»Dirigenten haben das Gefühl großer Ohnmacht« 

Mai 18, 2024
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Der Dirigent Marcus Bosch mit Stab im Mund
Der Dirigent Marcus Bosch (Foto: Goffing)

Der Vorsitzende der Konferenz der Generalmusikdirektoren, Marcus Bosch, fordert mehr Rücksicht von Intendanten und beklagt die derzeitigen Strukturen an deutschen Theatern: Oft würden die GMD nicht an Entscheidungen beteiligt.

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Viele Dirigenten fühlten sich im Angesicht der Machtfülle von Intendanten hilflos, sagt Marcus Bosch im BackstageClassical-Podcast »Guten Morgen,…« (hier für alle Player) . Die Kompetenz der musikalischen Leitung würde an vielen Häusern derzeit ignoriert werden, beklagt der Dirigent: »Das Entscheidungsrecht liegt in der Regel bei den Intendanten, und da spielt Kompetenz oft leider keine Rolle, sondern allein der Wille einzelner Intendanten.« 

Der Vorsitzende der GMD-Konferenz befürchtet, dass der Deutsche Bühnenverein, das Gremium der Intendanten, derzeit plane, die Musikdirektoren in den Theater-Organigrammen noch hinter die Orchesterdirektoren einzuordnen. »Die GMD stecken oft in einer Sandwich-Position, weil sie einerseits vom Orchester wiedergewählt werden müssen und vom Intendanten weiter verlängert werden wollen«, erklärt Bosch, »da herrscht bei vielen das Gefühl großen Ohnmacht.«

Marcus Bosch ist Chefdirigent in Rostock, unterrichtet an der Musikhochschule in München und leitet die Opernfestspiele in Heidenheim. Im Gespräch mit BackstageClassical spricht er außerdem über die Angst vor einem Wahlsieg der AfD und über den Neubau des Volkstheaters in Rostock. Vor gut einer Woche erklärte der Regisseur Barrie Kosky bei BackstageClassical, dass er es wichtig findet, dass Regisseure auch als Intendanten an Theatern arbeiten.

Marcus Bosch über Machtfragen zwischen Intendanz und GMDs

»Die Reibereien zwischen Intendanten und Dirigenten kommen mehr an die Oberfläche. Und wir beobachten natürlich Bestrebungen, etwa im Bühnenverein, die GMDs sogar noch hinter die Orchesterdirektoren ins Organigramm zu setzen. Man kann beobachten, dass die musikalische Kompetenz derzeit nicht mehr so gefragt wird. Das betrachten wir natürlich mit Sorge. Auch innerhalb der Sparten kann sich der Konzertbereich oft nicht so entwickeln, wie er sollte. Die GMDs stecken in einer Sandwich-Position, weil sie einerseits vom Orchester wiedergewählt werden wollen und vom Intendanten weiter verlängert werden wollen. Da herrscht bei vielen das Gefühl einer großen Ohnmacht vor. Und viele fühlen sich, was die musikalischen Belange betrifft, nicht ausreichend berücksichtigt.«

Marcus Bosch fordert mehr Gemeinsamkeit an Theatern 

»Ich glaube, wir müssen einen Zustand schaffen, in dem musikalische Kompetenz an den Theatern nicht mehr einfach so beiseite gewischt werden kann. Das ist derzeit möglich, da das Entscheidungsrecht in der Regel bei den Intendanten liegt. Und da spielt dann die Kompetenz oft keine Rolle, sondern der Wille einzelner Intendanten. Es gibt natürlich auch andere Beispiele. Aber ich appelliere daran, dass wir wieder zu einem Teamgedanken finden und fragen, was die einzelnen Sparten am besten können.  Letztlich sind wir ein Haus, und es wäre gut, wenn Intendanten das eher als eine Art Profit-Center sehen würden.«

Marcus Bosch über den Neid gegenüber den Orchestern

»Wir hatten die Geschäftsführerin des Bühnenvereins, Claudia Schmitz, zu Gast in der GMD-Konferenz, um  diese Konflikte zu besprechen. Wir haben einen Gesprächsfaden aufgenommen, um das Teammodell an Theatern auch wirklich entstehen zu lassen. Oft ist das persönliche Verhältnis zwischen GMD und Intendant durchaus gut. Aber viele von uns erleben eben auch einen Neid gegenüber den Orchestern, die einen Tarifvertrag haben und entsprechend sicher finanziert sind. Dagegen haben Intendanten oft das Problem, dass sie Sängern und Schauspielern bei Weitem nicht das bezahlen können, was das Orchester bekommt. Das sorgt für ein Ungleichgewicht innerhalb der Theater.«

Marcus Bosch über den Neubau in Rostock

»Es gab harte Kämpfe in Rostock um einen Neubau, und ich bin froh, dass es nun den Spartenstich gab. Merkwürdiger Weise haben sich die bürgerlichen Parteien in Rostock gegen das Theater positioniert und die linken Parteien waren dafür. Ich hoffe, dass die anstehende Kommunalwahl, die schlimmes erahnen lässt, nämlich eine Mehrheit der AfD, diesen Beschluss nicht in Frage stellt.«

Marcus Bosch über den Theaterpakt in Mecklenburg Vorpommern 

»Die Kunstsubventionierung des Theaters bleibt ein Thema. Es gibt einen Theaterpakt in Mecklenburg Vorpommern, der nach den Tarifsteigerungen dringend wieder aufgeschnürt werden muss. Schwerin als Staatstheater mit seiner direkten Finanzierung steht besser da als Rostock mit seiner Mischfinanzierung. Es gäbe hier sicherlich Möglichkeiten, die Daumenschrauben anzuziehen. Aber ich hoffe, dass nun ein positiver Wind weht, wenn die Baugrube in Rostock erst einmal ausgehoben ist. Der Spatenstich war auf jeden Fall schon ein schönes Volksfest.«

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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