Lieber Micky Beisenherz,

Juli 13, 2026
2 mins read
Beisenherz als Wagner-Wicht (Bild: KI)

eigentlich höre ich Dich am Montag schon lange nicht mehr. Weil da schrumpft Deine Mini-Maus Nikki Deinen Podcast Apokalypse und Filterkaffee mit ihren andauernden »Piu-Piu-Piu!!!!«- und »Bumm! Bäng! Boff!«-Kommentaren vom morgendlichen Polit-Update zum Laber-Comic in Leichter Sprache.

Aber heute saß ich im Zug, die Fahrt war zu kurz für eine Götterdämmerung, und meine Konzentration gerade ausreichend für Euch.

Es ist sicherlich schwer, jeden Tag über wirklich alles (Markus Söder, Spargel-Hass oder die tägliche Trumpokalypse) reden zu müssen. Aber ich sag mal so: Manchmal bildet sich selbst BILD mehr für seine Meinung als Ihr. Am Montag ging es um Wolfram Weimer (ja, ich mag ihn auch nicht!). Ihr fandet es scheiße, dass er die Zuschüsse für das Reeperbahn-Festival kürzt und gleichzeitig die Bayreuther Festspiele mit höherer Förderung ausstattet. Meinetwegen – das kann man so finden. Wäre da nicht Eure vollkommene Gaga-Begründung gewesen.

Mehr Unsinn über Oper, Wagner und die Bayreuther Festspiele wurde in weniger als drei Minuten wohl selten gesungen! Da erklärst Du, lieber Micky, doch tatsächlich, dass jeder wisse, dass Wagner (gestorben 1883) ein glühender Anhänger Hitlers (geboren 1889) gewesen sei. Und überhaupt: Wenn es ein Festival gibt, das keine Staatsgelder brauche – dann doch wohl Bayreuth! »Allein wer da immer kommt!«, zählst Du auf: die verschwitzte Angela Merkel und die ganze deutsche Wirtschaft – »diese Burdas«! Ach ja, und dann war da ja auch noch »diese unsägliche Friedman-Sache«. Kurz gesagt: Alles nur ein Millionen-Freundschaftsdienst Wolfram Weimers an die »rechte Kultur«. Für Dich und Nikki ein »totaler Horror!«

»Piu-Piu-Piu!!! Bumm! Bäng! Bong!«

Man muss nichts über Wagner, die Bayreuther Festspiele oder seine Geschichte wissen, aber dann sollte man sein Hohes C auch still und leise runterschlucken. Fakt ist: Weimer hat Bayreuth über ein Jahr mit einer Finanzzusage sitzen lassen, die Festspiele (und mit ihnen Hunderte Künstlerinnen und Künstler) stehen durch Tarifsteigerungen und Kostenexplosion vor dem Aus. Jedes deutsche Opernhaus ist besser gefördert als Bayreuth (allerdings von den Ländern und Städten, nur für Bayreuth sind Land UND Bund zuständig. Bayern hatte seine Finanzierungszusage bereits gegeben).

Und dann ist da noch die Sache mit den »Rechten«! Lieber Micky, gegen die letzten Regisseure in Bayreuth bist selbst Du ein linksfüßiger Rechtsaußen! Berlins Kultur-Kommunist Frank Castorf schmiedete den Ring, Valentin Schwarz, der als Intendant in Weimar (Achtung: nicht Weimer!) gegen die AfD kämpft – und Barrie Kosky (ein jüdischer Australier!) verlegte die Meistersinger in den Gerichtssaal der Nürnberger Prozesse! Man könnte auch sagen: Derartige Vergangenheitsbewältigung dreht den »Burdas« und »der deutschen Wirtschaft« die fränkischen Bratwürstchen (ja, die gibt es in den Bayreuth-Pausen!) im Halse um. Kein Wunder, dass den »Freunden der Festspiele« dieser Kurs nicht gefällt!

Lieber Micky Beisenherz, es ist gut, wenn Du aus Castrop-Rauxel auf das Weltgeschehen schaust. Und Dein Kompass schlägt normalerweise ja auch ziemlich sicher in die menschliche Herzensrichtung aus. Aber hier hast Du Dich im deutschen Märchenwald verrannt. Könnte es sein, dass Du in die Wolfram-Weimer-Falle getappt bist und plötzlich Reeperbahn-Festival gegen Wagner-Festival ausspielst? Sind nicht beide wichtig!?!

P.S.: Selbst Nikki könnte bei Wagner noch neue Worte finden, die sie sicherlich toll fände: In diesem Sinne: Mach’s gut, Du schändlicher Gauch! Und Weia-waga-weiche, Du Wicht!

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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