Lieber Evgeny Kissin,

Mai 19, 2026
1 min read
Der russische Pianist Jewgeni Kissin in Luzern (Fischli/Lucerne Festival)

eigentlich möchte man Sie am liebsten umarmen. Aber dafür sind Sie einfach zu cool. Sie haben diesen klaren Kompass: Gegen Antisemitismus, gegen Putins Kriegs-Diktatur und immer: für die Musik!

Ihr letzter Instagram-Post ist eine Offenbarung Ihrer wahrhaftigen Künstler-Seele. Wie Sie da stehen, nach Ihrem Konzert in Chicago: Smoking, weißes Hemd, Fliege. Und sich entschuldigen. 

Entschuldigen für das Konzerthaus in Chicago, das Ihnen nach Ihrem Auftritt, hinter der Bühne – das Publikum applaudierte frenetisch – erklärte: »Schnell, schnell – nur eine Zugabe, dann müssen wir abbauen.«

In Ihrem ganzen Leben sei Ihnen das noch nicht passiert, sagen Sie. Und man sieht, dass Sie lieber Musik machen als sprechen würden. Sie würden immer mindestens drei Zugaben einstudieren. Und sie auch spielen, wenn das Publikum es denn wünscht. Das Publikum in Chicago wollte mehr: Eins, zwei, drei, vier … Zugaben! Aber Sie durften nicht.

Klicken Sie das Bild, um Kissins Instagram-Beitrag zu sehen.

Ich stelle mir vor, wie die Leute Ihnen hinter der Bühne sagen, dass nun Schluss sei. Und wie Sie das nicht verstehen. Aber vornehm schweigen. Und dann, statt das Konzerthaus zu beschuldigen, oder das Management, dass Zack-Zack Auftritte plant, oder gar die Bühnenarbeiter, treten Sie in aller Demut vor Ihr Publikum – und entschuldigen sich für andere.

Lieber Evgeny Kissin, ich glaube Ihnen, dass der Lohn Ihrer Arbeit nicht nur die Gage ist. Ach was: Dass Ihnen Ihre Arbeit eher wie ein allabendliches Geschenk vorkommt, das Sie ihrem Publikum machen, indem Sie ihre Begabung öffentlich teilen. Musik ist Ihre Sprache. Ist Ihre Seele. Ist Ihr Charakter.

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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