Die Reichsbürger der Kultur

Mai 8, 2026
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Sancta von Florentina Holzinger in Stuttgart (Foto: Baus)

Ist Milo Rau der neue Schlingensief? Natürlich nicht! Ihm oder Florentina Holzinger fehlt es an Schalk, an Humor und an Schlingensiefs grundsätzlichem Verständnis von Kunst.

English summary: Are Milo Rau and Florentina Holzinger truly heirs to Christoph Schlingensief? Their work suggests otherwise: where he fused art and reality with anarchic wit, theirs feels controlled, didactic—and strikingly devoid of humor.

Milo Rau wäre wahrscheinlich gern der neue Christoph Schlingensief. Auf jeden Fall zieht er zuweilen die Parallele, so wie jetzt im Vorfeld zu den Wiener Festwochen, die natürlich wieder als »Freie Republik« firmieren. Gemeinsam mit dem Design-Museum MAK zeigen die Festwochen ab Mitte Mai eine große Schlingensief-Retrospektive unter dem Titel »Es ist nicht mehr mein Problem!«. Einblicke in die Arbeit des 2010 gestorbenen Künstlers als Filmemacher, Regisseur, Aktionist und Bildkünstler. Das Zentrum bildet die Installation Church of Fear von 2003. Gezeigt werden außerdem frühe politische Arbeiten wie Chance 2000 und Bitte liebt Österreich sowie spätere Werkkomplexe aus Film, Oper und Installation.

Gegen den gigantischen Schlingensief-Kosmos könnte Milo Raus »Freie Republik« nun allerdings wie ein langweiliges und monotones Zwergen-Land aussehen. Auf den ersten Blick mag so wirken, dass Raus Aktionismus, seine Verortung der Kunst in unserer Welt, die Fortsetzung von Schlingensiefs Arbeit ist. Bei genauer Betrachtung aber ist er genau das Gegenteil: Raus Arbeit liegt ein großes Missverständnis des Schlingensief-Erbes zugrunde.

Der Anarchist und der Oberlehrer

Schlingensiefs große Innovation war es, dass er die Grenzen zwischen Kunst und dem, was wir gemeinhin Wirklichkeit nennen, aufgebrochen hat. Und zwar, indem er innerhalb der Kunst Ideen und Visionen geboren hat, die er dann konkret mit der Wirklichkeit verknüpfte. Schlingensief hat die Kunst als U-Boot in die reale Gesellschaft gesteuert und am Periskop auf Irritationen gewartet. Dabei war das Prinzip immer das gleiche: Kunst wurde als Teil der Wirklichkeit implantiert. 

Schlingensiefs Kunstpartei Chance 2000 trat tatsächlich in der Europawahl Europa an! Er lockte echte Menschen an den echten Tegernsee, um das echte Urlaubsdomizil des echten Kanzlers Helmut Kohl zu fluten, während die Menschen »Tötet Helmut Kohl!« riefen. Schlingensief erfand auch seine Gaga-Talkshow Talk 2000 nicht für die Bühne, sondern ging mit ihr ins echte Fernsehen und überforderte damit sowohl seine Gäste als auch sein Publikum (es ist spektakulär lohnenswert, sich die coole Hilde Kneef, den lässigen Udo Kir oder den überforderten Rudolph Moshammer in dieser Sendung noch einmal anzuschauen). Mit anderen Worten: Schlingensief nutzte das anarchische Trotz- und Provokationspotenzial seiner Kunst, um die Grenzen seiner Wirklichkeit herauszufordern.

Schlingensiefs Talk 2000

Bei Milo Rau funktioniert all das genau andersherum: Statt die Kunst in die Wirklichkeit zu pflanzen, nutzt er den Raum der Kunst als Safe-Space, in den er die Provokateure der so genannten »echten Welt« lockt, um hier Schein-Kämpfe auszufechten. Dann lässt er Nazis auf Demokraten los, Juristen auf den Rechtsstaat oder Künstler auf die Politik. Über all das regen sich dann einige auf – und irgendwann schließt sich der Vorhang wieder. Für diese Inszenierung muss Rau Intendant (Apparatschik) sein, während Schlingensief immer Clown (frei!) blieb.

Milo Rau will die verrückte Welt in seinem hermetischen Reich der Kunst domestizieren. Egal, ob in Prozessen, die er in aller Welt längst als Trademark in eigener Sache und als Masche veranstaltet, oder in der »Freien Republik«, die er während der Festspielzeit ausruft. Letztlich ist er damit aber selber nur eine Art »Reichsbürger der Kultur«, einer, der glaubt, sein eigener »Kultur-Staat« würde besser funktionieren als unsere reale Demokratie. Vollkommen absurd wird all das, wenn dieser Milo-Rau-Staat auch noch durch üppige Kultur-Gelder ernährt wird.

Ach Gottchen!

Während Schlingensief unser Gemeinwesen durch Provokation zum Nachdenken bringen wollte, will Rau unsere Wirklichkeit innerhalb seiner ästhetischen Grenzen erziehen. Schlingensief war ein anarchischer Provokateur, Rau ist dagegen ein kleinbürgerlicher Kultur-Oberlehrer.

Aber vielleicht ist ja alles auch ganz anders? Vielleicht haben sich nur die Zeiten verändert. Vielleicht gibt Milo Rau uns lediglich die Kunst, die wir verdienen? Bei den letzten Festwochen hat er Florentina Holzingers Sancta auf die Bühne geholt. Die Produktion sorgte auch in Stuttgart fürs »Kotzen« im Publikum, und die Künstlerin lässt ihre Tänzerinnen bis heute im Österreich-Pavillon der Biennale nackt (Skandaaal!) als Schlägel in einer Giga-Glocke baumeln. Die Leute kommen, staunen und finden das zum Teil wirklich ergreifend.

Ich habe in meiner Sancta-Kritik »Ach Gottchen« schon einmal geschrieben, dass mir diese Performance ein bisschen so vorkommt, als wenn die pubertierende Tochter mich am Abend fragt, ob ich nicht mit in die Disko kommen wolle. Ich winke dann müde ab, sage, dass ich das hinter mir habe, lieber nicht ein wenig lese – wünsche ihr aber viel Spaß. Jede Generation hat das Recht auf ihre eigene Provokation!

Dass die Provokation im Jahre 2026 wirklich noch aus alten Nackidei-Schmerz-Kirchen-Spielchen besteht – nun ja. Es ist vielleicht der Spiegel einer in Wahrheit unglaublich selbstreflexiven und spießigen Generation Z.

Vielleicht liegt hier auch der eigentliche Schlüssel: Was mir persönlich bei Milo Rau und Florentina Holzinger fehlt, ist das, was das Fundament der Kunst Schlingensiefs war: Die Lust an der Naivität, die Freude am Spaß, die Ernsthaftigkeit des Humors, der Schalk der Anarchie! Wer nicht lachen kann, wenn er sich nackt auspeitscht oder als Pendel in einer Kirchenglocke baumelt, hat die Macht über das Böse in unserer Welt verloren. Christoph Schlingensief hat selbst seinen Krebs angeschrien und ausgelacht – mit angsterfüllten Tränen. Wahrhaftiger war Kunst selten, hier wurde der Mensch zur Passion. Bei Holzinger bleibt die Passion eine Inszenierung der eigenen Lust. Ich freue mich auf die große Schlingensief-Retrospektive in Wien. Er hat unserer Zeit mehr zu sagen als noch eine »Freie Republik«.

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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