Alte Intendanten-Haudegen buhlen um die Intendanz, Wedl-Wilson winkt als Prsidentin ab. Ins Gesamt wirkt die Suche nach einer neuen Festspieführung irgendwie lähmend. Es fehlt an Mut und Ideen.
English summary: Salzburg Festival’s leadership search is criticized as passive, uninspired, and driven by rumors. Strong candidates are scarce, politics lacks a clear vision, and the process favors continuity over reform. The article argues bold leadership and structural change are urgently needed.
Im Tomaselli oder im Café Bazar scheint derzeit besonders viel Kaffeesatz anzufallen: Die Spekulationsmaschine über die Zukunft der Salzburger Festspiele läuft jedenfalls auf Hochtouren. Manche Journalisten verwechseln dabei allerdings Gerüchte mit Erfindungen. Zuletzt die Kronen Zeitung. Erst hat sie Volksopern-Intendantin Lotte de Beer als heiße Favoritin ins Spiel gebracht, bis diese genervt erklärte, dass sie sich nicht einmal beworben habe. Hnd dann handelte Österreichs Boulevardblatt auch noch Ex-Außenminister und Kanzler Alexander Schallenberg (»Russland hat Atombomben, wir haben Mozart«) als zukünftigen Präsidenten und Nachfolger von Kristina Hammer.
Schallenberg gehöre zur Sebastian-Kurz-Gang, zu der auch Salzburgs Landeshauptfrau Karoline Edtstadler gehöre: Passt doch! Kleiner Schönheitsfehler: Nach BackstageClassical-Informationen hat sich auch Schallenberg nie um den Job beworben.
Hört man sich in Salzburg um, herrscht gerade eine Phase der Ernüchterung. Das Bewerberfeld für die Intendanz ist eher überschaubar: Einige Kandidaten standen schon von vorherein fest, viele haben sich allerdings auch ohne jede Chance beworben – Intendanten kleinerer Häuser, von Spezial-Ensembles oder ohne Opern-Qualifikation.
Wedl-Wilson will in »politisches Abklingbecken«
Etwas besser soll die Situation für die Bewerbungen um die Präsidentschaft aussehen. Hier kursieren vielversprechendere Namen, wobei eine der aussichtsreichen Kandidatinnen sich offenbar gerade selber aus dem Rennen genommen hat: Berlins ehemalige Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson will sich nach ihrer brutal beendeten Amtszeit in Deutschlands Hauptstadt erst einmal in ein »politisches Abklingbecken« begeben, sagte sie gegenüber BackstageClassical.
Und so macht sich die amtierende Präsidentin, Kristina Hammer, (wohl zu Recht) wieder Hoffnungen darauf, ihren Job behalten zu können. Allein das ist ein Anzeichen dafür, dass die Salzburger Politik derzeit keinen wirklichen Plan zu haben scheint.
Die Verantwortlichen scheinen besonders auf die Wiener Personalberaterin Gundi Wentner zu setzen, die in den letzten Auswahlverfahren, die sie begleitet hat, eher unspektakuläre Entscheidungen getroffen hat, etwa am Burgtheater, aber auch beim Brucknerhaus in Linz, wo man sich am Ende für eine eher lokale Intendanz als für eine internationale Ausrichtung entschieden hat. Und auch Christian Kircher, der die Salzburger Findungskommission leitet, ist zwar ein integrer Kulturmanager, aber auch ihm fehlt vielleicht der internationale Weitblick.
Dorny oder Schulz wären nur neue Namen
Es mag ein Fehler gewesen sein, dass die Kommission nicht mehr proaktiv auf spannende Kandidatinnen und Kandidaten zugeht, sondern sich darauf beschränkt, unter den Bewerberinnen und Bewerbern den oder die Geeignetste zu finden.
Und da findet man dann – nach Hörensagen – die erwartbaren Kandidaten: Serge Dorny von der Bayerischen Staatsoper oder Matthias Schulz vom Opernhaus in Zürich. Der erste gehört unter Künstlerinnen und Künstlern wohl eher zu den unbeliebteren Kulturmanagern und konnte in München auch kaum an die Strahlkraft der Vorgängerära von Nikolaus Bachler anknüpfen. Matthias Schulz ist ebenfalls als etwas blasser Intendant und Strippenzieher bekannt, dem Manuel Brug von der Welt kürzlich eine Art »Empfehlungsschreiben« geschrieben hat. Ob das die Findungskommission beeindrucken wird? Eher wohl das Gegenteil.
Klar, es gibt auch Kandidaten, deren Namen für eher mutige Entscheidungen stünden: Viktor Schoner aus Stuttgart ist so einer, wohingegen der oft kolportierte Name von Jonas Kaufmann eher als Bewerbungs-Gag erscheint.
Tatsächlich müsste die Findungskommission – vor allen Dingen aber auch die politischen Entscheider – die Sache derzeit wesentlich proaktiver in die Hand nehmen. Wenn Deutschland Jürgen Klopp als Bundestrainer haben will, geht es nicht nur darum, ihn zu bestellen, sondern ihm ein Umfeld zu schaffen, in dem er die Nationalmannschaft entwickeln sowie perspektivisch und strukturell neu aufstellen kann. Einen solchen Plan scheint bei den Salzburger Festspielen derzeit niemand zu haben.
Wer wagt neue Strukturen?
Dabei sind die Festspiele in den letzten Jahren ja nicht nur an den Umgangsformen von Markus Hinterhäuser gescheitert, sondern daran, dass ihre Struktur eine »Herrschaft« wie die von Hinterhäuser überhaupt zugelassen (ja, vielleicht sogar befördert) hat. Mit anderen Worten: Bevor es zur Auswahl einer neuen Präsidentschaft und Intendanz kommt, wäre es die grundlegende Hausarbeit der Politik, neue Strukturen für die Festspiele zu schaffen, in denen Kreativität sich dialogisch entfalten und Machtmissbrauch von vornherein verhindert wird.
Doch genau das scheint derzeit nicht zu passieren. Karoline Edtstadler und die Salzburger Lokalpolitik scheinen stoisch darauf zu warten, dass die Findungskommission ihnen zwei Namen vorschlägt, mit denen sie dann weitermachen kann wie immer.
Dabei gäbe es ja Konstellationen, die auch die Struktur der Festspiele neu denken könnten. Es ist kein Geheimnis, dass Barrie Kosky einmal großes Interesse an der Intendanz hatte: Könnte man mit ihm nicht eine neue Form aus künstlerischer Leitung, Management, Oper, Konzert und Theater finden?
Und überhaupt: Wäre die derzeitige Findungskommission nicht an sich schon das beste Team? Hätten sich die Semperoper-Intendantin Nora Schmid, Dirigent Franz Welser-Möst und Thalia-Frau Sonja Anders als Team für die Leitung beworben – sie hätten sicherlich sehr gute Chancen gehabt. Dann hätte selbst Christian Kircher sich als Präsident um die Management-Details kümmern können.
Derzeit wirkt die Intendantensuche in Salzburg noch ein wenig zu passiv und ein bisschen zu chaotisch. Während bald die Festspiele stattfinden, sollten die politischen Entscheider die Zeit nutzen, um sich darüber klar zu werden, in welchen neuen Strukturen sie ihre Festspiele in Zukunft gießen wollen. Denn das Ende von Markus Hinterhäuser wäre ein zu großer Kampf gewesen, als dass danach nicht ein mutiger Neuanfang, sondern nur ein »Weiter so« mit anderem Namen steht.

