Münchens große Konzerthaus-Intrige

Juni 23, 2024
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Der Architekt Stephan Braunfels vor dem Marie-Elisabeth-Lüders Haus (Foto: Privat)

München hätte längst ein neues Konzerthaus haben können, sagt Architekt Stephan Braunfels. Er kritisiert den geplanten Bau im Werksviertel und plädiert für einen Bau am Marstall.

Markus Söder hat vor wenigen Tagen seine »Denkpause« in Sachen Konzertsaal in München beendet und will 2038 beim »Schneewittchensarg« im Werksviertel »100 Prozent Qualität« zu radikal abgespecktem Preis erreichen. Der Architekt Stephan Braunfels erklärt, warum alles ganz anders hätte kommen können und müssen. Und warum der Marstall gerade jetzt die beste Location wäre. Das Interview führte Stephan Knies.

BackstageClassical: Herr Braunfels, Markus Söder hat nun seine »Denkpause« beendet und den neuen Konzertsaal für München für 2038 angekündigt. Sie sagen, es könnte in München schon längst einen akustisch perfekten Saal geben. Wie hätte es dazu kommen können?

Stephan Braunfels: Anfang 2002 habe ich den damaligen Finanzminister Kurt Faltlhauser im Münchner Stadtmuseum getroffen, wo ich mir das Siegermodell von Herzog&de Meuron für das FC Bayern-Stadion angesehen habe. Da im September desselben Jahres meine Pinakothek der Moderne eröffnet werden sollte, waren wir seit Jahren im Gespräch. Er sprach mich an, ich sei ja berühmt – und auch berüchtigt – für gute Ideen, ob ich nicht auch eine Idee für den Marstall hätte.

Und auf diese Frage waren Sie zufällig vorbereitet…

Genau. Ich saß gerade an einer Studie für einen Konzertsaal für das Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks am Marstall. Anlässlich der konzertanten Uraufführung der Oper Jeanne d´Arc meines Großvaters Walter Braunfels hatte mich das Orchester Ende 2001 nach einer Idee für einen eigenen Konzertsaal gefragt. Eigene Konzertsäle hatten die deutschen Rundfunksinfonieorchester ja nicht – die Elbphilharmonie für den NDR wurde später tatsächlich der erste.

Stephan Braunfels eigentlicher Entwurf für ein Konzerthaus am Marstall (Foto: Braunfels)

Wie kamen Sie auf den Standort Marstall?

,Marstall‘ ist eigentlich das falsche Wort – es war die königliche Hofreitschule, flankiert von Stallungen. Dieser wunderbare Saal wurde im Krieg ausgebombt und ist nie rekonstruiert worden, nur die Fassaden wurden notdürftig wiederhergestellt. Der sogenannte Marstall ist eines der schönsten Gebäude von Leo von Klenze und wird – auch noch heute – nicht seiner Bedeutung gemäß genutzt, sondern als Kulissendepot des Residenztheaters. Ich hatte zuvor die zum Abbruch freigegebene Alte Residenzpost hinter den Klenze-Arkaden am Max Joseph Platz vorgeschlagen, ein geradezu idealer Standort nahe der Kreuzung der Münchner U- und S-Bahn Stammstrecken am Marienplatz – aber das war dem Orchester zu teuer. Das unbebaute staatliche Grundstück hinter dem Marstall war dagegen quasi kostenlos.

Von dieser Idee haben Sie Faltlhauser also erzählt?

Natürlich. Ich dachte mir, wenn ich den Finanzminister für meine Idee gewinne, ist das eine große Chance für die Realisierung des BRSO Konzertsaals. Faltlhauser war begeistert und bat mich, ihm meinen Entwurf zu schicken. Wenige Wochen später hat er dann das Ganze als seine Idee ganzseitig in der Süddeutschen Zeitung publiziert.

Was Ihnen nicht gefallen hat.

Naja, das Hauptproblem war nicht, dass er meinen Namen nicht nannte, sondern dass dies sozusagen eine ejaculatio praecox war: Dass der Bau eines zweiten großen Konzertsaals in der Stadt politisch sehr umstritten sein wird, erleben wir ja heute immer noch. Damals wären viele Player diplomatisch geschickt einzubinden gewesen: Wie sag ich´s dem Oberbürgermeister Christian Ude, der sofort die Konkurrenz zum städtischen Gasteig sieht, wie dem Kultusminister Hans Zehetmair, dem das Areal ja eigentlich ‚gehört‘, wie meinem Freund Dieter Dorn, der dann ein neues Kulissendepot und einen neuen Raum für sein Experimentiertheater braucht? Für ihn hatte ich unter dem Marstallplatz natürlich schon einen Ersatz geplant. Durch die vorzeitige, diplomatisch sehr unglückliche Veröffentlichung wurde das Projekt im Grunde von vornherein zerstört, es wurden viel zu viele Leute vor den Kopf gestoßen. Das hat die Öffentlichkeit aber erst etliche Jahre später gemerkt.

Aber der Saal wurde doch in Angriff genommen?

Nun ja, nach seiner anfänglichen Begeisterung hat Faltlhauser 2006 einen Ideenwettbewerb ausgelobt. Warum das, für eine Idee, die es schon seit Jahren gibt? Wegen meiner Honorarforderungen für die Pinakothek der Moderne war ich inzwischen zum »Staatsfeind«  geworden – es musste für meine Idee also ein neuer Autor gefunden werden. Das Ergebnis des »Ideenwettbewerbs« war natürlich das gleiche, was ich geplant hatte, nur von einem anderen Architekten, Axel Schultes. In der Jury saßen damals übrigens dessen Freundin und auch sein Ex-Partner… Ein Schelm, der Böses dabei denkt. Faltlhauser war begeistert, dass jetzt »der Architekt des Kanzleramts« gewonnen hatte und sagte, nun brauche man keinen Realisierungswettbewerb mehr  – eine ,Todsünde‘, derer er sich offenbar nicht bewusst war, denn darauf bestand natürlich die Bayerische Architektenkammer.

Soweit, so gut.

Nein, denn das war nun Futter für den Hauptgegner des Projektes, das Kultusministerium und da besonders Ministerialdirektor Toni Schmid. Er hat aus dieser Geschichte sofort einen Skandal gemacht und zusätzlich behauptet, der Entwurf von Schultes verstoße gegen den Denkmalschutz, obwohl man das nach einem Ideenwettbewerb ja noch gar nicht beurteilen kann.

Das Paul-Löbe Haus von Stephan Braunfels (Foto: Braunfels)

Und dann kam das berüchtigte Akustikgutachten ins Spiel…

Ja, man hat sich merkwürdigerweise darauf verständigt, für diesen Saal ein Akustikgutachten machen zu lassen. Dies war völlig unverständlich, denn so ein Gutachten macht man höchstens für einen Bauentwurf, aber nicht für eine Idee. Und mit diesem Gutachten wurde ausgerechnet Yasuhisa Toyota beauftragt, ein Akustik-Spezialist für »Weinberg«-Konzertsäle wie die Elbphilharmonie, nicht aber für »Schuhkarton«-Grundrisse wie den Wiener Musikverein oder das KKL in Luzern – oder eben den Marstall-Plan. Bezahlt wurde das Gutachten dann auch noch vom Kultusministerium – dem größten Gegner des Projektes.

Lassen Sie mich raten: Das Gutachten ging nicht an Faltlhausers Konzertsaal-Verein, sondern an das Kultusministerium…

Genau. Das Gutachten landete zuerst auf dem Schreibtisch von Toni Schmid. Als er sah, dass die Expertise durchaus positiv war, verschloss er das Gutachten in seinem Schreibtisch, warf den Schlüssel in die Isar und erzählte dem Ministerrat (so heißt in Bayern das Kabinett) und der Presse, dass das Gutachten »vernichtend« sei. Das war in Jahrzehnten die wohl größte Intrige in der bayerischen Kulturszene. Und niemand fragte nach, ob er das Gutachten mal sehen könne – nicht einmal Faltlhauser!

Warum hat Toyota nicht protestiert?

Er war total wütend! Aber ihm wurde wohl versprochen, dass er den Auftrag für den neuen Saal bekommt, wenn er sich nicht öffentlich äußert. Hat er ihn bekommen? Natürlich nicht. Auch ihn hat man offensichtlich angelogen.

Und so blieb Toni Schmids Version in der Öffentlichkeit, das Gutachten sei „vernichtend“.

Gottfried Knapp, der Architektur-Experte der Süddeutschen Zeitung und einer der großen Marstall-Befürworter, schrieb einen traurigen Abgesang auf den Saal, ohne das Gutachten überhaupt sehen zu wollen – damit war das Kind in den Brunnen gefallen. Alle haben das akzeptiert, niemand scheint sich gewundert zu haben. Es wurde dann eine Findungskommission für einen neuen Standort ins Leben gerufen, unter dem Vorsitz von – Toni Schmid.

Immer mit dabei war ja auch der Chefdirigent des BR-Sinfonieorchesters, Mariss Jansons. Kannte er die Marstall-Pläne?

Ja. Es war eine Tragödie, Mariss Jansons ist nach München gekommen mit der Zusage, dass er diesen Konzertsaal für sein künftiges Orchester bekommt. Das BR-Orchester hatte ihm von meinen Plänen erzählt. Ich bekam eines Tages einen Anruf: »Hier spricht Mariss Jansons, ich habe gehört, Sie haben eine tolle Idee für einen Saal. Ich plane nach München zu kommen.« Er hat mich nach St. Petersburg eingeladen, damit ich ihm die Pläne zeige, war begeistert und wollte, dass der Saal als Garantie in seinen Vertrag kommt.

Was er natürlich nicht bekommen hat.

Das war juristisch angeblich nicht möglich. Außerdem hat er mit einem Kultusminister verhandelt, der gegen den Saal war, was Jansons nicht wissen konnte. Versprochen hatte Minister Zehetmair ihm den Saal aber – auch zwei weitere Kultusminister, wie er mal bei einer Podiumsdiskussion erzählte. Er hat es später aber geschafft, dass Ministerpräsident Seehofer ihm den Saal versprach. Dies war die Keimzelle für den Bau hinter dem Ostbahnhof, wie er nun auch schon seit zehn Jahren geplant wird.

Der Ort wurde ja unter fast vierzig Standorten ausgewählt.

Ja, ich hatte auch nochmal drei Standorte vorgeschlagen, die meiner Meinung nach alle besser passen: Auf der Isar-Insel gegenüber dem Kongresssaal eine echte Isar-Philharmonie, dann provokant ein futuristisches Neues Odeon anstelle des Hitlerbaus des Landwirtschaftsministeriums – ein schreckliches Gebäude, welches die Proportionen am Odeonsplatz kaputt macht. Und als dritte und vielleicht beste Option ein großes Konzerthaus gegenüber der Pinakothek der Moderne. Dann würden da nicht jeden Abend die Gehsteige hochgeklappt, wie das jetzt der Fall ist. Das wäre dann ein echtes Kunstareal. So wie in Amsterdam, wo das Concertgebouw gegenüber vom Rijksmuseum steht. 

Nun kommt der Saal hinter den Ostbahnhof.

Man entschied sich am Ende für das Pfanni-Gelände hinter dem Ostbahnhof. Gottfried Knapp schrieb dann, dies sei der schlechteste Standort von allen. Ich bin sicher, das war ein riesiges Geschäft für alle Beteiligten. Namen will ich hier keine nennen, das kann sich jeder selber denken. Und erst nachdem der Vertrag für das Pfanni-Gelände unterschrieben war, wurde das Marstall-Akustikgutachten publik. Nicht in München, sondern in der FAZ. Patrick Bahners brachte die ganze Intrige ans Tageslicht. Und was passierte? Keine einzige Münchner Zeitung griff das Thema auf! In München liest man die FAZ offenbar nicht.

Der alte Konzerthaus-Entwurf der Architekten Cukrowicz Nachbaur

Haben Sie sich am neuen Gelände eingebracht?

Von dem entsprechenden Wettbewerb wurde ich ausgeschlossen. Seit meinem Sieg für die Pinakothek der Moderne gibt es in Bayern keine offenen Wettbewerbe mehr. Der »Staatsfeind Nr.1 am Bau« (SZ)  durfte nicht teilnehmen. Den ersten Preis bekam dann der heute bekannte »Schneewittchensarg«, der meines Erachtens auch der beste Entwurf war. Nur die Kosten sind explodiert. Markus Söder hatte ja schon den geplanten neuen Konzertsaal in Nürnberg, der höchstens 150 Millionen Euro kosten sollte, gestoppt – damit war klar, dass ein Saal für eine Milliarde in München nicht kommen kann.

Vor 20 Jahren ging es um andere Beträge…

Faltlhauser fand damals schon die von mir veranschlagten 100 Millionen für den Saal am Marstall viel zu teuer. Das Grundstück gehört im Gegensatz zum Pfanni-Gelände dem Staat, hätte also gar nichts gekostet. Der Saal mit 1.800 Plätzen hätte 2010, spätestens 2015 stehen können, Mariss Jansons hätte ihn eröffnen können. Der wunderbare Saal der königlichen Hofreitschule könnte ein würdiges Festfoyer sein und der akustisch vielleicht beste Saal überhaupt – das KKL in Luzern, hätte 1:1 dahinter nachgebaut werden können. Das hätte gar nicht ich machen müssen, auch wenn vor mir niemand auf die Idee gekommen ist. Hätte Jean Nouvel den Saal gebaut, wäre das auch toll gewesen. München könnte seit mindestens zehn Jahren einen Weltklasse-Konzertsaal haben. Das Provisorium der weit abgelegenen sogenannten Isarphihamonie als Ersatz für den geplanten, sündteuren Saalneubau im Gasteig hätte man sich dann sparen können. Und viele hundert Millionen. In München folgt ein Schildbürgerstreich dem anderen! 

Wäre denn der Saal am Marstall Ihrer Meinung nach immer noch realisierbar?

Man könnte noch immer morgen anfangen! Mitten in der Stadt, der wunderbare Klenze-Bau würde endlich würdig genutzt, das Grundstück dahinter liegt weiter brach und gehört auch weiter dem Staat. Der Saal dort sollte für 200, höchstens 250 Millionen möglich sein. Dass Kulturbauten jetzt plötzlich überall eine Milliarde kosten sollen, kann ich, Corona-Preisexplosion hin oder her, nicht nachvollziehen. 

Stephan Knies

Stephan Knies ist Dramaturg, Musiker, Librettist und Autor und schnell begeistert von gutem Theater-Handwerk, frischen Ideen und ungewöhnlichen Formaten. Seine Opern-Moderationen, beispielsweise für sein Ensemble »D´Accord« und dessen Wagner-Paraphrasen im Haus Wahnfried in Bayreuth oder in der Hamburger Elbphilharmonie, stoßen beim Publikum auf relativ wenig Ablehnung. Ein Schwerpunkt seiner Reisetätigkeit für Magazine wie die »Opernwelt« ist Nordeuropa – von Riga bis Reykjavik.

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