Der Intendant des Schleswig-Holstein Musikfestivals, Christian Kuhnt, kritisiert den Song von Igor Levit und Danger Dan, plädiert aber für eine versachlichte Debatte. Eine Replik auf den »Brief von Brüggi«
BackstageClassical-Herausgeber Axel Brüggemann hat heute morgen in einem sehr persönlich gehaltenen Brief den Umgang Igor Levits mit der Absage des ZDF kommentiert – der Sender ließ den Pianisten nicht mit Danger Dan und dem Song »Keine Angst« auftreten. An dieser Stelle antwortet der Intendant des Schleswig-Holstein Musikfestivals, Christian Kuhnt, unserem Autor. Kuhnt kritisiert den Song ebenfalls, plädiert aber für einen reflektierten Ton.
Lieber Axel,
Deine Empörung bezüglich des neuen Songs „Keine Angst“ von Danger Dan kann ich nachvollziehen. Leider verlässt Du in Deinem offenen Brief an Igor Levit zugunsten persönlicher Angriffe an der ein oder anderen Stelle die Sachebene. Dabei handelt es sich aus meiner Sicht um einen Vorgang, der für persönliche Animositäten zu schwerwiegend ist.
Bei aller Kritik an dem Song sollte nicht übersehen werden, aus welchem gesellschaftlichen Klima heraus Künstler wie die beiden argumentieren. Als eine der bekanntesten jüdischen Persönlichkeiten des Landes hat Igor Levit immer wieder öffentlich über Hass, Bedrohungen und antisemitische Anfeindungen gesprochen. Vor diesem Hintergrund sind seine Wut, seine Sorge und sein Engagement gegen jede Form von Rechtsextremismus menschlich nachvollziehbar.
Gerade deshalb ist die Debatte um „Keine Angst“ anspruchsvoll. Man kann großes Verständnis für die Motivation und die emotionale Dringlichkeit hinter dem Song haben und gleichzeitig die darin propagierten Methoden kritisch sehen. Die Sorge vor demokratiefeindlichen Entwicklungen rechtfertigt eine entschlossene politische Gegenwehr. Sie entbindet jedoch nicht von der Frage, ob die eingesetzten Mittel mit den Prinzipien einer offenen, liberalen Demokratie vereinbar sind. Demokratie beweist ihre Stärke gerade dadurch, dass sie nicht auf Verhaltensweisen zurückgreift, vor denen man beim politischen Gegner selbst warnen würde. Genau an diesem Spannungsverhältnis scheitert der Song.
Der Text romantisiert Handlungen, die üblicherweise als Kennzeichen demokratiegefährdender Milieus kritisiert werden. Die demokratische Bewährungsprobe liegt aber nicht im Ziel des Widerstands, sondern in der Wahl seiner Mittel. Wer rechtsstaatliche Verfahren ignoriert, bewegt sich auf einem Terrain, das grundlegende demokratische Prinzipien berührt. Genau deshalb erscheint es mir problematisch, bestimmte Maßnahmen allein aufgrund ihrer Zielrichtung als legitime Handlungsempfehlungen darzustellen.
Mich irritiert auch die Behauptung von Igor Levit und Danger Dan, die Ausladung durch das ZDF sei ein „autoritärer Akt“ gewesen. Die Entscheidung gegen einen bestimmten Beitrag ist noch kein Angriff auf die Demokratie. In einer pluralistischen Gesellschaft gibt es ein Recht, sprechen zu dürfen, aber kein Recht darauf, verbreitet zu werden. Der Song wurde veröffentlicht, öffentlich diskutiert und kann von jedem gehört werden. Man kann die Entscheidung des ZDF kritisieren. Man kann sie für feige, übervorsichtig oder politisch falsch halten. Das macht sie aber noch lange nicht zu einem „autoritären Akt“.
Wenn Aktivismus beginnt, Misstrauen gegenüber Staat und Medien systematisch zu schüren, Gegner zu katalogisieren oder Menschen außerhalb institutioneller Verfahren zu sanktionieren, verschwimmt die Grenze zwischen legitimer politischer Gegenwehr und problematischer Selbstermächtigung.
Liebe Grüße
Dein Christian

