»Schulverwaltungen fehlt Bewusstsein für kreative Fächer«

Mai 13, 2024
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Antje Valentin, Generalsekretärin des Deutschen Musikrats (Foto: Simon Pauly)

Die neue Generalsekretärin des Deutschen Musikrats, Antje Valentin, fordert im Podcast von BackstageClassical mehr Flexibilität in der Musikausbildung und mehr Verantwortung vom öffentlich rechtlichen Rundfunk.

Noch keine 100 Tage ist Antje Valentin neue Generalsekretärin des Deutschen Musikrats. Und sie steht vor großen Aufgaben. Im Podcast Guten Morgen, … von BackstageClassical spricht sie über die Dringlichkeit der musikalischen Bildung an unseren Schulen und plädiert an den öffentlich rechtlichen Rundfunk, klassische Musik nicht abzusägen. Valentin fordert mehr Engagement für die Musik von den Schulverwaltungen, will eigene Etats an den Schulen, um externe Musikerinnen und Musiker engagieren zu können und plädiert dafür, dass das Leistungsfach Musik unabhängig vom zweiten Fach gewählt werden kann. Heute debattiert Valentin auch auf der Classical:NEXT.

Vom öffentlich rechtlichen Rundfunk verlangt Antje Valentin mehr klassische Musik und Jazz im linearen Programm. Außerdem beklagt sie das »Absägen« von Wettbewerben wie Jugend musiziert und wünscht sich mehr Übertragungen von Konzerten der Jugendorchester. Außerdem will sie die Strukturen von »Häuptlingen und Mitarbeitenden« im öffentlich rechtlichen Radio überprüft wissen. (Hier geht es zum Podcast für alle Formate, oben auf dem Bild zur Version von Spotify)

Antje Valentin fordert mehr Bewusstsein in den Schulverwaltungen

»In den Schulverwaltungen gibt es – das ist mein persönlicher Eindruck – wenig bis gar kein Bewusstsein für Bildung im Sinne von kreativen Fächern. Man möchte die Krankheit seit Jahren mit dem immer gleichen Rezept behandeln: Wenn Deutsch und Mathe schlechte Pisa-Ergebnisse haben, organisiert man mehr Deutsch- und Mathe-Stunden. Aber das hat bisher nicht geklappt! Renommierte Bildungsforscher sagen seit Jahren, dass es nicht unbedingt um mehr Unterricht geht, sondern um anderen Unterricht – und an dieser Stelle müssen die kreativen Fächer ins Spiel kommen.«

Antje Valentin fordert weniger Barrieren in der Ausbildung

»Wir müssen auch an die Rahmenbedingungen der Ausbildung ran, an die strukturellen Ausschluss-Kriterien. In NRW kann man zum Beispiel keinen Leistungskurs Musik belegen, wenn man nicht auch Mathe als Leistungskurs belegt. Die Wahlfreiheit wird so stark eingeschränkt – und das wirkt sich auf die Musikausbildung aus. Außerdem wünsche ich mir mehr freie Budgets für die Schulen. Sie sollten, wenn sie schon keine Musiklehrkraft mehr haben, wenigstens Leute von draußen in die Schule holen können. Gerade im freien Musikbereich gibt es auch viele Menschen, die an einem solchen Angebot Interesse hätten.«

Antje Valentin fordert mehr Klassik und Jazz im Radio

»Es ist eine ursprüngliche Aufgabe des öffentlich rechtliche Rundfunks, Musik jenseits des Mainstreams zu präsentieren. Ich bedauere sehr, dass durch die Zusammenlegung der abendlichen Kulturradios eine wichtige regionale Vielfalt im linearen Programm verloren geht. Bei der ARD Kulturverbändekofgerenz hat der ARD-Vorsitzende Kai Gniffke erläutert, dass in Zukunft mehr nonlineare Angebote in Sachen Musik stattfinden sollen. Das ist allerdings derzeit nur ein Versprechen. Und es ist nicht gesagt, dass dieser Plan die Vielfalt absichert.«

Antje Valentin fordert Übertragungen der Jugendorchester 

»Es gibt auch Kulturradios, die die Konzerte der Landesjugendorchester übertragen.  Es ist gut, dass diese Konzerte im Radio gewürdigt werden. Aber genau das wird nun verringert. Abgesägt werden auch die Mitgliedsverbände, die eine fantastische Arbeit machen. Es soll zwar einen Kultur-Klassik-Kanal der öffentlich rechtlichen Sender auf YouTube geben, in der man gebündelt die Konzerte findet, aber das ist letztlich nur ein Ausweichen. Ich wünsche mir die Orchester auch im normalen Fernsehprogramm. Ich frage mich auch, wie das mit dem Verhältnis von Häuptlingen und Mitarbeitenden beim Öffentlich Rechtlichen Rundfunk ist – da sollte man vielleicht auch noch Mal genauer hinschauen.« 

Hier geht es zur Seite des Deutschen Musikrats

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