Glanz und Elend à la Bartoli

Mai 25, 2026
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Die große Bartoli-Revue (Foto: Rittershaus)

Zwischen funkelndem Rossini, poetischem Monteverdi und einer erschreckend missglückten Gala schwankt Salzburgs Reise-Motto zwischen Höhenflug und Bruchlandung – ausgerechnet im Jubiläumsjahr der Intendantin.

English summary: Between sparkling Rossini, poetic Monteverdi, and a frighteningly botched gala, Salzburg’s travel motto oscillates between soaring heights and a crash landing — of all times, in the artistic director’s anniversary year.

Cecilia Bartoli, Mezzosopranistin, Weltstar und Publikumsliebling, feiert am vierten Juni ihren 60. Geburtstag. Neben ihren CDs und Auftritten ist sie seit einigen Jahren künstlerische Leiterin der Salzburger Pfingstfestspiele – und natürlich steht sie hier auch selbst auf der Bühne. 

Thema der diesjährigen Festspiel-Ausgabe war das Reisen. Es gab eine Barrie Kosky-Neuinszenierung von Rossinis Il viaggio a Reims, das aufgewärmte John Neumeiers Ballett Die kleine Meerjungfrau, Monteverdis Il ritorno d’Ulisse in patria und eine Geburtstagsgala zu Leben und Musik von »La Bartoli«. 

Beginnen wir mit der schlechten Nachricht. Die Gala-Revue Ciao bella, ciao am Sonntag war soundtechnisch und auch sonst von einer so miserablen Qualität, dass manch einer anschließen laut darüber nachdachte, sein Eintrittsgeld zurückzuverlangen. Als Inhaber einer kostenlosen Pressekarte (Großes Festspielhaus, Reihe 22) war ich zunächst überzeugt, es müsse sich beim Klang wie aus einem kaputten Pappkarton um eine dramaturgische Idee handeln: Mono-Sound aus dem orangenen Plastik-Plattenspieler auf der Bühne. Retro für die Ohren!

Sound aus der Blechdose

Es gab Schlager von Rita Pavone aus Bartolis Jugend – gesungen von ihr selbst. Doch aus dem Retro-Sound wurde den ganzen Abend einfach kein 3D-Stereo. Alles hörte sich an, als wenn Kinder mit zwei leeren Blechdosen telefonierten: Egal, ob in der Big Band-Version von New York, New York, oder bei Arien von Rossini oder Bellini. Alles übertragen per Funk-Mikrofon (!) an Bartolis Kehle. Noch nie, in über vierzig Jahren – gefüllt mit Konzerten oder Opern, von ABBA bis Bayreuth, und natürlich in Salzburg –, habe ich einen solch unterirdisch schlechten Sound erlebt.

Dabei gab es in der Bartoli-Revue (Regie: Davide Livermore, musikalische Leitung: Yvan Cassar) den durchaus rührenden Moment, als Cecilia Bartoli ihre 90jährige Mutter Silvana am Handy hatte – und diese dann im Publikum aufstand und Ovationen entgegennahm. Auch nette, lustige und sentimentale Anekdoten aus der Vita Ceci waren dabei. Aber alles durchzogen von unfassbaren Schwächen in der Ausführung, unpassenden Bildern, billigen Requisiten, wackeligen Einsätzen…

War das etwa Bartolis schleichender Abschied von der Bühne? Konzentriert sie sich bad voll und ganz auf die Leitung des Opernhauses in Monte-Carlo und die Pfingstfestspiele in Salzburg?

Muppets von Lacroix

Koskys Reise nach Reims (Foto: Rittershaus)

Die begannen am Freitag mit einer unterhaltsamen Fassung von Rossinis Opern-Kuriosität Il Viaggio a Reims. Barrie Kosky inszenierte gewohnt bunt und trubelig das recht sinnlose Stück über eine Truppe von Reisenden, die in einem Hotel strandet, und über Liebe, Länder und Leidenschaften singt. Im Mittelpunkt auch hier: Cecilia Bartoli als Star-Sängerin, deren Geburtstag das Ziel der Reise ist (statt einer Königskrönung, wie es eigentlich im Libretto steht).

Am Pult stand Gianluca Capuano und dirigierte gewohnt erstklassig das ebenso gewohnt erstklassige Orchester Les Musiciens du Prince – Monaco. Auf historischen Instrumenten funkelten Rossinis Melodien in glasklarer Durchsichtigkeit. Sängerisch begleitet wurde Chefin Cecilia von einer Auswahl renommierter und überzeugender Stimmen: Darunter Mezzosopranistin Marina Viotti, Sopran Mélissa Petit, Bass Ildebrando D’Arcangelo und Tenor Dmitry Korchak. Alle in herrlichen Phantasiekostümen (Victoria Behr), als hätte Christian Lacroix eine Muppetshow ausgestattet.

Wir hörten lyrische Duette und Lobgesänge an die Macht der Musik, Nationalhymnen mit neuen Texten, die die Vielfalt der Reisenden illustrierten. Und wir sahen das, was Regisseur Kosky besonders mag: Trubelige Tänzereien, ein queer gestylter Käfig voller Narren auf Speed wuselte rhythmisch, schwungvoll, zuckend und sich drehend im Haus für Mozart über die Bühne. Elegant entworfen (von Rufus Didwiszus) mit Wänden im Dekor historischer, schwarzweißer Stiche und, weil Hotel und Boulevardkomödie, mit einem Dutzend Türen, Drehtüren oder tapezierten Öffnungen, die fast unablässig in Bewegung waren.

Allein die Zugabe der umjubelt beklatschten Aufführung, als alle Beteiligten (auch Regisseur, Ausstatter usw.) Hand in Hand und mit Pfingstrosen beschenkt noch einmal einen Chor anstimmten, machten den Abend zu einem mitreißenden zweieinhalbstündigen Festspielereignis (plus Pause), wie wir es (eigentlich) von Salzburg à la Bartoli gewöhnt sind.

Wen die Puppen tanzen

Über die zweite elende Seltsamkeit des Pfingstwochenendes 2026 an der Salzach hier nur ein paar Worte: Am Sonnabend gastierte das von vielen heißgeliebte Hamburg Ballett von John Neumeier mit dessen Choreografie von Die kleine Meerjungfrau. Ein 20 Jahre altes Stück! Ist das einem exklusiven Festival angemessen?

Nein. Zum Glück kam noch gebührender Glanz durch Monteverdis vorletzte erhaltene Oper Il ritorno d’Ulisse in patria (1640). Am Sonntag als Marionettentheater im Haus für Mozart, wo Bartolis Partner-Dirigent Capuano bereits vor einigen Jahren mit L’Orfeo das Publikum zum Weinen brachte, weil es so poetisch, rührend und hinreißend war.

Compagnia Marionettistica Carlo Colla aus Mailand

Die Erzählung von der Rückkehr des Odysseus ins Vaterland nach Homer mit den Puppen und der Dekoration der Compagnia Marionettistica Carlo Colla aus Mailand ist ein frühes Meisterwerk der Operngeschichte. Monteverdis Musik glüht selbst bei sehr begrenzter Instrumentierung, die nur aus Saiteninstrumenten, Cembalo, Orgel und Schlagwerk besteht. Weil wir schlicht nicht wissen, ob und was Monteverdi für ein komplettes Orchester für dieses Stück aufgeschrieben hat. Trotzdem: Jede Figur ist ein Individuum, jede Szene besticht durch Bildhaftigkeit, man versinkt in einer Welt aus Mythos und Göttern und einer fast 3000 Jahre alten Dichtung, die so lebendig wirkt, als beschriebe jemand unsere heutige Realität.

Gianluca Capuano dirigierte sein Orchester aus Monaco, und brillante (unsichtbare) Sängerinnen und Sänger liehen den hölzernen Gestalten an Schnüren ihre fabelhaften Stimmen. Zum Beispiel Barock-Legende Sara Mingardo (als Penelope) mit ihrem einzigartigen Alt, Bariton Vito Priante (ein stark tönender Ulisse) oder sein Sohn Telemaco des Tenors Massimo Altieri zwischen jugendlich lyrisch und heldenhaft erfahren. 

Philipp von Studnitz

Philipp von Studnitz, Jahrgang 1966, ist Literaturwissenschaftler und hat als Autor die People-Berichterstattung in der „BZ Berlin“ geprägt. Er war Kulturchef bei Park Avenue und ist ein begeisterter Klassik-Fan.

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