Chialos Mission Impossible: Konzerthaus-Intendant

Mai 14, 2024
1 min read
Joana Mallwitz, Tobias Rempe, Joe Chialo (Fotos: Plambeck, Dehgani, Collage BC)

Berlins Kultursenator tut sich schwer, einen Intendanten neben Joana Mallwitz zu finden. Nun haben auch noch zwei Mitglieder sein Beratungsgremium verlassen. Wird ein Hamburger das Haus in Zukunft leiten?   

Berlins Kultursenator Joe Chialo hat keinen guten Lauf. Nach dem krachenden Scheitern seiner Antidiskriminierungsklausel droht nun auch die Besetzung einer der wichtigsten Posten im Berliner Kulturleben aus dem Ruder zu laufen: die Intendanz des Berliner Konzerthauses.

Der Vertrag von Joana Mallwitz, der Chefdirigentin des Konzerthausorchesters, sieht offenbar vor, dass sie auch weitreichendes Mitspracherecht in der programmatischen Planung des Hauses hat und eine Intendantin oder ein Intendant neben ihr relativ wenig Handlungsspielraum hätte. Das mag ein Grund sein, warum es bislang schwer gefallen ist, überhaupt renommierte Bewerberinnen und Bewerber zu finden. Und nun scheint es auch in der Findungskommission gewaltig zu krachen. Zwei Mitglieder, so hört man, sollen entnervt das Handtuch geworfen haben.

BackstageClassical hat bei Joe Chialo nachgefragt, dessen Sprecher, Michael Wallies, die Causa bestätigt. Nach Interpretation des Kultursenats sahen sich die zwei Mitglieder allerdings »unabhängig voneinander aufgrund von internationalen Konzertverpflichtungen, Auslandsaufenthalten oder Gastspielreisen nicht mehr in der Lage, ihren Aufgaben im Gremium angemessen gerecht zu werden.« Chialos Sprecher machte außerdem klar, dass es sich bei dem Gremium nicht um eine Findungskommission handle, sondern um ein »Beratungsgremium«, das den Senator bei seiner Entscheidungsfindung unterstütze. Nach Informationen von BackstageClassical soll es sich bei einem der Mitglieder um den Gewandhausdirektor Andreas Schulz handeln.


Texte wie diese werden auch durch Ihre Spenden ermöglicht. Unterstützen Sie BackstageClassical.


Chialos Staatssekretärin, Sarah Wedl-Wilson, hatte den Senator anfänglich im Verfahren um die Konzerthaus-Intendanz vertreten, bis Chialo die Entscheidungsfdindung selber übernahm. Wedl-Wilson verwies bei Anfrage auf den Senator.

Es ist unüblich, dass gleich zwei Berater ihre Aufgabe niederlegen – zumal inzwischen ja auch digitale Möglichkeiten bestehen, um an den Gesprächen teilzunehmen. In Berlin kursiert das Gerücht, dass der Senator während der Findung einen eigenen Favoriten ins Spiel gebracht und für ihn gekämpft habe. Danach gefragt, antwortet der Kultursenator nicht.

Inzwischen zieht sich die Findung einer neuen Konzerthaus-Intendanz quälend hin. Es heißt, dass Mallwitz einige Kandidaten bereits abgelehnt hätte. Inzwischen scheint sich – auch das ist noch ein unbestätigtes Gerücht – alles auf den derzeitigen künstlerischen Manager des Hamburger Ensemble Resonanz, Tobias Rempe, hinauszulaufen. Sicher ist nur so viel: Das Prozedere hat denjenigen oder diejenige, die es am Ende werden schon jetzt beschädigt. 

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

Fördern

Artikel auf BackstageClassical sind kostenlos. Wir freuen uns, wenn Sie unabhängigen Klassik-Journalismus fördern.

Mehr aktuelle Artikel

Was ist los in der Klassik?

Podcast: Hannah Schmidt und Axel Brüggemann debattieren die neue Theater-Saison, Opern-Finanzierung, Salzburger Festspiele und Wolfram Weimer.

Der große Spielplan-Check

Die neue Opernspielzeit steht vor der Tür. In Folge I checkt BackstageClassical die Spielpläne der großen Häuser: Vielfalt ist das Motto – und allerhand Namen von der Stange.

Ermittlungen am Teatro San Carlo

Die Polizei in Italien ermittelt Unregelmäßigkeiten am Theater in San Carlo. Im Zentrum stehen Ex-Intendant Stéphane Lissner und verschiedene Künstlerinnen und Künstler, unter ihnen Asmik Grigorian, Claus Guth und Jonas Kaufmann.

Lieber Jackie Chan,

Turandot hat in den letzten 100 Jahren ja schon viel erlebt, unter anderem eine Inszenierung direkt in der Verbotenen Stadt in Peking. Aber Puccinis Chinaoper als Martial-Arts-Spektakel, das ist wirklich neu! Sie

Liebe Künstlerinnen und Künstler,

dieses Mal war es das Berliner Boulevard-Blatt BZ, das die Kosten-Rechnung aufgemacht hat: Während man in der Hauptstadt durchschnittlich 62,20 Euro für ein Opernticket hinblättert, zahlt der Staat für jedes verkaufte Ticket noch mal 251,60

Mickischs Leitmotiv-Erbe in Buchform

Bei seinem ersten Bayreuth-Besuch traf Stephan Knies den Wagner-Experten Stefan Mickisch. Aus seiner Leidenschaft für Wagners Leitmotive entstand nun ein Buchprojekt, das seine einzigartige Analyse des »Rings« fortführt und erstmals in Buchform

Theater Chemnitz wehrt sich gegen Sparmaßnahmen

Die Theaterleitung der Städtischen Theater Chemnitz warnt vor massiven Einschnitten für das künstlerische Angebot, sollte der Vorschlag umgesetzt werden, alle Sparten künftig nur noch im Opernhaus zu bündeln und das Schauspielhaus aufzugeben.

Verpassen Sie nicht ...