Dirigenten im Schatten der Intendanz?

Mai 20, 2024
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Cappella Aquileia mit Marcus Bosch (Bild: OH, Fischer)

Willkommen in der neuen Klassik-Woche

heute mit einem Blick in die Verhandlungen von Joe Chialo, einer Debatte über unsere Klassik-Museen, über einen Aufschrei der Musikdirektoren und der großen Frage: Was trinken wir eigentlich in der Konzertpause?  

Joe Chialos Konzerthaus-Eiertanz 

Joana Mallwitz, Tobias Rempe, Joe Chialo (Fotos: Plambeck, Dehgani, Collage BC)

Dass Tobias Rempe als designierter Intendant des Konzerthauses in Berlin ausgerechnet jetzt benannt wurde, dürfte auch etwas mit der Berichterstattung von BackstageClassical zu tun haben. Bereits am Dienstag hatten wir geschrieben, dass der Leiter des Hamburger Ensemble Resonanz wohl Nachfolger von Sebastian Nordmann wird (und über die Schwierigkeit einen Manager neben Mallwitz zu finden). In einer Anfrage an den Kultursenator Joe Chialo wollte BackstageClassical wissen, warum zwei Mitglieder der Beratungskommission das Handtuch geworfen hatten (unter ihnen offenbar auch Gewandhaus-Chef Andreas Schulz). Ein Sprecher bestätigte daraufhin den Vorfall und erklärte, dass sich »die zwei Mitglieder unabhängig voneinander aufgrund von internationalen Konzertverpflichtungen, Auslandsaufenthalten oder Gastspielreisen nicht mehr in der Lage sahen, ihren Aufgaben im Gremium angemessen gerecht zu werden.« Das ist ein ungewöhnlicher Vorfall, da es ja durchaus digitale Möglichkeiten für Konferenzen gibt. Die Berliner Zeitung und der Perlentaucher nahmen die BackstageClassical-Recherche auf, und zwei Tage nach unserer Anfrage veröffentlichte der Berliner Senat offenbar hektisch die Pressemitteilung mit der Ernennung Rempes, der morgen offiziell vorgestellt werden soll. Bleiben einige Fragen: Was ist da los in Chialos Kultursenat? Insider berichten von Unzufriedenheit mit Chialos Führungsstil. Unklar ist auch die Rolle von Staatssekretärin Sarah Wedl-Wilson. Die ehemalige Leiterin der Hanns-Eisler Musikhochschule hatte das Auswahlverfahren zunächst geleitet, bevor Chialo (dessen Klassik-Kompetenz begrenzt ist) wieder übernommen hatte. Gibt es Kompetenz-Probleme beim Kultursenator? Auf jeden Fall scheint es im Berliner Kultur-Karton zu scheppern. Wedl-Wilson verwies auf Anfrage an den Senator.

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»Dirigenten haben ein Gefühl der Ohnmacht« 

Der Vorsitzende der Konferenz der Generalmusikdirektoren, Marcus Bosch, fordert im BackstageClassical »Guten Morgen, …«-Talk mehr Rücksicht von Intendantinnen und Intendanten und beklagt die Strukturen an deutschen Theatern: Oft würden die GMD nicht an Entscheidungen beteiligt. Die Kompetenz der musikalischen Leitung würde an vielen Häusern ignoriert werden: »Das Entscheidungsrecht liegt in der Regel bei den Intendanten, und da spielt Kompetenz oft leider keine Rolle, sondern allein der Wille einzelner Intendanten.« Bosch befürchtet, dass der Deutsche Bühnenverein plane, die Musikdirektoren in den Theater-Organigrammen hinter die Orchesterdirektoren einzuordnen. »Die GMD stecken oft in einer Sandwich-Position, weil sie einerseits vom Orchester wiedergewählt werden müssen und vom Intendanten weiter verlängert werden wollen«, erklärt Bosch, »da herrscht bei vielen das Gefühl großer Ohnmacht.«

Hamburgs Aufstieg in 1. Liga?

Für St. Pauli ist klar, was der HSV schon wieder verpasst hat: der Aufstieg in die 1. Bundesliga. Auch die Hamburgische Staatsoper kickt seit einigen Jahren eher im musikalischen Mittelfeld. Ein neues Führungsteam um Tobias Kratzer und Omer Meir Wellber soll das in Zukunft ändern. Auch architektonisch träumt die Hansestadt von einem neuen Opern-Stadion. Einziges Problem: Als Finanzier bietet sich ausgerechnet HSV-Fan und Unternehmer Klaus-Michael Kühne an. Der hatte der Stadt vorgeschlagen, eine neue Oper zu bauen. Aber soll man darauf eingehen? Welche Mitsprache hätte Kühne? Und überhaupt: Muss eine Stadt nicht ihre eigenen Gebäude finanzieren können? Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda hält auch weiterhin an Plänen mit Kühne fest. Im Hamburger Abendblatt sagt er: »Wir sind noch nicht an einem Punkt, an dem wir wissen, ob es gelingt.«  Mit dem Baakenhöft gibt es auch einen möglichen Bauplatz in der HafenCity. »Die Frage ist, ob wir ein Modell finden, das für Herrn Kühne wie für die Stadt plausibel ist«, sagte Brosda. Kühne hatte eine Summe von 300 Millionen Euro in Aussicht gestellt. Es müsse feststehen, was ein Opernhaus dieser Größenordnung am konkreten Ort kostet. »Dann bekommt das Projekt ein Preisschild, und der Mäzen muss entscheiden, ob er bereit ist, diese Summe zu tragen. Noch ist nichts entschieden.« Vielleicht klappt es ja, wenn der HSV mal wieder Derbys in der 1. Liga mit meinem SV Werder Bremen spielt. 

Das war’s, Teodor

Der Dirigent Teodor Currentzis (Bild: SWR)

Er geht noch mal auf Abschiedstournee mit dem SWR-Orchester – Teodor Currentzis. In diesem Newsletter haben wir oft und intensiv über seine Beziehungen zu Russland und russischen Geldgebern recherchiert. Im Zentrum der Kritik: Wie kann der SWR (als von Gebühren finanzierter, öffentlich-rechtlicher Sender) einen Dirigenten an seiner Spitze dulden, der abhängig von Putins Russland bleibt, für Gazprom auf Tournee gegangen ist, mit strammen Putinisten auftrat, dessen Musiker auf einer Deutschlandtournee westliche Journalisten als Faschisten beschimpften – und der zu all dem schweigt? Das Wiener Konzerthaus, die Philharmonie in Köln oder die Wiener Festwochen haben reagiert und Currentzis gemieden. Nun gibt der Dirigent seine letzten Konzerte als Chefdirigent mit dem SWR-Orchester (Ersatzkonzerte für die Ausladung in Wien wurden organisiert). In Zukunft wird er wohl hauptsächlich mit anderen Orchestern wie seinem Utopia Orchestra konzertieren (auch über dessen Finanzierung haben wir immer wieder berichtet). Damit wird er nicht mehr von einer offiziellen deutschen Institution getragen, und damit muss nun wieder jeder Veranstalter und jeder Besucher selber entscheiden, ob Currentzis in Zeiten des Krieges zumutbar ist oder nicht. Alle Recherchen liegen auf dem Tisch. Was bleibt, ist der  moralisch fragwürdige Umgang des SWR mit diesem Thema. Ebenfalls bleibt die musikalische Kritik an Currentzis. Die in dieser Sache sicher nicht parteiische Eleonore Büning erklärte letzte Woche im Tagesspiegel, dass es dem Dirigenten bei seinem Berlin-Konzert mit Utopia offensichtlich weniger um die Musik als um die Inszenierung seines  Egos ging: »(…) es gibt immer wieder irritierende Leerstellen. Tote Generalpausen, ohne Spannung. Damit geht eine halbe Brucknerdimension verloren. Krasse Crescendi, auf Kontrast gebürstet. Majestätische Unisonoblöcke, zu laut. Bewegtes, zu schnell, Feierliches, zu leise – und das Leise zu langsam. Kein Fließen, kein Atmen, kein Zusammenhang. Jeder Affekt übertrieben isoliert. Schwarz oder Weiß: So stellt sich kein ‚Miserio‘ ein. Teodor Currentzis, der Musikdarsteller, malt eines in die Luft. Doch es ist nicht zu hören.«


Diese Woche bei BackstageClassical


Museumsleiter warnt vor historischer Tabuisierung

Der Direktor des Richard Wagner Museums Bayreuth, Sven Friedrich, warnt im Podcast Alles klar, Klassik? davor, Geschichte unter den Teppich zu kehren, Wagner-Straßen umzubenennen oder Karajan-Büsten in Keller zu stellen. Er plädiert für ein aufgeklärtes Geschichtsbewusstsein und historische Kontextualisierung. »Ich halte diese Tendenzen der Political Correctness für bedenklich«, sagt Friedrich, »letztlich ist das eine Geschichts-Entsorgung, die in Wahrheit den Weg für Ideologien frei macht. Prinzipiell habe ich das Gefühl, dass wir von einer geistigen Bücherverbrennung nicht weit entfernt sind.« Der Leiter des Beehoven-Hauses in Bonn, Malte Boecker, verweist im Podcast darauf, dass gerade in unserer emotionalen Zeit die wissenschaftlichen Kriterien für Museen besonders wichtig seien. Alle Inhalte und den Podcast gibt es hier.

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Personalien der Woche

Das Jerusalem-Quartett (Foto: Jerusalem Quartett, Broede)

Der Chefdirigent der Münchner Staatsoper, Vladimir Jurowski, erklärte der Süddeutschen am Rande eines Konzertes, das er nach wie vor hoffe, seine Position an der Staatsoper zu behalten: »Ich hoffe, dass mir genug Zeit an der Bayerischen Staatsoper bleibt«, sagte er mit Bezug auf weitere Pläne. Offensichtlich wurden die Verhandlungen zwischen Jurowski, Intendant Serge Dorny und dem Kunstminister Markus Blume wieder aufgenommen. +++ Es ist schon absurd, wie norddeutsche Medien  (inklusive dem Spiegel) den 80. Geburtstag von Justus Frantz abgefeiert haben: Der große Zampano, der mit seiner Buch-Beichte, dass er homoerotische Beziehungen hatte (ach, echt?!?) versucht, den öffentlichen Diskurs wieder zu bestimmen. Ich erinnere an dieser Stelle gern noch Mal über unsere XXL-Recherche zu Frantz neuen Freunden aus Russland, der Rechten und der Linken. +++ Österreichs Musikerinnen und Musiker beklagen den Druck durch Streaming-Anbieter. Die 95.000 Personen der Musikwirtschaft leiden unter zu wenig »AirPlay«. Die Musikverwertungsgesellschaft AKM erklärt, die Branche erwirtschafte 2,8 Prozent des BIP, und jeder Musikschaffende generiere 16 weitere Jobs. An der Musikwirtschaft, die fiskale Effekte in Höhe von 4,35 Milliarden Euro erzeuge, würden direkt und indirekt rund 117.000 Arbeitsplätze hängen.  +++ Gemischte Gefühle nach Christian Thielemanns erster Programm-Präsentation in Berlin: Der neue GMD wird nur eine Opernpremiere selber dirigieren: Strauss‘ Schweigsame Frau, außerdem Abonnementkonzerte mit Bruckner-Symphonien und Felix Mendelssohns Zweitem Klavierkonzert, mit Igor Levit am Flügel, das Freiluftkonzert auf dem Bebelplatz und zu Silvester und Neujahr Kompositionen aus der Weimarer Zeit. Besonders groß war die Enttäuschung, dass es diese Saison keine Barocktage geben wird – und eine große Tradition damit unterbrochen wird. +++ Das Concertgebouw in Amsterdam hatte ein Konzert mit dem Jerusalem Quartet aus Sicherheitsgründen abgesagt. Mehr als 13.000 Menschen protestierten, dann stand das Konzert wieder auf dem Programm. Wir haben die Protest-Aktion unterstützt

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Und wo bleibt das Positive, Herr Brüggemann?

Ja, wo zum Teufel bleibt es denn? Vielleicht ja hier! Frederik Hanssen hat im Tagesspiegel über die Caterer in den Berliner Opern- und Konzerthäusern geschrieben. Viel Andrang in kurzer Zeit ist eines ihrer logistischen Probleme, dazu: Champagner-Trinker wollen zeigen, dass sie keinen Sekt schlürfen und bestehen auf bessere Gläser. Ein großartiges Thema! Welche Erfahrungen haben Sie mit dem Catering in ihren Musiktempeln? Wir werden dazu kommende Woche eine Umfrage bei Instagram starten – und die Ergebnisse hier veröffentlichen. 

Ach ja: Groß angelegt und technisch sehr einfach umgesetzt ist das öffentliche (und kostenlose) Streaming des Ringes am Opernhaus Zürich (Rheingold und Walküre stehen bereits zur Verfügung, Siegfried und Götterdämmerung kommen diese Woche). Ja, für den Stream wird auch bei BackstageClassical geworben, aber hier unabhängig davon und auch aus vollen Herzen: Es ist großartig, dass sich jeder zu Hause ein eigenes Bild von Andreas Homokis Inszenierung machen kann, in der unter anderen Tomasz Konieczny, Camilla Nylund oder Klaus Florian Vogt zu erleben sind. Für das Catering müssen Sie in diesem Fall allerdings selber sorgen.    

In diesem Sinne: halten Sie die Ohren steif.

Ihr 

Axel Brüggemann

redaktion@backstageclassical.com

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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