Kultur, Kritik und andere Missverständnisse 

Juli 13, 2026
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Oper für alle in München – ein Erfolgskonzept (Foto: BMW, Franziska Krug)

Willkommen in der neuen Klassik-Woche,

heute mit einigen Konfrontationen zwischen Medien und Kulturschaffenden und der Grundsatzfrage nach dem Musikjournalismus. Außerdem: Ein überraschender Komponist und ein bisschen Festspiel-Gossip. 

Die Neuordnung des Marktes

Wie lange wird es das noch geben: Überquellende Zeitungsstände (Bild: KI)

Es war nur eine weitere Nachricht dieser Woche: Der Konzertveranstalter MünchenMusik schließt sich zusammen mit der Künstleragentur Liu Kotow. Anlass genug, sich die Branche einmal genauer anzuschauen. Das gesamte Agenturgeschäft scheint sich derzeit massiv zu wandeln. Entweder suchen Agenturen ihr Heil in Fusionen, oder in der Idee einer Boutique-Agentur. Unter zusätzlichen Druck gerät die Branche durch einen kriselnden Markt: Veranstalter setzen auf große Stars statt auf das Verkaufsrisiko »Nachwuchs«, und die einzelnen Künstler sollen immer schneller Profite abwerfen (siehe die rasanten Karrieren von Klaus Mäkelä, Tarmo Peltokoski oder Petr Popelka) – ob das eine langfristig kluge Rechnung ist?   

 Anthonys Filmmusik

Er ist ein genialer Schauspieler und ein sehr begabter Maler. Nun will sich Anthony Hopkins auch noch als Komponist behaupten: DECCA wird ein Album mit der Musik des 88-Jährigen unter dem Titel Life Is A Dream herausgeben. Einen Vorgeschmack gibt es bereits: Gustavo Dudamel dirigiert das Stück für Piano und Orchester. Ein bisschen Jazz, ein bisschen Mahler – ein bisschen seicht. Nachzuhören hier.   

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Klassisch Zeitung I

Der Weser-Kurier in meiner Heimatstadt Bremen hat sich jüngst beschwert, dass es immer schwerer wird, Pressekarten zu bekommen. Aber ist deshalb gleich die Pressefreiheit in Gefahr? Ich denke nicht. Vielmehr müssen sich einige Zeitungen heute ernsthaft fragen, ob sie nicht selbst schuld sind, indem sie ihre Feuilletons in den letzten Jahren sträflich vernachlässigt haben. Längst gibt es andere journalistische Angebote, die für die Häuser interessanter sind. Und dann sind da noch die Influencer. Was wir aber vielleicht tatsächlich bräuchten: Einen transparenteren Umgang mit der Vergabe von Pressetickets an öffentlich finanzierten Häusern: Welche Medien werden auf jeden Fall bedacht, welche sogar eingeladen? Nach welchen Kriterien wird entschieden? Reichweite? Regelmäßigkeit der Berichterstattung? Fachkompetenz? Lokale Bedeutung? Unabhängigkeit? Und vor allem: Wie verhindert man, dass freundliche Influencer eingeladen und kritische Journalisten ausgesiebt werden? Wie handhaben Sie das in Ihren Pressestellen? Schreiben Sie mir gern einmal. Meine Überlegungen dazu: hier

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Klassisch Zeitung II

Richtig fette Werbung hatte die Staatsoper in Berlin von Elisabeth Sobotka in dieser Woche: BILD hat die Aufführung der Entführung aus dem Serail mit Bülent Ceylan gestreamt, und Springer-Vorstand Mathias Döpfner hat sich im Vorfeld weit aus dem Fenster gehängt, was den Kulturauftrag der Boulevardzeitung angeht. Es ist kein Geheimnis, dass auch ich für BILD geschrieben habe – ich habe der Staatsopern-Intendantin  erklärt, warum ich mich deshalb bis heute ein bisschen dreckig fühle.   

Achtung, fertig – Festspiele

Aix-en-Provence spielt schon und begeistert sein Publikum, in Bayreuth wurde nun doch die Gedenkveranstaltung mit Michel Friedman ins Programm genommen (es dirigiert Semyon Bychkov), und Salzburg debattiert weiter über seine Zukunft. Ein bisschen peinlich, wie einige Zeitungen vollkommen willkürlich Namen ins Rennen werfen: Die Kronen Zeitung meldete etwa eine Bewerbung von Lotte de Beer – aber die Volksopern-Chefin dementierte sofort. Als Präsident wird derzeit Ex-Außenminister und Österreichs Übergangskanzler Alexander Schallenberg gehandelt (»Russland hat Atombomben, wir haben Mozart«). Er stand lange dem Kurz-Klüngel nahe, zu dem auch Landeshauptfrau Karoline Edtstadler gehörte. Aber seine Wahl wäre nur ein unseriöser Postenschacher und sicher kein künstlerischer Fortschritt (es wird spannend, wie viel Erneuerung Edtstadler den Festspielen zumutet). Und überhaupt, liebe Kronen Zeitung, Schallenberg hat sich auch nicht offiziell beworben. Auch Sarah Wedl-Wilson soll in Salzburg derzeit wieder Klinken putzen. Dass Festspiele auch anders gehen, beschreibt Karl Keller für BackstageClassical: Opernhäuser profitieren gern vom Festspiel-Image. Manche, wie Serge Dornys Staatsoper in München, bieten am Ende der Saison einfach noch mal ihr Jahresrepertoire an – allerdings für erhöhte Preise. Immerhin, »Oper für Alle« ist für Keller eine echte Erfolgsgeschichte. Ach, ja, wer das Warten verkürzen will: Pünktlich zum 150. Festspieljubiläum hat BackstageClassical das Quartett Wagner-Wahn herausgegeben. Zocken Sie um Mythos-, Musikalische- und Todespunkte mit Wotan, Sieglinde, den Rheintöchtern oder Beckmesser (zu bestellen: hier).   

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Landesdirektion rügt Oper und Gewandhaus

Die Landesdirektion Sachsen hat die Finanzplanung von Gewandhaus und Oper Leipzig kritisiert. Das Gewandhaus zahle trotz erheblicher eigener Defizite Zuschüsse an die Stiftung Zukunft Gewandhaus (sie finanziert u. a. das Gewandhausradio). Dies widerspreche dem Grundsatz von Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit, heißt es in einem Bescheid. Bei der Oper sei ein bereits 2025 erteilter Hinweis auf die angespannte Finanzlage »offensichtlich nicht beachtet« worden. Mehr hier.

Personalien der Woche

Der Geschäftsführer des Boston Symphony Orchestra, Chad Smith, erklärt, dass der Dirigent Andris Nelsons die Öffnung zum Publikum nicht mitgehen wollte – und man sich deshalb von ihm getrennt habe. Mehr hier. – das Orchester stand trotzdem auf der Seite Nelsons. +++ Die Musikdramaturgin Marlene Hahn wird mit Beginn der Saison 2028/29 neue Intendantin der Oper Graz. Die 41-Jährige, die derzeit Chefdramaturgin in Leipzig ist, folgt auf Ulrich Lenz, dessen Fünfjahresvertrag nach der Saison 2027/28 überraschend nicht verlängert wird. +++ Herbert Blomstedt ist diese Woche 99 Jahre jung geblieben – immer wieder erinnern wir gern mit diesem Gespräch an seine Zeit als westlicher Chefdirigent in Dresden. 

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Und wo bleibt das Positive, Herr Brüggemann?

Ja, wo zum Teufel bleibt es nur? Vielleicht ja hier! Der Sommer steht vor der Tür. Die Theater und Orchester schließen langsam ihre Türen, die neue Saison verspricht viele spannende Produktionen (BackstageClassical hat die Highlights aufgelistet), und auch der Festspielsommer bietet einige Highlights. Ich freue mich besonders auf den Rienzi im Festspielhaus (ich darf auch heuer wieder die Kinoübertragung moderieren) und natürlich die beiden Festspiel-Open-Airs (am 24.7. und 2.8.), die immer eine ganz besondere Atmosphäre haben. Bregenz eröffnet mit einer neuen La Traviata (für uns wird Georg Rudiger berichten), und Karl Keller wird sich in Salzburg umschauen. Übrigens, dass mir die Öffnung der Klassik sehr wohl am Herzen liegt, habe ich diese Woche in gleich in zwei Gesprächen für den Saarländischen Rundfunk erklärt: Einmal ging es um die Bedeutung der Drei Tenöre, dann um den Boom der Sommerfestivals. Es ist also noch ein wenig Zeit, bis auch wir in die Sommerpause gehen. Bis dahin hoffe ich auf ein spannendes WM-Finale und kann Ihnen – wenn Sie es noch nicht gehört haben – unser sehr spannendes (und kluges) Gespräch mit dem Tenor Benjamin Bernheim ans Herz legen.

In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif.

Ihr

Axel Brüggemann  

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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