Die Konzerthaus-Intrige und ein Regisseur rastet aus

Juni 23, 2024
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Die Dirigentinnen Oksana Lyniv, Simone Young und Nathalie Stutzmann (Foto: Instagram)

Willkommen in der neuen Klassik-Woche,

heute mit Kritik an der Münchner Konzerthaus-Planung, zwei Fällen von eventuellem Machtmissbrauch, der Verteidigung von Sparmaßnahmen und allerhand zu lachen!  

Münchens Konzerthaus-Intrige 

Der Architekt Stephan Braunfels vor dem Marie-Elisabeth-Lüders Haus (Foto: Privat)

Der Architekt des Paul-Löbe-Hauses in Berlin und der Pinakothek in München, Stephan Braunfels, erhebt bei BackstageClassical schwere Vorwürfe gegen die Konzerthaus-Entscheidungen in München. Unserem Autor Stephan Knies sagt er, die ersten Ausschreibungen seien eine große Intrige gewesen (den ganzen Bewerbungs-Krimi lesen Sie hier). Braunfels unterstellt dem damaligen Ministerialdirektor Toni Schmid unter anderem, ein Akustik-Gutachten nicht veröffentlicht zu haben. Braunfels findet, dass nach der »Denkpause« und der Entscheidung für ein Konzerthaus noch einmal über einen Bau am Marstall debattiert werden müsse: »Man könnte noch immer morgen anfangen! Mitten in der Stadt, der wunderbare Klenze-Bau würde endlich würdig genutzt, das Grundstück dahinter liegt weiter brach. Der Saal dort sollte für 200, höchstens 250 Millionen möglich sein. Dass Kulturbauten jetzt plötzlich überall eine Milliarde kosten sollen, kann ich, Corona-Preisexplosion hin oder her, nicht nachvollziehen.« 

Katharina Wagner verteidigt Einsparungen

Die Dirigentinnen Oksana Lyniv, Simone Young und Nathalie Stutzmann (Foto: Instagram)

Während ein großartiges Bild der Dirigentinnen Oksana Lyniv, Simone Young und Nathalie Stutzmann zu Probenbeginn die Frauenpower in Bayreuth illustriert, erklärt  Katharina Wagner, die Leiterin der Bayreuther Festspiele, im BackstageClassical-Podcast, dass sie persönlich in den Vertragsverhandlungen eine Trennung von künstlerischer und ökonomischer Leitung gefordert habe: »Für mich war bei der Verlängerung wichtig, dass die Kunst in Bayreuth autonom wird und ein eigenes Budget bekommt. Das gab es so vorher noch nicht. Nun können die künstlerischen Dinge schnell und effizient über einen Schreibtisch laufen.« Auch die dpa verbreitete letzte Woche unser Gespräch, in dem Wagner erklärte, dass die Verhandlungen mit dem Festspielchor über eine Verkleinerung noch laufen. »Wir sparen ja nicht aus Spaß. (…) Es haben inzwischen alle Abteilungen des Hauses gespart, die Technik, die Maske, die Kostüme.« Wagner lobt die Verhandlungen mit dem Orchester, das sich bereit erklärt habe, mehr Dienste zu spielen, und erklärt: »Wir brauchen eine gewisse Grundstärke im Chor, aber wir brauchen dafür nicht unbedingt alle 134 Sängerinnen und Sänger immer und jeden Tag. Wenn der große Chor nötig ist, wollen wir den Stamm-Chor mit professionellen Sängerinnen und Sängern auffüllen. Dazu sind wir in Gesprächen, wir werden weiter reden, und ich bin sicher, dass wir die Verhandlungen in eine Bahn lenken werden, mit der alle leben können.« Den ganzen Podcast hören Sie hier.

Machtmissbrauch und kein Ende

Nachdem wir letzte Woche an dieser Stelle über Kritik am Thü­rin­ger Dop­pel-Intendanten Jens Neun­dorff von Enz­berg berichtet hatten, wurde die Politik tätig: Laut Staats­kanz­lei hat der Stif­tungs­rat der Kul­tur­stif­tung Mei­nin­gen/­Ei­sen­ach beschossen, dass eine »Ziel­ver­ein­ba­rung Füh­rungs­kul­tur« entwickelt werden soll – mit dabei sind die Kul­tur­staats­se­kre­tä­rin Tina Beer (Linke) und der Mei­nin­ger Bür­ger­mei­ster Fabian Gies­der (SPD). Dennoch trudeln bei BackstageClassical auch weiterhin neue Beschwerden ein, die dem neuen Frieden nicht trauen. Wir bleiben dran. Derweil sorgt ein neuer – ebenfalls anonym gemeldeter – Fall in Bonn für Schlagzeilen: Ein Regisseur soll hier zu Kindern und Jugendlichen, die an einer Produktion beteiligt waren, gesagt haben: »Ihr sollt alle an Corona verrecken.« Gegenüber dem Bonner Generalanzeiger sagte einer der Beteiligten aus, dass während der Probe weitere Beleidigungen gebrüllt und eine Wasserflasche in den Publikumsbereich geworfen wurde, in dem auch Kinder saßen. Das Theater Bonn prüft die Vorwürfe.

Personalien der Woche I

Lang hat es gedauert, wir hatten es geahnt – und letzten Montag wurde es nun bekannt gegeben: Serge Dorny bleibt bis 2031 Intendant der Bayerischen Staatsoper, Vladimir Jurowski bis 2028 Musikdirektor. Hier mein Kommentar, warum man das auch hätte eleganter lösen können. Im BR erklärt Jurowski, dass sein Verhältnis zum Orchester – trotz einer angeblichen Orchester-Abstimmung gegen ihn – gut sei: »Es gibt keine Konflikte zwischen uns. Es gibt mit Sicherheit, wie an jedem Opernhaus, Leute, die mit der Tätigkeit ihres Chefs unzufrieden sind. Man wird sicherlich kein Symphonieorchester der Welt finden, wo hundert Prozent der Belegschaft für den jeweiligen Chefdirigenten stimmen. Wichtig ist, wie die Arbeit verläuft.« +++ Der Dirigent Lorenzo Viotti will reden – und zwar vor jedem Konzert. Das erklärte er in einem Interview mit dem SWR. So könne eine neue Nähe zum Publikum erreicht und neue Publikumsschichten angesprochen werden. Im aktuellen Podcast »Alles klar, Klassik?« debattiere ich darüber mit Dorothea Gregor. Sie findet das eine gute Idee, ich bin mir da nicht so sicher. +++ Es ist ruhig geworden um François-Xavier Roth – aber im Hintergrund wird bereits neu geplant: Japan, Köln, Stuttgart – und sein Plattenlabel. Ein Blick auf die aktuellen Reaktionen. +++ Der Tenor des SWR Vokalensembles, Alexander Y., war durch Pro-Putin-Posts auffällig geworden und wurde vom SWR freigestellt. Nun erklärte er der Backnanger Kreiszeitung, dass er zurück in seine Heimat Russland kehren wolle. 

In eigener Sache – wie funktioniert BackstageClassical?

Der aktuelle Erfolg von BackstageClassical freut unsere Redaktion und zeigt: Ein Magazin für aktuelle Themen der Klassik war überfällig. Unsere Zugriffszahlen sind in den letzten Wochen enorm (und weit über unsere Erwartungen) gestiegen, und unsere Berichte sorgen für überregionale Debatten. BackstageClassical bringt tägliche Nachrichten, Reportagen und Hintergrundberichte aus der Klassik. Sie können die Seite als Favoriten auf ihrem Desktop speichern, oder ganz leicht als Icon auf dem Handy anlegen, um sie quasi als »App« zu nutzen (dafür einfach www.backstageclassical.com öffnen, auf das Teilen-Symbol im Browser gehen und »zum Home Bildschirm hinzufügen« drücken). Natürlich können Sie uns auch auf Facebook, Instagram oder der Plattform X folgen, um keine News zu verpassen. Empfehlen Sie gern auch unseren Newsletter und abonnieren Sie unseren Podcast »Guten Morgen,…« auf Spotify oder Apple. BackstageClassical ist und bleibt kostenlos – sollten Sie uns mit einer Spende unterstützen wollen – das geht hier.  

Berliner Publikum kehrt nicht zurück

Berlin verzeichnet weniger Kulturbesuche als vor Corona. Die Situation nach Corona habe sich noch nicht verbessert, fand eine neue Studie heraus. Besonders die sogenannte Hochkultur sei betroffen: 2023 saß der Durchschnittsberliner demnach 2,4 Mal im Kino (im Vergleich zu 3,8 Mal 2019), 0,4 Mal im Musical (2019: 0,7). Besonders das klassische Kulturangebot von Oper, Theater und Ballet leiden besonders. Die durchschnittliche Besuchshäufigkeit von Kulturangeboten sei um etwa 40 Prozent gesunken. Als Hauptgrund wird von den Befragten die Entwöhnung genannt bzw. dass man seine Freizeit lieber anders verbringe. Doch auch der Anteil derjenigen, die hohe Preise als Ursachen nannten, nahm zu: 2019 waren es 49 Prozent, 2023 58 Prozent.

Personalien der Woche II

Innen- und Außenblicke können so verschieden sein: Während die New York Times auf Stippvisite in Wien war und vor vor allen Dingen den Umbau der Volksoper durch Lotte de Beer lobt, aber auch die Arbeit von Bogdan Roščić an der Staatsoper zumindest wohlwollend zur Kenntnis nimmt, vernichtet Die Presse-Chefkritiker Wilhelm Sinkovicz die Arbeit des einst so gelobten Intendanten nach der Cosí-Premiere erbarmungslos. Er habe das Haus stimmlich auf Stadttheater-Niveau gebracht, und »die soge­nannte Erneue­rung des Kern­re­per­toires hat Direk­tor Roščić gegen­über der New York Times jüngst mit ‚That’s the way you shape a house’ erklärt. Viel­leicht bezog sich das auf die Arbeit des Beset­zungs­bü­ros, die man wohl­wol­lend auch ‚komisch’ nen­nen könnte. Sha­ping? Dass die Welt nach Wien schauen muss, um zu sehen – und vor allem zu hören –, wie man sen­si­bel mit Mozart umgeht, lässt sich jeden­falls nicht mehr behaup­ten.« Ach ja, Lotte de Beer hat sich derweil erneut für die Volksopern-Intendanz beworben. +++  Der Stimm-Professor Matthias Echternach hat eine neue Studie veröffentlicht. Gemeinsam mit Christian T. Herbst hat er untersucht, wie Soprane besonders hohe Töne erzeugen. Die Antwort: nicht im Pfeif-Register, wie lange vermutet. +++ Die Stadt Heimbach in der Eifel ehrt den 2022 verstorbenen Pianisten und Dirigenten Lars Vogt. In seinem Andenken wird die Kraftwerksbrücke in Lars-Vogt-Brücke umbenannt. Dort kommt auch eine Infotafel hin, teilte der Stadtrat mit.

Und wo bleibt das Positive, Herr Brüggemann?

Ja, wo zum Teufel bleibt es denn? Vielleicht ja hier! Nein – hier noch nicht: Das Fernsehprogramm in Österreich und Deutschland scheint irgendwie noch immer Probleme mit klassischer Musik zu haben. Für Servus TV ist Ex-Intendanten-Opi und »Die Krim gehört zu Russland«-Mann Ioan Holender nun wirklich nach Baku gereist, um dort Yusif Eyvazov zu treffen – ob er den Tenor nach seinen Russland-Auftritten, seiner neuen Agentur oder zu Anna Netrebko gefragt hat? Keine Ahnung, denn ich habe diese Sendung nicht geschaut. Stattdessen wollte ich sehen, wie ARD Kultur das Thema Oper(ette) angeht, auch, wenn ich die Schauspiel-Dialoge der Operetten-Soap zur Münchner Fledermaus, For the Drama eher als nervig empfand. Aber die ARD schießt sich Mal wieder selbst ins »Rechte«-Knie, jedenfalls ist die Produktion nix für jemanden, der gerade im Urlaub ist (vielleicht haben Sie mit diesem Link ja mehr Erfolg):

Die Tücken der ARD-Mediathek

Heike Hupertz schreibt in der FAZ übrigens: »Die Folgen sehen aus, als wären Kultur-Abgeordnete mit Pflichtenheft und Projektmanagementskills am Werk gewesen, mithin Verantwortliche, die dem Eigensinn und dem Zauber von Musiktheater-Inszenierungen wenig zutrauen.« Bleibt also das Positive, auch, wenn es etwas derb ist. Arno Lücker setzt seine Folge mit den schlechtesten Kunstlied-Interpretationen im Bad Blog of Musick fort. Hier ein (nicht ganz jugendfreies) Beispiel:

Es geht weiter: Die herrlich unkorrekte Lied-Übersetzung

In diesem Sinne: halten Sie die Ohren steif.

Ihr

Axel Brüggemann

Die aktuellen Highlights auf BackstageClassical

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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