Regie? Wo?

Juli 15, 2026
1 min read
Jeanine De Bique in der Titelrolle Alcina (Foto: Geoffroy Schied)

Alcina in München: Wunderbare Stimmen in einer unverschämt sinnlosen Aufführung. Eine Kurzkritik.

Georg Friedrich Händels Alcina zählt zu den beliebtesten seiner rund 40 Opern, die sich im Grunde recht ähnlich sind: verworrene, oft mythologisch oder von der Antike inspirierte Geschichten treffen auf den klassischen Barockklang – rhythmisch prägnant, streicherlastig, mit zirpendem Cembalo, Generalbass und immer wieder schmückenden Bläserfarben.

Das Außergewöhnliche an Händels Bühnenwerken ist ihre emotionale Kraft. Obwohl oft nur schwer nachzuvollziehen ist, worin das eigentliche Problem der Handlung gerade besteht, ist stets spürbar, was die Figuren empfinden. Händels Musik ist in Töne gegossene Emotion – in Arien, Duetten und Chören.

Im Münchner Prinzregententheater erlebt Alcina im Rahmen der Opernfestspiele nun eine Neuinszenierung. Beziehungsweise: eine musikalische Interpretation. Inszenierung oder Regie sind nämlich Fehlanzeige. Zu sehen sind vor allem möblierte Bühnenbilder, in denen schick kostümierte Menschen umherirren, stehen oder liegen. Hin und wieder wird ein Stuhl umgeworfen oder eine Blumenvase zerschmettert. Verantwortlich dafür: Johanna Wehner.

All das lässt über zweieinhalb Stunden – die dennoch kurzweilig vergehen – keinerlei sinnvollen Zusammenhang erkennen. Kurzweilig ist der Abend vor allem deshalb, weil erstklassig musiziert wird. Begleitet vom historisch informierten Bayerischen Staatsorchester unter Stefano Montanari erlebt das Premierenpublikum eine hochkarätige Besetzung, die auch jenseits persönlicher Geschmacksfragen über jeden Zweifel erhaben ist.

Allen voran begeistert Tenor Julian Prégardien. Zwar hat sein Oronte vergleichsweise wenige Arien, doch mit seinem künstlerischen Instinkt und der Schönheit seiner Stimme prägt er jede Szene. Oronte fürchtet den Verlust von Liebe und Bedeutung im Inselreich der Zauberin Alcina. Das ist in jedem Ton zu hören und in jeder seiner Bewegungen zu spüren.

Dramaturgisch steht die Magierin Alcina im Mittelpunkt. Sie sammelt Menschen und Liebhaber, verzaubert und beherrscht sie. Jeanine De Bique gestaltet die Titelrolle mit einem nahezu makellosen Sopran, der ebenso kraftvoll wie verzweifelt über die Rampe trägt.

In diese Reihe fügt sich auch Countertenor John Holiday als Ruggiero ein. Seine Stimme wirkt vielleicht etwas hoch angelegt, denn die Partie wird häufig von einem Mezzosopran gesungen. Holiday überzeugt jedoch mit großer Bühnenpräsenz, Charme und Einfühlsamkeit. Zu Recht erhält er dafür immer wieder Szenenapplaus.

Das berühmteste Stück der Oper, Ruggieros Arie »Verdi prati« (»Grüne Wiesen«), eine Meditation über die Vergänglichkeit von Schönheit und Natur, berührt dank Holidays Gestaltung auf tief bewegende Weise.

Auch Gerrit Illenberger (Melisso), Elsa Benoit (Morgana) und Avery Amereau (Bradamante) begeistern. Dirigent Stefano Montanari entfacht allerdings erst nach der Pause jene Energie und Spannung im Bayerischen Staatsorchester, die in Händels Musik stecken. Umso bedauerlicher ist es, dass eine Produktion mit einer derart herausragenden musikalischen Qualität szenisch so wenig zu erzählen hat und deshalb schnell in Vergessenheit geraten dürfte.

Philipp von Studnitz

Philipp von Studnitz, Jahrgang 1966, ist Literaturwissenschaftler und hat als Autor die People-Berichterstattung in der „BZ Berlin“ geprägt. Er war Kulturchef bei Park Avenue und ist ein begeisterter Klassik-Fan.

Fördern

Artikel auf BackstageClassical sind kostenlos. Wir freuen uns, wenn Sie unabhängigen Klassik-Journalismus fördern.

Mehr aktuelle Artikel

BackstageClassical ist in den Sommerferien

Die Klassik-Welt dreht weiter, aber wir machen Ferien. Am 1. September sind wir wieder für Sie da – mit täglichen News aus der Welt der Klassik. Bis dahin hier ein wenig Lektüre und

Publikumsbeschimpfug ist auch keine Lösung, Herr Mondtag

Ersan Mondtag nennt das Salzburger Publikum nach den Buh-Rufen für seine „Ariadne auf Naxos“ provinziell. Doch wer Kritik als Unfähigkeit abtut, verwechselt künstlerischen Anspruch mit Überheblichkeit – und verliert den Respekt vor

Friedman, Rienzi, Ring und Co. – eine Bayreuth-Bilanz

Peter Huth, ehemaliger Chefredakteur der Welt am Sonntag und Kommunikationschef von Axel Springer, bespricht mit Axel Brüggemann die erste Festspielwoche im Podcast von BackstageClassical. Auch Nathalie Stutzmann, Michel Friedman oder Katharina Wagner

Warum fällt Hinterhäuser der Abschied so schwer?

Markus Hinterhäuser ist nicht mehr Intendant der Salzburger Festspiele. Dennoch ist er allgegenwärtig. Der Streit um seine Trennung wirft Fragen nach Transparenz auf – und nach der Fähigkeit, ein Amt auch wirklich

Rienzi ist Wagners Monster

Die Dirigentin Natalie Stutzmann und die Regisseurinnen Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka haben in Bayreuth mit ihrer Lesart von Wagners Rienzi begeistert – hier blicken sie hinter die Kulissen und erklären Ihre Ansätze.

Neuer Blick auf Karajan

Karajans Rolle im Nationalsozialismus muss historisch genau betrachtet werden, sagt Biograf Wolfgang Rathert und fordert wissenschaftliche Sachlichkeit in der Karajan-Debatte. Dabei attestiert er dem Dirigenten Skrupellosigkeit in seiner Karriere.

12 Wurstfinger und ein König

Der KI-Ring in Bayreuth ist ein anstrengendes Unterfangen. Die von Marcus Lobbes kuratierten Bilder erinnern an die Pionierzeit der künstlichen Intelligenz. All das scheint nicht nur das Publikum abzulenken, sondern auch das

Diktator sind wir alle

150 Jahre Bayreuth: Zwischen Festakt und Rienzi drehen die Festspiele ihre eigene Geschichte durch den Necker-Würfel. Ein Essay über Erinnerung, Macht, Populismus – und die Verantwortung jedes Einzelnen.

Lieber Igor Levit,

Igor Levit und Danger Dan dürfen beim ZDF nicht auftreten – nun stilisieren sie sich zum Opfer. So geht PR.