemann  

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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