Die Trennung von E- und U-Musik ist ein Anachronismus, sagt der Filmkomponist Anselm Kreuzer. Die GEMA steht vor einer Richtungsentscheidung: Kulturförderung neu denken, gerechter verteilen und ihre Legitimation sichern. Warum Reform jetzt unvermeidlich ist.
English summary: Anselm Kreuzer calls the E/U split an anachronism and backs GEMA reform as a fairer, more future-proof way to fund culture. He says the old system is losing legitimacy, and change is now unavoidable.
Vor einiger Zeit hat bereits Moritz Eggert bei BackstageClassical aufgeschrieben, welche Konsequenzen die GEMA-Reform für den Bereich der so genannten »E Musik« hat, kürzlich erklärte der Komponist Alexander Strauch, warum Verlage und Veranstalter klassischer Musik die Konsequenzen der Reform zu spüren bekommen. Und in dieser Woche haben wir exklusiv darüber berichtet, dass der Komponist Peter Ruzicka beim Kartellamt gegen die Reform der GEMA Beschwerde eingelegt hat – er sieht die Existenz der so genannten »Ernsten Musik« gefährdet. In diesem Text kommt nun die Gegenseite zu Wort. Der Filmkomponist Anselm Kreuzer erklärt, warum er eine Reform für dringend nötig hält und spricht damit als Vorstandsvorsitzender auch für den ComposersClub.
Noch nie war Musik so allgegenwärtig wie heute: Streaming, Social Media, Radio, Fernsehen, Konzerte… Musik ist jederzeit verfügbar – und zugleich wirtschaftlich wertvoller denn je. Medienunternehmen generieren enorme Erlöse mit ihrer Nutzung. Dass Urheber:innen daran angemessen beteiligt werden müssen, ist kein kulturpolitischer Wunsch, sondern geltendes Recht.
Weil einzelne Komponist:innen und Textdichter:innen ihre Ansprüche kaum selbst durchsetzen können, übernehmen Verwertungsgesellschaften diese Aufgabe. In Deutschland macht das die GEMA. Sie verhandelt kollektiv Vergütungen und verteilt die Einnahmen an ihre Mitglieder. Dabei versteht sie sich bis heute als Solidargemeinschaft – mit einem klaren kulturellen Anspruch: Förderung von Musik, die künstlerisch relevant ist, aber nicht primär kommerziell.
Gravierende Folgen
Diese Förderung ist international nahezu einzigartig in ihrem Umfang. Umso wichtiger ist es, dass ihre Grundlagen stimmen. Genau daran bestehen zunehmend Zweifel.
Über Jahrzehnte hat die GEMA an einer Unterscheidung festgehalten, die aus einer anderen Zeit stammt: der Trennung zwischen »E-Musik« und »U-Musik«. Sie kommt aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und wirkt heute wie ein Relikt. Die Musiklandschaft hat sich längst verändert: Sie ist vielfältiger, hybrider, diverser, weniger binär.
Die Folgen sind gravierend. Während die Zahl der E-Werke sinkt – viele klassische Werke fallen aus der Schutzfrist – bleibt das Fördervolumen konstant. Das führt dazu, dass immer weniger Berechtigte immer größere Anteile aus den sog. Wertungsgeldern erhalten. Gleichzeitig bleiben andere künstlerisch anspruchsvolle Bereiche systematisch ausgeschlossen. Die Förderung driftet auseinander – und verliert zusehends ihre Legitimation.
Strukturelles Ungleichgewicht
Hinzu kommt ein strukturelles Ungleichgewicht: Werke der »E-Musik« behalten ihren Status unabhängig vom wirtschaftlichen Erfolg. Kommerziell erfolgreiche Werke der E-Musik profitieren zusätzlich anstatt zu Gunsten weniger kommerzieller Musik aus der Förderung herausgenommen zu werden. Urheber:innen aus anderen Bereichen hingegen zahlen in das System ein, ohne vergleichbar profitieren zu können. Das ist nicht nur schwer vermittelbar – es ist nicht mehr haltbar.
Die GEMA hat diesen Reformbedarf erkannt. Nach Jahren des Stillstands liegt nun im zweiten Anlauf ein umfassender Reformvorschlag von Aufsichtsrat und Vorstand auf dem Tisch, jetzt noch feiner ausgestaltet und in vielen Punkten überarbeitet. Entscheidend: Es geht nicht um eine Kürzung der Kulturförderung. Im Gegenteil – ihr Umfang soll voll erhalten bleiben. Es geht ausschließlich um die Frage, wie die Mittel verteilt werden.
Der Reformansatz bricht mit der alten Dichotomie und zielt auf eine offenere, gerechtere Förderung. Mehr Genres sollen berücksichtigt werden, mehr junge Urheber:innen, mehr tatsächlich aktive Kreative. Förderung soll nicht länger an historischen Kategorien hängen, sondern an künstlerischer Relevanz und aktueller Praxis.
Das hat Konsequenzen. Wo bisher privilegierte Strukturen bestehen, wird es Verschiebungen geben. Gewinner:innen und Verlierer:innen sind unvermeidlich. Der Widerstand dagegen ist verständlich – aber kein Argument gegen die Reform selbst.
Es droht Stillstand
Denn die Alternative ist Stillstand. Auch wenn die ungerechten Förder-Spitzen nur einen kleinen Anteil am Ausschüttungsvolumen der GEMA haben, wie häufig betont wird, stellen sich Fragen über ungerechte Privilegierung, und das Problem würde sich immer weiter verschärfen: wachsende Unzufriedenheit, sinkende Akzeptanz, zunehmende Abwanderung von Rechteinhaber:innen zu alternativen Rechtemanagement-Organisationen, ein Schrumpfen des kommerziell erfolgreichen Repertoires in der GEMA mit dem Ergebnis von weniger Einnahmen und weniger Verhandlungskraft. In einer Zeit, in der die GEMA ohnehin unter Druck steht – durch globale Plattformen und disruptiveVerwertungsmodelle –, kann sie sich das nicht leisten.
Die Reform ist deshalb mehr als eine technische Anpassung. Sie ist ein notwendiger Schritt, um die GEMA als Solidargemeinschaft zukunftsfähig und geschlossen zu halteninklusive ihrer Mandatierung von ihren Schwestergesellschaften im Ausland zur Wahrnehmung von deren Repertoire in Deutschland. Dazu gehört auch, kulturelle Förderung klar von Nutzungsvergütung zu trennen undtransparenter zu machen.
Der vorliegende Vorschlag ist nicht perfekt. Der Composers Club, der vor allem Komponist:innen aus den Bereichen Film, Fernsehen, audiovisuelle Medien und Werbung vertritt, hat als Verband einige Kritik vorgebracht, und ist sich sicher: Die Reform wird im Zuge ihrer Umsetzung nachgebessert werden müssen. Aber sie setzt an der richtigen Stelle an: bei den Grundprinzipien.
Konflikte überwinden
Für den Composers Club überwiegt deshalb die Perspektive. Erstmals seit langem bewegt sich die GEMA auch auf Gebieten, die lange als unantastbar galten. Sie öffnet sich, stellt sich Kritik, sucht den Dialog. Das allein ist ein Fortschritt, auszuweiten auf noch viele andere Sektoren der Verteilung mit teils antiquierten Umverteilungen und Gewohnheitsrechten, deren Überwindung und Modernisierung den beherzten Einsatz aller Organe der GEMA fordert.
Eine Reform dieser Tragweite wird immer Konflikte auslösen. Aber nur eine GEMA, die die unbequeme Auseinandersetzung in der Vereinsdemokratie nicht scheut, kann sich als starke Institution im Interesse von Musikurheber:innen jedweder Couleur in der wachsenden Marktdynamik behaupten und deren Interessen auch gegenüber multinationalen Plattform-Konzernen und KI-Unternehmen vertreten, die die Musik – gerade die kommerziell erfolgreiche – am liebsten ungefragt und unvergütet hernehmen und damit jedweder Kulturförderung ihre Grundlage entziehen würden. Für ihren Einsatz auf diesem Gebiet wird die GEMA international respektiert.
Wer die bestehenden Strukturen konserviert, konserviert auch ihre sich verschärfenden Ungerechtigkeiten und riskiert die Schwächung des Systems. In der Veränderung liegt die Chance auf mehr Fairness. Die Entscheidung darüber fällt in der Mitgliederversammlung im Mai 2026. Sie ist eine Richtungsentscheidung – nicht nur für die Kulturförderung, sondern für das Selbstverständnis der GEMA insgesamt.

