Karl Keller kritisierte an dieser Stelle die Anbiederung der Konzertveranstalter beim jungen Publikum. Nun antwortet der Intendant des Beethovenfestes Bonn, Steven Walter, und plädiert für weniger Introspektive und mehr mehr Neugier auf das Publikum.
English summary: Karl Keller recently criticized what he sees as concert presenters’ pandering to young audiences. Now, Steven Walter, Artistic Director of the Beethovenfest Bonn, responds, arguing for less introspection and greater curiosity about audiences.
Mit großem Interesse habe ich den offenen Brief »Techno rettet keine Tonhalle« von Karl Keller an meine geschätzte Kollegin Ilona Schmiel hier bei BackstageClassical gelesen. Ich kann nichts zu den konkreten Formaten in Zürich sagen und nur feststellen, dass der Auftritt und überhaupt das Tonhalle-Orchester als Klangkörper einen sehr guten Eindruck hinterlässt – weshalb sie sehr gern auch dieses Jahr wieder beim Beethovenfest eingeladen sind.
Es geht mir also hier nicht um dieses Orchester oder die Tonhalle oder irgend ein Format in Zürich, sondern um die für den gesamten Klassikbetrieb abstrahierbaren Haltungen und (falschen) Widersprüche, die hier angesprochen werden. Denn als Veranstalter und Gastgeber im Klassikbereich sehe ich mich grundsätzlich natürlich ebenso von Kellers Zeilen angesprochen.
Was wollen »junge Menschen«?
Bis vor kurzem galt ich als jung, habe mich auch selbst so eingeschätzt, da ich mich immer mit »jungen Themen« der Klassik beschäftigt und profiliert habe. Ein paar rasante Jahre später bin ich nun vierzigjährig angekommen im altermäßigen Niemandsland des Klassikbetriebs, das zugleich strukturell geriatrisch, jugendwahnsinnig und Wunderkind-lüstern ist. Jung bin ich jedenfalls nach keiner Definition mehr.
Es ist immer etwas peinlich (oder: »cringe«), wenn ältere Menschen meinen zu wissen, was junge Menschen wirklich interessiert bzw. interessieren soll. Man verstrickt sich dabei einfach in performative Widersprüche, über die solche Vorhaben früher oder später immer stolpern müssen. Insofern hat Karl Keller natürlich in all seiner Zweiundzwanzigjährigkeit unwiderlegbar recht. Er hat sich angebiedert und nicht ernst genommen gefühlt – kurz: er fand’s blöd und hat seine Blödsinnserfahrung sehr eloquent niedergeschrieben. Das ist für sich genommen schon wertvolles Feedback.
Probleme habe ich aber mit dem stark durchscheinenden Subtext, seine Erfahrung stünde pars pro toto für eine gesamte Generation. Dies ist nun eindeutig nicht der Fall. Jemand, der ausweislich seines Autorenprofils studierter Musiker und Musikwissenschaftler ist, ist natürlich eine Kreatur der Branche. Zur Ehrlichkeit gehört also dazu, dass das hier Insider-Branchentalk ist und wenig mit »jungen Menschen« da draußen zu tun hat. Denn diese homogene Gruppe »junger Menschen« gibt es natürlich nicht.
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass beispielsweise Musikstudierende oft die konservativsten Menschen im ganzen System sind (womit ich nun nicht den Autor meine!) und relativ wenig mit dem Archetyp einer hippen Gen-Z zu tun haben wollen. Es ist jedenfalls nicht zwingend zielführend, einen jungen Musiker dazu zu befragen, wie junge Menschen Anschluss an die klassische Musik finden sollen. Weil es also kompliziert ist mit essentialistischen Beschreibungen einer Kohorte, geht es hier folgend eher um Universalien, die aus meiner Sicht unabhängig vom Alter für unser (potentielles) Publikum relevant sind.
Nebensachen sind Hauptsachen
Wir Musiker:innen (ich war auch mal einer) denken ausschließlich vom Inhalt her. Das ist auch richtig und notwendig, denn sonst wären wir nicht Musiker:innen. Die Wahrheit, die ich selbst in meiner Transformation zum Veranstalter und Gastgeber auf harte Weise lernen musste, ist aber: die Besuchsmotive der Menschen, die zu uns kommen, sind extrem vielfältig – und dies generationenübergreifend.
Manche kommen für das Programm; viele andere wollen eigentlich beispielsweise in die Tonhalle und dafür müssen sie eben ins Konzert; die einen kommen um zu sehen, die anderen um gesehen zu werden; wieder andere wollen mal zwei Stunden offline sein; manche besonders viel Action haben und vielleicht sogar jemand kennenlernen. Fast immer geht es wesentlich um die soziale Komponente – außer bei der einen mir bekannten Managerin, die sich ein Opern-Abo geholt hat, nur weil sie in den Vorstellungen so herrlich tiefenentspannt schlafen kann (kein Witz).
Wer Gastgeber:in von Konzerten ist und sich wirklich für das Publikum interessiert, wird unweigerlich feststellen, dass Musik (egal ob »klassisch« oder andersartig) eine zutiefst sozialästhetische Angelegenheit ist. Sie ist mehr Anlass als Gegenstand, öffnet Kommunikationsräume und sozio-emotionale Projektionsflächen – und ist eben keine absolute, isolierbare Sache, die irgendwie zu »vermitteln« sei. Musik ist kein Ding, sondern ein soziales Ereignis.
Anlass statt Andacht
Betrachtet man zugleich die Geschichte der musikalischen Aufführungskultur, so wird evident, dass die Idee einer »absoluten Musik« die allerlängste Zeit gar keine Rolle gespielt hat – Musik war eingebunden und eingewoben in soziale und spirituelle Praktiken. Dieses ganze Gewese um die ersatzreligiöse Institutionen der klassischen Musik und ihr quasi-sakrales Konzertwesen ist ein 150-jähriges abendländisches Missverständnis, das wir allmählich abschütteln müssen.
Denn Musik bietet etwas noch viel Magischeres als die Andacht: sie schafft Anlässe, dass wir uns in bewusstseinserweiternden Zuständen versammeln – in echten, sprachlos-vertrauten bis ekstatischen Gemeinschaften. Sofern dies gelingt, ist es immer ein Gesamtkunstwerk aus Musik plus Kommunikation, Raumgestaltung, Gastgeberschaft, Zugewandtheit, die Drinks, der Vibe, das ganze Drumherum.
Alles, das die sozialästhetische Erfahrung des Gastes (das Unwort »Kunde« habe ich in meiner Organisation verboten) beeinflusst, ist hochrangig wichtig. Deswegen in der Tat: wir müssen in der Tat den »Pausenraum« genau so bewerben wie die Bühne. Es gibt in diesem Sinne keine Nebensachen, sondern nur diese eine Hauptsache: das Erlebnis unserer Gäste. Dies in den Mittelpunkt zu stellen heißt eben nicht, die Kunst zu vernachlässigen. Das ist ein falscher Widerspruch.
Die narzisstische Klassik-Kränkung
Als System haben wir uns alle – kollektiv – seit dem ersten Sparkassen-Förderpreis unserer frühen Kindheit, über alle Erfolge bei »Jugend Musiziert«, den Gated Communities der Eliteförderungen und Orchester hinweg, durch all die notwendige Selbstbezogenheit also, die mit dem Musikerleben einhergeht, einen tiefgründigen Narzissmus antrainiert: die Musik selbst, die Werke, ihre perfekte Vervielfältigung – und also damit wir als die Medien dieser gottgeküssten Dauer-Reinkarnation! – sind Alpha und Omega, Anfang und Ende unserer Welt. Alles dreht sich darum, nichts soll dem im Wege oder auch nur Beiseite stehen.
Auch aus dem bezuggenommenen Text geht der Reflex hervor: »Konzentriert euch auf die Musik, den Inhalt«. Wir müssen uns damit anfreunden, dass vieles gleichzeitig wahr ist und es keinen Widerspruch zwischen dem musikalischen Fokus und publikumszentrierte Formate geben muss. Alle Konzentration auf die Musik hat uns weit gebracht. Noch nie war die musikalische »Qualität« höher (wobei man sich über den Qualitätsbegriff streiten kann, das ist aber ein anderer Artikel), noch nie gab es so so viele, so tolle Konzertarchitekturen etc. Für all das lohnt es sich weiter zu kämpfen, mit allem Fokus.
Gleichzeitig und ebenso wichtig muss uns als Klassik-System das Kunststück gelingen, uns viel weniger »ernst« zu nehmen. Viel mehr Vernetzung, Öffnung und Teilhabe; viel mehr Post-Genre Programmation – und das nicht, um irgendwie krampfhaft zum »Eigentlichen«, der klassischen Aboreihe, zu verführen, sondern als gleichwertiger Teil des programmatischen Selbstverständnisses. Vor allem aber geht es um die Transformationen unserer Haltungen in der Klassik: viel weniger Selbstbezogenheit und -verliebtheit, normal mit den Menschen reden, Gesicht zeigen und Anonymität aufheben.
Derlei Vermenschlichung und damit Relativierung der Kunst tut uns weh – muss es aber gar nicht! Die Erfahrung zeigt mir, dass das Erhabene, sogar Magische – all die musikalische Esoterik an der ich so sehr glaube wie alle anderen Verrückten, die diesem Thema ihr Leben widmen – sogar noch mehr unverhoffte Chancen hat, wenn wir uns insgesamt locker machen.
Kein Techno ist auch keine Lösung.
Ich kann ja vieles unterschreiben: ja, nichts ist schlimmer als Anbiederung und Etikettenschwindel (wobei ich das beim genannten Beispiel aus der Ferne nicht sehe). Junge Menschen sind zwar wie gesagt vielfältig, gemein haben sie aber alle einen sehr gut kalibrierten Bullshit-Detektor – eine Überlebensnotwendigkeit in der heutigen Medienwelt voller werblicher Verführung und Verarschung.
Und ja, man muss schon aufpassen, das gutgemeinte Klassik-Clubs nicht zu neu-elitären Schlaumeier-Gruppen, die mehr ausgrenzen als einladen, werden. Kritik und Negativität klingen meistens schlau und sophisticated; herzlicher Enthusiasmus wird oft als plump, gar dumm oder mindestens naiv abgetan (ein sehr deutsches Phänomen!). Das Reden über Musik muss sich zwingend vereinfachen. In diesem Sinne teile ich die Notwendigkeit, dass alles dafür getan werden muss, dass unsere Begeisterung und Liebe für die Musik auch in der Kommunikation und in jeder Faser unseres Tuns erlebbar wird.
Ebenso sollten wir aber auch die puristischen Klassik-Phantasien, die noch immer bei jung und alt im System sehr präsent sind und wenig mit Liebe und Enthusiasmus, sondern oft mit Dünkel und Distinktionsfreude zu tun haben, hinterfragen. Über das Handwerkliche kann man immer streiten und die Gestaltung von Konzerten ist eine noch immer unterentwickelte Kunst, aber im Allgemeinen ist jede Durchmischung und Vernetzung in diesem Sinne wünschenswert.
Vom Bullshit-Filter
Wir brauchen hier viel mehr Neugierde, wobei es natürlich auch immer Platz für das ganz »klassische« Format geben kann. Und nein: es muss deswegen nicht beliebig werden. Auch das ist ein falscher Widerspruch. Es gibt unendlich viele schlaue Dramaturgien der Vielfalt, wenn wir uns dafür öffnen. Denn es muss das Offensichtliche immer wieder gesagt werden: wir machen das alles nicht für uns und unseresgleiches. Das wird in Zukunft nicht reichen, es reicht jetzt schon nicht mehr. Es gibt sehr wohl – offensichtlich – viele Menschen, für die ein anderes Format eine andere Anschlussmöglichkeit bietet. Mit Selbstverständlichkeit, einer warmen und menschlichen Kommunikation und sehr gutem Bullshit-Filter sollten wir uns auf die Reise begeben, um der schönen Vielfalt unseres Publikums ein ebenso vielfältige Konzerterlebnisse anzubieten.
Techno wird die Konzerthäuser nicht retten. Aber Beethoven auch nicht. Er hat seinen Job getan – es liegt nun an uns, mit Selbstbewusstsein aus dem Vollen der Kunstmusik zu schöpfen und lebendige Orte des sozialen Musikerlebens zu schaffen. Da ist kein Techno auch keine Lösung. Aphex Twin ist ein Mozart unserer Zeit und wir müssen nicht so tun, als käme Musik als Kunst nur in unserer kleinen Ecke der Musikwelt vor.
Ein großer Teil dieser weniger narzisstischen Klassikszene, die mir vorschwebt, wäre durch schlichte Neugierde für und Interesse an der Welt, wie sie heute ist, gewonnen. Zu diesem Zweck sollten wir gerne streng gemeinsam um Haltungen ringen, aber auch großzügig im Scheitern sein und uns Zeit geben. Die Transformation muss uns aber gelingen – es gibt keinen Weg zurück. Nur diese aufgeschlossene, zugewandte und neugierige Klassik kann vielleicht auch einfordern, dass man sich ebenso für unsere Institutionen und unseren Beethoven interessieren sollte.

