Halten wir den Ball flach!

Juli 20, 2026
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Natalie Stuntmanns Rienzi-Partitur, die Tenor Andreas Schager mit den Worten auf Instagram postete »Hast Du ein paar Minuten, ich hätte da paar Korrekturen.«

Willkommen in der neuen Klassik-Woche, 

Spanien ist Weltmeister – Gratulation! Und auch die Klassik zieht nun auf die großen Spielfelder der Sommerfestivals. Aber dieser Newsletter hat es noch einmal in sich: Zwei Intendanten schreiben bei BackstageClassical über ihren Blick auf den Betrieb, wir kümmern uns um Verstimmungen am Mozarteum und um Levits Hammerbanden-Klavier, um die Zukunft in Salzburg und blicken in Bayreuth hinter die Kulissen. Und wie heißt es beim Fußball: »Immer schön den Ball flach halten!«.   

Levits Hammerklavier

Es ist ganz einfach: Wer sich mit jemandem solidarisiert, der andere Menschen mit einem Hammer quält, hat ein merkwürdiges Verständnis von Menschenwürde. Dabei spielt es keine Rolle, ob diese Gewalt sich gegen Nazis oder sonstwen richtet – unsere Demokratie basiert auf Gewaltlosigkeit und einem Rechtsstaat, der – im großen und Ganzen – auch ziemlich gut funktioniert. Und der dort, wo etwas nicht funktioniert, in der Regel auch transparent wird und nachbessert. Insofern ist der Song Keine Angst, den Danger Dan und Igor Levit im ZDF aufführen wollten, natürlich auch eine Kampfansage gegen den Staat. Und ja, vom Chefredakteur der Jüdischen Allgemeinen Zeitung (für die ich übrigens ebenfalls schreibe) bis zu den Kommentarspalten großer Zeitungen sind sich viele einig: Dieses Lied ist nicht nur musikalisch schlecht, sondern geht auch inhaltlich gar nicht. Mich persönlich stört, dass Levit auf der einen Seite hemmungslos mit den Repräsentanten unserer Republik (deren Ehrenzeichen er angenommen hat) kuschelt – und auf der anderen mehr oder weniger direkt dazu auffordert, Selbstjustiz zu üben. Dass ich für meinen Brief an Levit als »Nazi« und »Antisemit« beschimpft wurde, zeigt mir, dass hier etwas gewaltig aus dem Ruder läuft: Die demokratische Mitte. Linke Gewalt kann keine Antwort auf rechte Gewalt sein. Ich habe das – zugegeben – etwas emotional aufgeschrieben, der Intendant des Schleswig-Holstein Musik Festivals, Christian Kuhnt, findet bei BackstageClassical etwas staatstragendere Worte: »Die demokratische Bewährungsprobe liegt nicht im Ziel des Widerstands, sondern in der Wahl seiner Mittel«. 

Verstimmungen um Thielemanns Mozarteums-Professur?

Die Beschwerden, die bei BackstageClassical eingingen, waren wütend: Studierende des Mozarteums in Salzburg beklagten sich über den Wirbel, den die Professur von Christian Thielemann am Haus auslöst. Die bereits angenommenen Studierenden sollten – nach allerhand Hickhack – eine erneute Prüfung ablegen, die Kommunikation war miserabel, und am Ende waren lediglich männliche Bewerber in Thielemanns Klasse aufgenommen worden. Außerdem, so beklagen die Studierenden, wirkte Thielemanns Professur wie eine Förderung von Martin A. Fuchsberger, der im »Team Thielemann« einen Großteil der Arbeit übernehmen würde. Auf BackstageClassical-Anfrage bestätigte und bedauerte die Rektorin des Mozarteums, Constanze Wimmer, dass nur Männer die Aufnahme bestanden hätten, erklärte die schlechte Kommunikation mit einem Rektoratswechsel an der Uni, wies Vorwürfe, dass Thielemann nur eine Alibi-Professur antrete, allerdings zurück. Lesen Sie den ganzen Text hier.    

Katharina Wagner gibt Einblicke in Bayreuth

Katharina Wagner (Foto: Bayreuther Festspiele, Nawrath)

Katharina Wagner zeigt sich beim BackstageClassical-Podcast gut gelaunt und voller Tatendrang: Die neue Rienzi-Produktion fokussiere sich auf das Allzumenschliche in der Politik, verrät sie, und biete sogar etwa zum Schmunzeln. Die Kinderoper bringt den Ring in einer Aufführung, und Wolfram Weimer habe seine Millionen Bundeshilfe nun auch endlich zugesagt. Alles in Butter also? Nein! Es sei schwierig geworden, Sponsoren zu finden, sagt Wagner, und der finanzielle Druck sei nach wie vor groß. Im Jubiläumsjahr will die Intendantin das 150. Jubiläum ausführlich feiern, gleichzeitig aber auch die eigene Geschichte reflektieren und »aktiv gedenken«. Den Original-BackstageClassical-Podcast, der bereits ausführlich von der dpa zitiert wurde, hören Sie hier.

Salzburger Machtpositionierungen

Ex-Intendant Markus Hinterhäuser saß im Publikum, als Teodor Currentzis die Ouverture Spirituelle bei den Salzburger Festspielen eröffnete – die Kritiken: durchwachsen. Zu viel Kitsch, zu wenig Vertrauen in die Musik, und überhaupt: Sowohl die Salzburger Nachrichten als auch die Frankfurter Rundschau (»Currentzis – ein Glücksfall für Moskaus Propaganda«) fragten, ob es nicht gerade jetzt, da der Krieg Russlands gegen die Ukraine brutal weitertobe, ein merkwürdiges Zeichen sei, dass die Festspiele ausgerechnet einen Künstler in den Vordergrund stellen, der ein gewichtiges Standbein in den von VTB- und Gazprom geförderten Kulturinstitutionen in Russland habe. Das Problem wird sich mit einer neuen Intendanz sicherlich von selber lösen (Österreichs Präsident Alexander van der Bellen hat – wie wir bereits berichtet haben – ebenfalls einen eleganten Weg gefunden, dem Ehrenabzeichen für Currentzis aus dem Weg zu gehen). Derweil geht das Ringen um die Festspiel-Intendanz und -Präsidentschaft weiter. Sarah Wedl-Wilson erklärte gegenüber BackstageClassical, dass sie nicht mehr als Präsidentin kandidiere, sondern sich zunächst ins »politische Abklingbecken« zurückziehe. Überhaupt scheint der Findungsprozess unter Landeshauptfrau Karoline Edtstadler ein wenig zu stagnieren – den aktuellen Stand der Lage fassen wir hier zusammen.  

Wer rettet uns – Beethoven oder Techno?

Die Kritik, dass Veranstalter einem jungen Markt oft hilflos hinterherlaufen, hat für eine große Debatte gesorgt. Der BackstageClassical-Artikel von Karl Keller hat für viele Reaktionen gesorgt. Diese Woche hat ihm Steven Walter, der Intendant des Beethovenfestes Bonn, geantwortet: Er plädiert für weniger Introspektive und mehr Neugier auf das Publikum und schreibt »Techno wird uns nicht retten. Aber Beethoven auch nicht.« Und: »Alles, was die sozialästhetische Erfahrung des Gastes (das Unwort ‚Kunde‘ habe ich in meiner Organisation verboten) beeinflusst, ist hochrangig wichtig. Deswegen in der Tat: wir müssen in der Tat den ‚Pausenraum‘ genau so bewerben wie die Bühne. Es gibt in diesem Sinne keine Nebensachen, sondern nur diese eine Hauptsache: das Erlebnis unserer Gäste.« Lesen Sie seinen ganzen Essay hier. In dieser Woche werden wir auch noch einen Text von Shoko Kuroe bringen, die versucht, zwischen beiden Standpunkten zu vermitteln.

Personalien der Woche

Die Situation an der Oper Graz ist merkwürdig: In verschiedenen Zeitungen wird das Unverständnis dafür ausgedrückt, dass der erfolgreiche Intendant Ulrich Lenz nicht verlängert, und stattdessen die Dramaturgin der Oper Leipzig, Marlene Hahn, zur neuen Intendantin ernannt wurde. Kommentatoren spekulieren, dass dieses eher ein politischer Akt mit Blick auf die Besetzung der Stelle durch eine Frau gewesen sei. Tatsächlich ist es eher erschreckend, dass neben Elisabeth Sobotka jemand wie Helga Rabl-Stadler in der Findungskommission saß – sie gehört mit Sicherheit eher zu den gestrigen Figuren des Klassikbetriebes.  +++ Nun also doch: Anlässlich des 200. Todestags von Franz Schubert im Jahr 2028 wird dessen Geburtshaus in Wien umfassend saniert und neu gestaltet. Das denkmalgeschützte, zweigeschossige Gebäude in der Nußdorfer Straße soll Anfang 2028 mit einer deutlich erweiterten Dauerausstellung wiedereröffnet werden.

Und wo bleibt das Positive, Herr Brüggemann?

Ja, wo zum Teufel bleibt es denn? Vielleicht ja hier! In zwei Wochen geht BackstageClassical in die Sommerferien. Aber vorher freuen wir uns auf einen turbulenten XXL-Festspielsommer zwischen Salzburg und Bayreuth. Kommende Woche werden wir auf unserem Insta-Profil wieder gemeinsam mit der Sektkellerei Geldermann zwei Karten für die Wagnerfestspiele in Bayreuth verlosen (also schnell noch folgen), am 24. Juli geht es dann bereits mit dem ersten Open-Air in Bayreuth los (ich freue mich, wenn wir uns dort dieses Mal zu einem reinen Wagner-Programm treffen), am 26. mit der Kino-Übertragung des Rienzi weiter. Und wenn Sie Langeweile haben, lege ich Ihnen gern noch unser BackstageClassical Wagner-Quartett Wagner-Wahn ans Herz: Zocken Sie sich mit Wotan und den Rheintöchtern durch den Sommer. 

Also: Koffer gepackt – und auf in die Festspielzeit! 

In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif.

Ihr 

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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