Ein Film will Machtmissbrauch in der Klassik entlarven – und verstrickt sich doch selbst in alte Narrative. »Macht_Spiel« vom SWR zeigt Missstände, reproduziert aber zugleich Mythen der Branche und blendet den hausinternen Fall Roth vollkommen aus. Die Pianistin Shoko Kuroe mit einer kritischen Analyse zwischen Aufklärung und Widerspruch.
Die SWR-Investigativ-Redaktion Report Mainz hat einen Dokumentarfilm Macht_Spiel: Missbraucht vom Maestro über sexuellen Machtmissbrauch in der Klassik produziert. Erfreulich ist, dass das Thema mittlerweile so weit enttabuisiert ist, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen das Thema inzwischen aufgreift. Was jedoch auffällt, ist, dass der Film Machtmissbrauch zwar kritisch beleuchten will, dabei aber selbst die zentralen Narrative der Klassikbranche reproduziert und fortführt.
Das beginnt bereits beim Titel: Ein KI-generiertes Bild zeigt eine von hinten dargestellte junge Pianistin in knapper Kleidung, die an Unterwäsche erinnert – mit einer Hand, vermutlich die des »Maestro«, auf dem Rücken. Muss man, um die Kritik am Sexismus in der Klassikbranche einem breiten Fernsehpublikum schmackhaft zu machen, selbst ein sexistisches Bild verwenden?
Im Ankündigungstext für den Film hieß es: »Doch die Branche der klassischen Musik hat dunkle Seiten: Druck, Abhängigkeiten und Machtgefälle. Gerade ganz am Anfang der Karriere, im Studium, sind die jungen Menschen ganz unten im Machtgefüge.« Konkret geht es also um die Musikhochschule, zumal sich die Redaktion so mehr Sympathien seitens der Zuschauer erhofft hat. Zugleich ist die Hochschule beim Thema Machtmissbrauch jener Teilbereich der Klassikszene, der bislang akademisch besonders intensiv untersucht wurde.
Im Film werden die unterschiedlichen Ebenen – die Klassikbranche, das Musikstudium und Kindesmissbrauch – unter einem Dachthema »Musikhochschule« behandelt. Das führt leider dazu, dass alles ein wenig sprunghaft und wenig vertiefend wirkt.
Der Mythos vom Geniekult
Auffällig ist, wie oft das Wort »Genie« in der Erzählung fällt. Gleich zu Beginn wird der Geniekult erwähnt, jedoch ohne den Begriff kritisch zu hinterfragen. So heißt es, an deutschen Musikhochschulen würden »echte Musikgenies« unterrichten.
An deutschen Musikhochschulen unterrichten tatsächlich viele großartige Künstler mit Leidenschaft und Hingabe. Allerdings ziehen die deutschen Musikhochschulen Studierende aus aller Welt an, nicht nur wegen der Qualität der Ausbildung, sondern auch wegen des Images von Deutschland als Heimat der abendländischen Klassik und weil das Musikstudium in Deutschland finanziell erschwinglich ist. Die deutschen Musikhochschulen sind zudem nicht nur ein Ort der Elitenausbildung für das künstlerische Konzertfach. Alle Studiengänge – auch die pädagogischen, wissenschaftlichen und therapeutischen Fächer – bieten eine solide Berufsausbildung und sind nicht minderwertig. Machtmissbrauch und Übergriffe passieren zudem nicht nur in den Konzertfächern, sondern auch in anderen Studiengängen.

Die wiederholte Verwendung der Superlative irritiert: Die im Film erwähnten Musikhochschulen werden als »renommiert« dargestellt. Interessant ist, dass diese Zuschreibung bei der Hamburger Musikhochschule fehlt, die im Film eine Vorreiterrolle in Bezug auf Prävention einnimmt. Ob die Hochschule ebenfalls als »renommiert« bezeichnet worden wäre, wenn die dortigen Missbrauchsfälle im Film thematisiert worden wären?
Opferdarstellung
Siegfried Mauser wird im Film als »Maestro« bezeichnet, während das Attribut bei Christine Schornsheim fehlt, obwohl sie selbst Professorin für Cembalo ist und zeitweilig auch Vizepräsidentin der Münchner Musikhochschule war. Sie wird vor allem als Betroffene dargestellt, die von den erlittenen Taten und ihrem Leid erzählen soll. Natürlich leidet ein Gewaltopfer unter der Tat und den Tatfolgen, natürlich ist die Belastung eines Strafprozesses enorm, vor allem, wenn der Berufsalltag weiterlaufen muss, und selbstverständlich muss diese Problematik thematisiert werden. Es ist jedoch ein grundsätzliches Problem der medialen Berichterstattung, wenn Betroffene pauschal auf diese Rolle reduziert werden. Für eine betroffene Künstlerin stellt ein solches Setting ein zusätzliches Dilemma dar, denn ihr beruflicher »Traum« besteht eigentlich darin, mit einem Konzert im Fernsehen zu sein – und nicht als Opfer in einem Betroffeneninterview, mit vielleicht etwas Musik als dramaturgischer Kulisse. Die Rundfunk-Kulturredaktionen sind diesbezüglich inzwischen erfreulicherweise fortschrittlicher.
Diese unterschiedliche Beschreibung von Tätern und Opfern ist ein Teil der Geniekult-Narrative. Es stimmt, dass künstlerisch überragende Musiker gern als Genies gefeiert werden und ihnen vieles verziehen wird, weil das Publikum sie liebt und die Musikindustrie sie braucht. Es ist aber eine weit verbreitete Unsitte, dass bei jedem Täter – unabhängig von seinen wirklichen künstlerischen Qualitäten – vorausgeschickt wird, dass er künstlerisch über alle Zweifel erhaben sei, bevor sein Fehlverhalten kritisiert wird. Ein Hochschulpräsident oder ein Lehrbeauftragter mag hervorragend, charismatisch und in seinem Umfeld mächtig sein. Warum werden sie aber automatisch zu Genies hochstilisiert, sobald sie übergriffig werden?
Von wegen Zeitenwende
Problematisch sind auch Narrative wie »Wer es bis hierhin (Anmerkung der Autorin: auf das Musikgymnasium Schloss Belvedere) geschafft hat, dem stehen alle Türen offen«, da damit Abhängigkeiten und Machtmissbrauch zementiert werden. Mit solchen Narrativen wird jungen Menschen das Gefühl gegeben, für einen exklusiven Kreis auserwählt worden zu sein, und dass sie unbedingt alles tun müssen, um dazuzugehören. Natürlich kann eine Hochbegabtenförderung ein wichtiges Sprungbrett für Nachwuchsmusiker sein, sie ist aber keine Garantie für eine erfolgreiche Zukunft im Musikerberuf. Es ist auch kein Versagen, wenn sich Menschen mit Mehrfachbegabungen nach einem Jungstudium für einen anderen Beruf entscheiden. Zudem führen heute diverse Wege zum Musikerberuf. Schlimm ist es freilich, wenn die Entscheidung gegen einen Beruf in der Klassikbranche nicht aus freien Stücken, sondern als eine Notwendigkeit aufgrund von Machtmissbrauch getroffen wird.
Die Erläuterung von Isabelle Heiss, Professorin für Musikpädagogik, über Nähe und Distanz ist inhaltlich richtig und wichtig. Die Tat Mausers gegen Schornsheim hatte jedoch weder mit Einzelunterricht noch mit pädagogischer Grenzverletzung zu tun, ebenso wenig wie der Missbrauch des Klavierlehrers im Fall von Pritz in Weimar.

Die SZ kommentierte den Weimarer Fall sogar, dass die Tat im Jahr 2012 »vor der Zeitenwende« passiert wäre.Das ist beschönigend. Bezüglich Musikhochschulen kam die Zeitenwende tatsächlich erst mit dem Strafverfahren gegen Siegfried Mauser, der #MeToo-Bewegung und dem SPIEGEL-Artikel von 2018 über die Münchner Musikhochschule. Wenn ein Hochschulpräsident als höchster Amtsträger einer Hochschule selbst als Sexualtäter entlarvt wird, ist das natürlich ein Skandal.
Die Zeitenwende im Bereich des Kindesmissbrauchs vollzog sich allerdings bereits 2010 mit den Berichterstattungen über die Odenwaldschule, die Regensburger Domspatzen und weitere Internate. Im selben Jahr wurde der Runde Tisch Kindesmissbrauch gegründet, das Amt der Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM) geschaffen und mit der bundesweiten Aufklärung und Aufarbeitung begonnen. Im Januar 2012 trat schließlich das neue Bundeskinderschutzgesetz in Kraft. Wäre der Fall der damals 15-jährigen Schülerin kurz nach der Tat publik geworden, wäre also das Musikgymnasium Schloss Belvedere samt Internat im Fokus der Debatte gestanden und weniger die Musikhochschule. Sexualisierte Gewalt gegen Minderjährige war damals ein heißes Gesellschaftsthema. Den Verantwortlichen musste also schon damals der Skandalwert des Vorfalls bewusst gewesen sein.
Immerhin: Eine Entschuldigung
Positiv ist, dass sich die Präsidentin der Musikhochschule Weimar gleich für die Hochschule entschuldigt hat – nach Lydia Grün in München die zweite Präsidentin, die sich für die Vergangenheit öffentlich entschuldigt hat – und sich bereit erklärt hat, die »volle Verantwortung« zu übernehmen, falls es seitens der Hochschule zu Versäumnissen gekommen sein sollte. Offen ist jedoch, wie diese Verantwortungsübernahme aussehen soll. Will sie als Präsidentin zurücktreten? Will die Hochschule Schadensersatz oder sonstige Wiedergutmachung leisten? Oder geht es darum, dass die Hochschule die Verantwortung übernimmt, damit das Musikgymnasium verschont bleibt?
Hervorheben muss man auch den Mut der Protagonistinnen des Filmes: Josephine Pritz, Rita Becker und Christine Schornheim. Die im Film geschilderten Taten möchte ich an dieser Stelle nicht kommentieren, da ich nicht weiß, wie die Filmsequenzen genau gedreht und geschnitten wurden, ob die Protagonistinnen mit dem Ergebnis glücklich sind und was noch ungesagt blieb.
Aufarbeitung
Schornsheims Eingangsfrage: »Warum hat keiner was gesagt?« ist berechtigt, auch wenn oft mehrere Menschen schon etwas gesagt haben, ohne wirklich gehört zu werden. In der aktuell laufenden bundesweiten Studie zum Thema Machtmissbrauch an Musikhochschulen werden unter anderem das Meldeverhalten nach einem Vorfall und die Reaktion des Umfelds nach einer Meldung wissenschaftlich erfragt. Dass die Studie nicht nur die Prävalenz von Vorfällen untersucht, sondern auch den Umgang damit wissenschaftlich zu erfassen versucht, ist innovativ und zeigt, dass die Debatten der letzten Jahre durchaus zur Sensibilisierung beigetragen haben. Leider sind Studierende der privaten Musikhochschulen oder Konservatorien oder aber Alumni oder Studienabbrecher von staatlichen Musikhochschulen nicht Teil der Studie.
Manchmal ist auch ein sehr langer Atem vonnöten. Im Fall Hans-Jürgen von Bose in München gab es bereits in den 1990er Jahren Meldungen an die Leitung und die Behörde. Er wurde 2007 frühpensioniert und 2012 wiedereingegliedert. Das Ermittlungsverfahren gegen ihn war der Anlass für die Anzeige Schornsheims gegen Mauser. Die Staatsanwaltschaft erhob 2016 Anklage und es kam 2020 zum Strafprozess, allerdings ohne die frühen Fälle zu beleuchten.
In einem Fall in Hamburg gab es im Jahr 2010 eine Strafanzeige. Der aktuelle Arbeitgeber des ehemaligen Professors hat erst im Jahr 2025 eine nebenberufliche Stelle für die Gleichstellungsbeauftragte eingerichtet, die sich nun um solche Themen kümmern soll. Eine umfassende Aufarbeitung hat bisher nirgendwo stattgefunden.
SWR-Film blendet Roth-Debatte aus
Das geschilderte Phänomen, dass in der Klassikszene Täter und Opfer sich im gleichen Umfeld bewegen und dass Opfer – insbesondere, wenn sie eine erlittene Tat publik machen – von einem Teil dieses Umfelds regelmäßig angefeindet, eingeschüchtert oder ausgegrenzt werden, ist ein strukturelles Problem. Die sekundäre Viktimisierung der Opfer wird vielerorts heute noch als bedauerlicher, aber verständlicher Kollateralschaden für eine Beschwerde hingenommen. Zeugen und engagierte Menschen, die Missstände ansprechen und Fehlverhalten melden, können zudem die gleichen negativen Reaktionen erfahren.
Insofern ist es befremdlich, dass die SWR-Investigativredaktion einen Film über den sexuellen Machtmissbrauch in der Klassik dreht, ohne die vergleichbaren Mechanismen der Einschüchterung und des Loyalitätsdrucks im eigenen Haus bezüglich des SWR Symphonieorchesters und des Chefdirigenten François-Xavier Roth auch nur zu erwähnen. Ohne die übergriffigen Dirigenten, Künstler, Intendanten oder Regisseure im Konzertleben, die dem breiten Klassikpublikum als Maestros und Genies bekannt sind, und den Umgang der Branche mit ihnen ist das Bild nicht vollständig. Die Nachwuchskünstler, die aus der Musikhochschule kommen, wollen ja letztendlich dorthin.
Der Film endet mit den Worten: »Bisher war es an wenigen Einzelnen, Missstände zu benennen und dagegen anzukämpfen. Wie viele von ihnen werden noch alles riskieren müssen, damit sich endlich wirklich etwas ändert?«
In den letzten Jahren haben sich dank der #MeToo-Bewegung einige Selbsthilfe- und Unterstützungsnetzwerke gebildet, die Vernetzung und Austausch ermöglichen. Auch ist die Gesellschaft insgesamt sensibilisierter. Wenn sich die Journalistin inhaltlich für den Aktionstag in Hamburg interessiert hätte, hätte sie dort diverse, optimistische Lösungsideen und Perspektiven miterleben können – beispielsweise wie Betroffene sich geschützt offenbaren könnten oder wie betroffene Künstler es zurück auf die Konzertbühne schaffen könnten.
Transparenzhinweis: Shoko Kuroe wurde im Oktober 2025 von Report Mainz kontaktiert und hat ein Hintergrundgespräch geführt, aber aufgrund der Produktionsbedingungen eine Teilnahme am Film abgelehnt.

