Kann Klassik Social Media? 

Juni 15, 2026
4 mins read
Opera Bert (Foto: Instagram)

Willkommen in der neuen Klassik-Woche,

heute mit der Frage, wie Klassik in den sozialen Medien wirken kann: Opera Bert ist umstritten, Triangel-Tanja hat Helge Schneider-Qualitäten. Außerdem: Die Retro-Mode beim Sängernachwuchs und Kölns große Eröffnungssause!

Geht gar nicht!

Vor einigen Wochen habe ich mich für unseren Podcast mit dem Klassik-Influencer Opera Bert unterhalten: Ein launiges Gespräch an der Oberfläche des Klassik-Geschehens. Nun schreibt BackstageClassical-Autorin Antonia Munding, dass Bert für sie gar nicht geht und kritisiert seine »bemerkenswerte Einfallslosigkeit.« Munding schreibt: »Ein Yuppie, der einen auf hip macht. Ein BWL-Justus in der Oper, der älter wirkt als er ist — und jünger als er denkt.« Nun soll er auch bei den vom ZDF übertragenen Konzerten in Neuschwanstein eine Rolle spielen. Munding bezweifelt, ob »Bert mit seinen dauergrinsenden Fragen die Kids tatsächlich von GTA V weg auf Beethovens Spuren zieht — oder ob er gar eingefleischte Musikantenstadl-Fans in Barock-Liebhaber verwandelt?« Ihr Fazit: »Das Problem ist nicht Bert. Das Problem ist, was seine Omnipräsenz über die Klassikbranche verrät« – nämlich, dass das Fernsehen und die Häuser ihrer eigenen Kunst nicht mehr vertrauen. Lesen Sie den ganzen Text hier.  

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Geht sehr gut

Letzte Woche haben wir den Tenor Clay Hilley vorgestellt, der seine eigenen Verrisse singt. Diese Woche habe ich dann die Triangel-Tanja entdeckt: Sie studiert im vierten Semester »Triangologie« an der University of Sonic Awareness & Vibrational Ecology in Norwegen. Unsere Chefkritikerin Untonia Maulding bezweifelt den Wahrheitsgehalt ihres Treibens und setzt auf intensiven investigativen Journalismus. Ich habe Tanja derweil einen Brief geschrieben und sie um einen Gastkommentar gebeten: Vielleicht ein klangphilosophischer Vergleich zwischen den Gletscherschmelz-Eigenschaften einer »Wiklingel«, einer »Nordklingel« und einer »Fjordtriangel«? Und, was soll ich sagen: Die Antwort kam prompt – allerdings ganz anders als erwartet! So macht Klassik bei Instagram Spaß!

Nachwuchs von gestern?

Etwas erstaunt war ich vom eher traditionellen Opernverständnis, das die jungen Sängerinnen und Sänger beim traditionellen Belvedere Gesangswettbewerb auf die Bühne gebracht haben. Und davon, wie unterschiedlich die Jury der Presse und die Jury der Intendantinnen und Intendanten die Stimmen beurteilt haben. All das hat mich animiert, einen übergeordneten Text zu schreiben – über die generelle Rolle von Wettbewerben, die Frage, was junge Menschen von der Oper erwarten, und welche Erwartungen Intendantinnen und Intendanten an zukünftige Stimmen stellen. By the way: Wo waren eigentlich die Dirigentinnen und Dirigenten in der Jury? Wie also kann ein Wettbewerb der Zukunft aussehen?

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Endlich: Köln öffnet seine Oper!

Nach einer rund 1,5 Milliarden Euro teuren Sanierung kehrt die Oper Köln endlich an den Offenbachplatz zurück. Für Intendant Hein Mulders entscheidet sich der Erfolg jedoch erst im Alltag: Das Haus müsse dauerhaft solide finanziert und künstlerisch stark aufgestellt bleiben. Danach sieht es derzeit allerdings nicht unbedingt aus. Wird der Spardruck in der kommenden Saison größer? Im Podcast von BackstageClassical erklärt Mulders, warum die Inhalte und die Qualität die Kosten von Neubauten und Renovierungen besser legitimieren als jede »Umwegrentabilität« – und wie wichtig es ist, die Oper mitten in der Stadt zu verankern. Ein Gespräch über politische Erwartungen, künstlerische Vielfalt und strategisches Überleben. 

Teuer, teurer, Scala

Nicht nur die FIFA schraubt an den Ticketpreisen, auch die Mailänder Scala dreht an der Preisschraube. Bei den »Loggionisti« in den oberen Rängen sorgt das für Unmut. Besonders die begehrten Plätze in der zweiten Galerie verteuerten sich: Das Abo stieg von 800 auf 1.050 Euro – ein Plus von über 30 Prozent. Betroffen: die Opern-Ultras auf den »billigen Plätzen«, das Herz der italienischen Klassikkultur! Kritiker warnen davor, dass die Scala zum »Disneyland für reiche Touristen« wird. Laut La Stampa sei die Scala schon jetzt das teuerste Theater Europas – nur die Salzburger Festspiele seien noch kostspieliger. Die Intendanz weist die Vorwürfe zurück und betont, betroffen sei nur ein kleiner Teil der Plätze, die durchschnittlichen Erhöhungen seien gering.

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Tektonische Bewegungen in Salzburg?

Die Festspiele stellen sich neu auf – und da sind derzeit leichte tektonische Bewegungen zu verzeichnen. In einem Standard-Interview rückt Intendantin Karin Bergmann etwas weiter von ihrem Vorgänger Markus Hinterhäuser ab: »Eine enge Freundschaft gab es nie«, sagt sie und erklärt, dass sie sich mehr Transparenz gewünscht hätte, damit sie nun nicht bei einigen als »Verräterin« dastehe. Außerdem wurde bekannt, dass die amtierende Präsidentin Kristina Hammer diesen Sommer nicht bei der Eröffnung sprechen wird – auch das könnte ein Zeichen sein. Übrigens: BackstageClassical hat eine unrepräsentative Umfrage mit möglichen Kandidatinnen und Kandidaten begonnen, und hier noch einmal meine Einordnung der aktuellen Situation.      

Personalien der Woche

Sie haben die Wiener Philharmoniker in den letzten Jahren als »Weiter-so-Orchester« positioniert: Erfolgreiche Auslastung, aber spieltechnische Kritik aus Teilen des Feuilletons. Nun haben die Musikerinnen und Musiker ihren Vorstand Daniel Froschauer, Geschäftsführer Michael Bladerer und Kassier Bernhard Hedenborg zum vierten Mal wiedergewählt. +++ Während Bayreuth noch immer um die Absage der Festmeile zum Jubiläum der Bayreuther Festspiele rätselt, stellt das Haus Wahnfried von Sven Friedrich sein ganz eigenes Programm vor: Es gibt sie noch, die guten Geschichten aus der Wagner-Stadt. +++ Manfred Honeck bleibt dem Pittsburgh Symphony Orchestra (PSO) langfristig erhalten und stellt einen historischen Rekord auf. Wie das Orchester mitteilte, wurde sein Vertrag als Musikdirektor bis zur Saison 2032/33 verlängert. Honeck kommt damit auf eine Amtszeit von insgesamt 25 Jahren – die längste in der Geschichte des Orchesters. +++ Und nun ist auch offiziell, was seit Wochen gemunkelt wurde: Petr Popelka wird neuer Generalmusikdirektor in Bayern. Ab 2029/30 übernimmt der Tscheche Staatsoper und Staatsorchester in der Landeshauptstadt – als Nachfolger von Vladimir Jurowski.

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Und wo bleibt das Positive, Herr Brüggemann?

Ja, wo zu Teufel bleibt es nur? Vielleicht ja hier! Wir haben gedacht, alles über Leonard Bernstein zu wissen – aber nun ist ein Video an die Oberfläche des Internets gespült, in dem er die wunderbare und gleichzeitig traurige Geschichte erzählt, wie er Wilhelm Furtwängler nie persönlich getroffen hat. Zwar sei er in Amsterdam heimlich in ein Furtwängler-Konzert geschlichen und Furtwängler in sein Konzert – aber der gemeinsame Manager verhinderte eine persönliche Begegnung, weil er schlechte Presse fürchtete, wenn der unter Nazi-Verdacht stehende Dirigent den jüdischen Dirigent träfe. Menschengeschichte als Weltgeschichte.  

In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif

Ihr

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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