Kulturförderung vom Golf

März 10, 2026
3 mins read
Metropolitan Opera New York (Foto: MET)

Die Met in New York hofft auf Saudi-Arabien, die Salzburger Osterfestspiele rechnen mit Katar. Aber sind die Golfstaaten wirklich eine Rettung? 

English summary: Western cultural institutions increasingly look to wealthy Gulf states for financial support, but this strategy raises economic, political, and ethical questions. Countries like Saudi Arabia and Qatar have vast sovereign wealth funds that invest globally in companies, sports teams, and real estate. Their cultural investments appear to follow a similar strategy: expanding geopolitical influence and improving international image through partnerships with prestigious Western institutions.

Die Summen sind schwindelerregend: Der Saudi-arabische Club Al Nassr soll dem Fußballspieler Cristiano Ronaldo allein für die letzte Saison 240 Millionen Euro überwiesen haben – das wären 4,5 Millionen Euro pro Woche! Der nationale Staatsfonds des Golfstaates hält Beteiligungen an Unternehmen wie Nintendo oder BlackRock, und saudische Geldgeber finanzieren Sportvereine wie Newcastle United. Ähnlich verhält es sich mit den internationalen Beteiligungen aus Katar. Der Staatsfonds des Wüstenstaates hält Anteile an Volkswagen, der Credit Suisse oder am London Stock Exchange. Außerdem liegen nach Berechnungen französischer Medien 20 Prozent der Pariser Champs-Élysées in den Händen von Katarern – ebenso wie die Fußballvereine Saint-Germain in Paris oder der portugiesische Club Braga

Die Länder am Golf scheinen eine ähnliche Strategie zu verfolgen wie einst auch China: Mit Investitionen in Schlüsselwirtschaften anderer Länder hebt man den eigenen, internationalen Einfluss. Und die Kultur bildet bei diesen »Shoppingtouren« keine Ausnahme.  Westliche Institutionen zahlen nicht nur auf das weltoffene Image der Scheichs ein, sondern setzen auch ein strategisches Zeichen: Das eigene kulturelle Erbe, dass die USA oder Europa kaum noch selber stemmen können, ist angewiesen auf Hilfe aus vom Golf.

Katar kooperiert unter andrem mit der Art Basel oder der Biennale in Venedig, Saudi-Arabien  will über 50 Millionen Euro in die Renovierung des Centre Pompidou investieren. Im Bereich der Klassik unterstützt Katar seit einem Jahr die Salzburger Osterfestspiele als Hauptsponsor, und Saudi-Arabien hat angekündigt, sich gegenüber der Metropolitan Opera in New York mit vielen Millionen verpflichten zu wollen. Doch die Strategie ist gefährlich, besonders für die Kulturinstitutionen – nicht nur durch den aktuellen Krieg in Nahost. 

Fehlende Sicherheit

Zumal stabile Sicherheiten fehlen. Wie gefährdet derartige Verträge sein können, zeigt sich derzeit an der Metropolitan Opera in New York. Das Haus steckt in einer tiefen finanziellen Krise. Die Ticketerlöse decken nur noch rund ein Fünftel der laufenden Betriebskosten, Gehälter wurden gekürzt, 22 Verwaltungsstellen abgebaut und die Zahl der Vorstellungen für die kommende Saison von 227 auf 194 reduziert. Es fehlen Einnahmen aus Sponsorengeldern und Kinoübertragungen.

Zentraler Baustein der Rettungsstrategie von Intendant Peter Gelb ist eine geplante Kooperation mit Saudi-Arabien. Grundlage ist ein vorläufiges Abkommen, das Gastspiele der Met in Saudi-Arabien vorsieht. Gelb sagt, der Deal könne über mehrere Jahre hinweg einen hohen dreistelligen Millionenbetrag einbringen und »einen wesentlichen Teil des Finanzbedarfs« bis mindestens 2032 decken. Doch der Vertrag lässt noch immer auf sich warten. Offensichtlich verzögern die geopolitischen Spannungen eine endgültige Zusage. Offen, ob Gelbs Plan überhaupt aufgehen wird.

Osterfestspiele in Salzburg

Und auch das Engagement Katars bei den Salzburger Osterfestspielen wird durch die aktuelle Weltlage auf die Probe gestellt. »Wir, die Salzburger Osterfestspiele denken an unsere Partner in Katar und stehen in ständigem Kontakt mit unseren Freunden vor Ort«, ließ das Festival von Intendant Nikolaus Bachler verkünden, nachdem die USA und Israel den Iran angegriffen hatten und der daraufhin seine Nachbarstaaten bombardierte.  »Aufgrund der aktuellen Lage ist leider unklar, ob wir 2026 Gäste aus Katar zu den Festspielen begrüßen dürfen«, heißt es seitens des Salzburger Festivals.

Der Wüstenstaat Katar ist seit vergangenem Jahr Hauptsponsor des Salzburger Kulturfestivals. Letztes Jahr beklatschte eine Delegation des katarischen Tourismusverbandes noch die Opernpremiere von Chowanschtschina, Tourismus-Chef Saad Bin Ali Al Kharji war gemeinsam mit der Komponistin Dana Al Fardan angereist. Die Kooperation, die über die Tourismus-Institution Visit Qatar abgewickelt wird, ist auf mehrere Jahre angelegt, die Summe, die Katar einbringt, ist geheim – österreichische Medien spekulieren über eine Summe zwischen einer und drei Millionen Euro.   

»Saudi-Arabien geht es mit seinen Klassik-Importen um mehr als Whitewashing«, schrieb Antonia Munding bereits vor einiger Zeit in einem sehr lesenswerten Text bei BackstageClassical, »es geht um nichts Geringeres als die Vormachtstellung auf der Weltbühne, die das Land in seiner Vision 2030 ganz offen anstrebt.« 

Wo der Westen versagt

Tatsächlich wird die geopolitische Problematik derartiger Deals kaum thematisiert. Was bedeutet es für die Kunst, wenn die saudische Herrscherfamilie von Mohammed bin Salman keine demokratischen Wahlen zulässt, politische Gegner hinrichten lässt und wahrscheinlich den Journalisten Jamal Khashoggi im Konsulat von Istanbul zersägen ließ? Auch Katar will mit seinem kulturellen Engagement offensichtlich von seiner autoritären Monarchie ablenken, in der LGBTQ-Personen verfolgt werden und die Herrscherfamilie Tamim bin Hamad Al Thani politische Gegner drangsaliert. 

In Zeiten, in denen westliche Staaten ihre eigenen kulturellen Institutionen immer weniger unterstützen, werden diese offensichtlich gezwungen, ihr Heil und ihr Überleben in Kooperationen zu suchen, die im Grunde all dem widersprechen, was sie jeden Abend auf die Bühne bringen.

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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