Teil II unseres Saisonchecks führt von Mainz über Leipzig und Köln nach Dortmund, Kassel und Weimar.
Im ersten Teil unseres Saison-Checks (hier entlang) haben wir bereits bei den großen Häusern festgestellt, dass die Vielfalt der Oper selten so groß war wie in dieser Spielzeit: mythologisches Theater, erzählerisches Theater, Pop-Theater – es scheint so, als würde die Oper vollkommen unvoreingenommen neu ausgelotet werden. Heute schauen wir uns die Spielpläne der mittelgroßen Häuser an, und auch hier finden wir: Entweder Vielfalt im Programm oder eine ganz besondere Handschrift, die eine Stadt unverwechselbar macht.
Staatstheater Mainz

Das Staatstheater Mainz von Markus Müller spiegelt im neuen Programm sein Publikum: Schwarz-Weiß-Zeichnungen aus dem Foyer, in der Theaterpause, in Diskussionen – und natürlich im Saal. Eine nette Idee.
Im Zentrum steht erneut GMD Gabriel Venzago, der sich hier offensichtlich auch ein bisschen selbst verwirklicht. Er selber leitet die drei großen Opern-Klassiker: Ariadne auf Naxos (Regie: Rahel Thiel), Don Giovanni (Regie: Jan Eßinger) und Lohengrin, inszeniert von Erik Raskopf. Das klingt nach gutem Mainstream, aber für das Ohrenöffnen wurde in Mainz auch programmiert – mit einem kleinen, aber feinen US-Schwerpunkt: Neben In der Strafkolonie von Philip Glass steht auch hier (wie in München und Zürich) Doctor Atomic von John Adams auf dem Programm, in Mainz inszeniert von Bernd Mottl. Für die Verkaufszahlen gibt es dann noch: Titanic, das Musical.
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Gesamteindruck: ★★★★☆
Kampagnen-Look: ★★★☆☆
Innovation: ★★☆☆☆
Von der Opern-Stange: ★★☆☆☆
Oper Leipzig

Es ist die letzte Spielzeit in »Knallgelb«, die Intendant Tobias Wolff geplant hat (er geht nach Braunschweig). Das Programm kommt so solide und vielfältig daher wie die stimmungsvollen Programm-Bilder, die sich mit den jeweiligen Werken auseinandersetzen: Da wird herzhaft in die Torte gegriffen, Männer stehen verloren im Wald, oder ein Stuhl gähnt bedrohlich leer neben bunten Luftballons.
Schön, dass die Oper auch unter massivem Spardruck die Ambitionen nicht vollkommen einstellt: So wird Innocence von Kaija Saariaho (Regie Elisabeth Stöppler) ebenso programmiert wie eine Inszenierung von Andreas Heise, der Leoncavallos Bajazzo mit Orffs Carmina Burana unter dem Titel Oh Fortuna vermengt. Klar, es müssen auch die Klassiker für GMD Ivan Repušić ins Programm: Eugen Onegin (Regie: Vasily Barkhatov), Figaros Hochzeit (Regie: Ilaria Lanzino) und Il Trittico (Regie: Vincent Boussard). Spannend wird die Kammeroper auf der Drehbühne: Krieg. Stell dir vor, er wäre hier von Marius Felix Lange. In der Musikalischen Komödie dann gute Laune mit der Lustige Witwe und der Großherzogin von Gerolstein.
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Gesamteindruck: ★★★★☆
Kampagnen-Look: ★★☆☆☆
Innovation: ★★☆☆☆
Von der Opern-Stange: ★★★☆☆
Oper Dortmund

Intendant Heribert Germeshausen ist von Haus aus Sänger-Liebhaber und ein Intendant, für den der Spagat von Publikumsbindung zu Publikumsherausforderung ein Tänzchen ist. Die neue Saison verpackt er visuell ein wenig bieder (auch am Online-Auftritt müsste mal gefeilt werden!) – aber sie hat es durchaus in sich.
Fast ein bisschen glücklich kann Dortmund sein, dass Bayreuth im Sommer nun doch keine szenische Aufführung der Koproduktion von Brünnhilde brennt mit Catherine Foster stemmen kann – so findet diese nun nach den Festspielen in Franken in Dortmund statt. Wagnerianer Germeshausen programmiert außerdem noch Tannhäuser (Regie: Neil Barry, Dirigat von GMD Jordan Souza.) Spannend auch die französische Kriegsoper Guercœur von Albéric Magnard (Regie: Oliver Py). Klassisch wird es im Doppel von Cavalleria und Gianni Schicci (Regie: Frank Philipp Schlößmann) und wenn Alexander Becker Hänsel und Gretel in Szene setzt. Für die Kasse kommen die Musicals Rebecca von Michael Kunze und Sylvester Levay, und Titanic, außerdem wird Rampensau Götz Alsmann mal wieder durch ein Operettenprogramm führen.
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Gesamteindruck: ★★★☆☆
Kampagnen-Look: ★★☆☆☆
Innovation: ★★★☆☆
Von der Opern-Stange: ★★☆☆☆
Oper Köln

Finalmente! Endlich ist das Haus fertig, und gleich die erste Kampagne sorgte für Aufregung: »Manche Ausgaben waren wirklich für den Arsch«, plakatierte die Oper, darunter einen neuen Sitz: »Auf unseren neuen Plätzen hört man nicht nur besser, sondern sitzt auch bequemer.« Kann man lustig finden – fanden in Köln einige allerdings nicht. Intendant Hein Mulders wird es egal sein, er spielt endlich wieder im alten neuen Haus!
Auch hier erst einmal ein Statement mit großen Repertoire-Klassikern: Der Ring des Nibelungen von Paul-Georg Dittrich wird mit dem Siegfried fortgesetzt (Dirigent: Felix Bender), außerdem steht Der Rosenkavalier auf dem Programm (Regie: Marie-Ève Signeyrole), ebenso wie Hoffmanns Erzählungen (hier wird Stefan Herheim Regie führen) und die Kooperation mit La Fenice und dem Macbeth in der Szene von Damiano Michieletto. So weit so klassisch. Spannend wird es mit den eher ausgefallenen Werken, Alessandro Scarlattis Kain und Abel (Regie: Dietrich W. Hilsdorf), oder Henzes La Piccola Cubana, dirigiert von Jordi Francés und inszeniert von Cecilia Ligorio. Laurent Pally inszeniert Die Verkaufte Braut.
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Gesamteindruck: ★★★☆☆
Kampagnen-Look: ★★☆☆☆
Innovation: ★★☆☆☆
Von der Opern-Stange: ★★★★☆
Oper Kassel

Florian Lutz macht unbeirrt weiter, sein Kasseler Interim versucht die Grenzen der Oper neu zu denken. Das alte Repertoire wird auf der »Raumbühne« mitten in die Gegenwart gestellt, gleichzeitig werden neue Stücke in Auftrag gegeben und die Form der Oper eruiert. Radikaler ist derzeit wohl kein anderes Haus. Aber auch in der aktuellen Spielzeit-Broschüre versuchen Lutz und seine zuweilen etwas sehr verkopften Dramaturgen erst gar nicht, den eher skeptischen Teil des Publikums mitzunehmen: Es wird lieber doziert als dialogisiert.
Der Fliegende Holländer scheint eine der »Opern der Saison« zu sein: In Berlin inszeniert Milo Rau, in Kassel Florian Lutz und Marlene Pawlak – Clemens Fieguth wird das Orchester im Interim leiten. Ebenfalls von Marlene Pawlak wird Donizetti L’elisir d’amore ins Interim kommen, Frederick Wake-Walker inszeniert Prokofjews Der feurige Engel mit »Sex, Zaubertränken und Heavy Metal«. Die »kommunistische Revue« Staatszirkus von Nicolaus A. Huber wird fragen, was von den Revolutionen der 70er Jahre übergeblieben ist und im Fridericianum Premiere feiern. Rebellischer Rocksound erwartet das Publikum mit dem Musical Spring Awakening nach Frank Wedekind, und die Komponistin Julia Mihály und die Autorin Sina Ahlers gehen in Der Brand den Affekten und Klängen des politischen Komplexes der Migration nach. Uncharted Triptychon stellt Fragen nach der Moderne, nach Freiheit und Katastrophen von der Aufklärung bis zur Raumfahrt: Regie Alexander Eisenach, Komposition Beni Brachtel – mit dabei: der bildende Künstler Nicholas Warburg. Außerdem gibt es eine szenische Aufführung des Elias von Felix Mendelssohn Bartholdy von Timofei Kuljabin.
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Gesamteindruck: ★★★☆☆
Kampagnen-Look: ★★★☆☆
Innovation: ★★★★☆
Von der Opern-Stange:★☆☆☆☆
Deutsches Nationaltheater Weimar

Hausherr Valentin Schwarz stellt seine Oper mitten ins Leben. In der Realität kämpft der Regisseur in der Weimarer Intendanten-Trias mutig gegen Anfeindungen der Thüringer AfD, auf der Bühne steht er für Dialog, Humanismus und ein großes Miteinander. Aber gern stellt Schwarz auch Selbstverständlichkeiten in Frage.
Davon kann man wohl auch bei seinem Projekt Die Geister von W. ausgehen. Schwarz wird den unrühmlichen Weimar-Geistern aus der Kolonialzeit nachhorchen. Dabei wird er sich an der Musik von Gustav Mahler und anderen Komponisten so wie an der Story von Ivana Sokola orientieren. Nach seinem Bayreuth-Ring wird Schwarz sich nun an den Parsifal wagen – Daniel Carter wird dirigieren. Auch in Weimar wird es ein szenisches Oratorium geben: Jochen Biganzoli inszeniert den Messias von Händel. Dorian Dreher wird eine »Pop-up-Version« von La Bohème inszenieren, Marcos Darbyshire Mozarts Hochzeit des Figaro als »revolutionäre Komödie«. Kerstin Steeb wird Robert Oboussiers Kleist- und Molière-Oper Amphitryon auf die Bühne bringen, André Kaczmarczyk das Musical Mein Freund Bunbury.
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Gesamteindruck: ★★★☆☆
Kampagnen-Look: ★★★☆☆
Innovation: ★★★☆☆
Von der Opern-Stange:★★☆☆☆
