Bayerns kulturpolitischer Dilettantismus

Juni 17, 2024
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Blume Dorny
Vladimir Jurowski, Markus Blume und Serge Dorny (Foto: StMWK/Axel König)

Markus Blume hat Serge Dorny und Vladimir Jurowski verlängert – und gleichsam demontiert. Ein Kommentar von Axel Brüggemann.

Wer Anschauungsmaterial dafür braucht, wie Kulturpolitiker die Kultur zerstören können, sollte dieser Tage aufmerksam nach München schauen. Der Minister für Kultur, Markus Blume, hat zwar gerade den Staatsopern-Intendanten Serge Dorny bis 2031 und seinen GMD Vladimir Jurowski bis 2028 verlängert – aber was war das für ein Gewürge! Am Ende sind die Verträge unterzeichnet, aber alle stehen ziemlich demontiert da.

Dass Dorny kein leichter Intendant ist, war klar, bevor er überhaupt in München angetreten ist. Wer »Dorny« und »Streit« googlet, landet schnell bei den Dresdner Querelen und bei Problemen in Lyon. Und, ja: Zoff gab es hinter den Kulissen auch in München. Einige Mitarbeiterinnen sind – trotz Vertrag – gar nicht erst angetreten, andere sind entnervt geflohen, einige erzählen Gruselgeschichten über das Klima an der Staatsoper. Das ist alles seit langer Zeit bekannt. Und, ja: Blume hätte durchaus sagen können: »Mit diesem Intendanten mache ich keine weitere Vertragsverlängerung.« 

Doch dann hätte er sich langfristig nach neuem Personal umschauen müssen. Zeit genug hatte er! Blume hat das schlichtweg verpennt. Und dann kam eine weitere Münchner Besonderheit dazu: Die vor Potenz strotzende Lokalpresse! 

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Angefangen hat alles mit einem Journalisten, der plötzlich aus hohlem Bauch (und vollkommen ohne Anlass!) irgendwelche Spekulationen anstellte: Kommt Viktor Schoner aus Stuttgart für Dorny? Und kommt Joana Mallwitz aus Berlin für Jurowski? Plötzlich brodelte die Gerüchteküche, weil alle anderen Münchner Kulturjournaisten ebenso ahnungslos waren, aber ebenfalls ihren Senf zur Opern-Wurst dazu geben wollten, die eigentlich nur heiße Luft war. Dabei erklärte Schoner schon früh bei BackstageClassical, dass er nie gefragt wurde – und dass er sauer über den Verursacher der Gerüchte sei.

Ebenfalls bei BackstageClassical hatte sich bereits im April Regisseur Barie Kosky für Donrny und Jurowski in die Bresche geworfen. Durchaus mit guten Gründen: Die begonnene Erneuerung der Ästhetik müsse weitergehen und die Arbeit mit dem Orchester zeige Blüten – wer, wenn nicht Jurowski würde besser auf Kirill Petrenko folgen? Jurowskis Ansprüche an ein modernes Orchester mögen einige Musikerinnen und Musiker irritierten – aber sie sind durchaus legitim. Und die Qualität stimmt. Dass er nun 2028 auf eigenen Wunsch geht, ist so schade wie konsequent.

Letztlich hat sich Blume dilettantisch verzockt. Schnell wurde klar, dass er Dorny eigentlich nicht mehr will, dass er aber kein Ass in der Hand hatte. Ein fataler politischer Fehler. Man wäre gern Mäuschen bei den Verhandlungen gewesen. Es heißt Dorny und Jurowsky sei anfänglich lediglich ein Vertrag für zwei Jahre angeboten worden. Klar, dass sie dann erst Recht mit voller Hose verhandelt haben. 

Der Podcast, in dem Berrie Kosky sich für Serge Dorny einsetzt

Dass man sich auf einen externen »Beratungsprozesses, der unter enger Einbindung der Belegschaft konkrete Optimierungsmaßnahmen für Abläufe, Kommunikation und Strukturen innerhalb der Staatsoper entwickeln soll« geeinigt hat, ist das Papier kaum wert, auf dem diese Einigung steht. Zu umkonkret. Zu offen, um zu wirken. Dorny wird weiter schalten und walten können, wie er es will. 

Man mag vom ehemaligen (inzwischen im Ruhestand befindlichen) Kulturstaatssekretär Toni Schmid halten, was man will. Aber er hatte Ahnung, stand in dauerndem Kontakt mit Musikerinnen und Musikern und war so etwas wie eine graue Eminenz. Es war egal, wer unter Toni Schmid Minister für Kultur war – die Sache lief: in Bayreuth, Nürnberg und in München. So einer wie er fehlt Bayerns Kulturpolitik heute.  

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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