Wie geht es weiter in Salzburg? 

Juni 2, 2026
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Das Festspielgelände der Salzbuger Festspiele (Foto: BC)

Am Freitag endet die Bewerbungsfrist für die Intendanz der Salzburger Festspiele. Wie geht es dann weiter? Wichtig sind weniger die Namen als das Konzept, das Kuratorium und Findungskommission verfolgen.

Die Salzburger Festspiele stehen vor einem gigantischen Umbruch: Nach der Trennung von Intendant Markus Hinterhäuser muss ein Nachfolger gefunden werden, die Stelle der Präsidentin wird neu ausgeschrieben, außerdem steht ein Mammut-Umbau bevor. Derzeit leitet Karin Bergmann Salzburg interimistisch, organisiert den Übergang vom Gestern ins Morgen und tritt dabei hauptsächlich als besonnene und zurückhaltende Verwalterin auf. Sie will Bestehendes pflegen (unter anderem hält sie am umstrittenen Dirigenten und Hinterhäuser-Freund Teodor Currentzis fest), gleichzeitig wird sie – besonders im Schauspiel – auch neue Wege gehen müssen.

Derweil haben die Landeshauptfrau Karoline Edtstadler und das Kuratorium der Festspiele eine Findungskommission beauftragt, nach einem neuen Intendanten oder einer neuen Intendantin Ausschau zu halten. Dienstantritt: Herbst 2027. Unter Vorsitz des ehemaligen Geschäftsführers der österreichischen Bundestheater, Christian Kircher, suchen der Dirigent Franz Welser-Möst sowie die Intendantin der Semperoper in Dresden, Nora Schmid, und die Intendantin des Thalia Theaters Hamburg, Sonja Anders, nach möglichen Kandidatinnen und Kandidaten.

Weiter wie immer?

Die Bewerbungsfrist für die Intendanz läuft am 5. Juni ab. Bis dahin haben sich die Anwärterinnen und Anwärter positioniert, ihre Bewerbungen formuliert und ihre Netzwerke spielen lassen. Es gibt allerhand Hörensagen hinter den Kulissen, Erwartbares wie Überraschungen. Aber die anstehende Entscheidung ist nicht nur eine Entscheidung über Personen. Nie war der Augenblick so perfekt, die Salzburger Festspiele auch strukturell grundlegend neu aufzustellen, zu modernisieren und das alte Intendantenprinzip zu hinterfragen.

Intendantin für den Übergang: Karin Bergmann (Foto: Neumayr, Salzburger Festspiele)

Für die Zukunft könnte ein Blick in die Vergangenheit hilfreich sein: Die Gründerväter der Festspiele, Hugo von Hofmannsthal, Richard Strauss und Max Reinhardt, wollten nach dem Ende des Ersten Weltkriegs mit den Festspielen vor allen Dingen ein künstlerisches »Friedenswerk« schaffen: Die verschiedenen Künste sollten in höchster Qualität und in all ihren unterschiedlichen Ausdrucksformen in Salzburg aufeinandertreffen. Grundlage dafür war die moralische und künstlerische Verantwortung der Kultur. Eine Kategorie, die in den letzten Jahren der Festspiele vielleicht ein wenig unter die Räder gekommen ist. Heute würde man wohl von einem diversen, international hochqualitativen und dialogischen Festspielkonzept sprechen.

Hofmannsthal, Strauss und Reinhardt hatten vollkommen unterschiedliche Hintergründe und zum Teil selbst grundverschiedene Kunst-Ästhetiken. Dennoch haben sie gemeinsam den Entschluss gefasst, etwas Verbindendes auf die Beine zu stellen. Blickt man heute auf das Dreigestirn von damals zurück, könnte man damit durchaus Zweifel am Modell des allmächtigen Intendanten hegen, wie es in den letzten Jahrzehnten der Festspiele immer mehr zur Norm geworden ist.

Aber welche Struktur wäre geeignet, um in Salzburg wieder ästhetische Vielfalt in den unterschiedlichen Spielarten der Kunst miteinander in Dialog zu bringen?

Die Säulen der Festspiele

Markus Hinterhäusers Amtsperiode hat vor Augen geführt, dass die fast royale Intendanz-Monarchie nur so lange funktioniert, wie der »König« selbst seinen alten Idealen treu bleiben kann. Die Gefahr, dass ihm seine Macht zu Kopf steigt, dass seine eigene Ästhetik (und die Nähe zu seinen künstlerischen Freunden) das Spektrum der Festspiele verengt, dass Salzburg zu einem Hofstaat, der sich selber nicht mehr in Frage stellt, verkommt, ist groß.

Die Festspiele stehen bewusst auf drei Säulen: Oper, Schauspiel und Konzert. Alle drei haben in den letzten Jahren kaum noch eigene Impulse gesetzt. Die Oper wurde von immer gleichen Namen aus der »Freundesliste« des Intendanten bespielt, der Konzertbereich ist bereits unter dem letzten Konzertchef, der nun in München ebenfalls noch sehr blass bleibt, ins zweite Glied gerückt und fungiert höchstens noch als Großeinkäufer des ohnehin tourenden Klassikzirkus’. Das intellektuelle Niveau des Konzertangebots ist so vorzeichenarm wie ein a-Moll-Akkord. Visionen, Uraufführungen oder Dialoge zwischen interpretatorischen Schulen – alles Fehlanzeige.

Ganz zu schweigen von der Schauspielsparte, die aufgrund von Machtdemonstrationen des ehemaligen Intendanten vollkommen aus den Angeln gehoben wurde.

Mit anderen Worten: Die Salzburger Festspiele stehen als Ganzes ebenso wie in ihren Einzelteilen derzeit weitgehend beliebig da. Auf allen Ebenen wird höchstens noch versucht, durch große Namen ein Spektakel-Festival auf die Beine zu stellen, das aber längst vom kreativen Sender zum internationalen Empfänger geworden ist. Trends werden anderenorts gesetzt und von Salzburg bestenfalls eingekauft und recycelt.

Dringende Strukturfragen

Jetzt wäre der ideale Zeitpunkt, darüber nachzudenken, wie die Festspiele der Zukunft aussehen könnten. Es ist am Kuratorium und an der Findungskommission, eine neue Vision zu entwickeln und diese dann auch personell zu besetzen. Dabei wäre die Orientierung am Gründungsgeist der Festspiele ein möglicher Weg: Wie kann ein Festival heute noch sozial wirken? Wie gesellschaftliche Debatten entfachen? Und gleichzeitig zur Avantgarde-Werkstatt, zum Vordenker der Künste werden?

Selten hatten wir es mit einer so großen Vielfalt ästhetischer Stile zu tun wie heute: Die Oper sucht nach neuen Narrativen, von der mythologischen Erzählung über die historische Inszenierung bis zur popkulturellen Neudeutung, von der empathischen Umarmung des Publikums bis zum provokanten Skandal. Und auch die musikalische Ästhetik von Dirigentinnen und Dirigenten war selten so breit gefächert wie heute: von egozentrischen Exzentrikern über welterfahrene Tiefenschürfer bis zu Hochglanz-Fetischisten und collagehaften Neudeutern, von Experten einzelner Epochen bis zu Vertretern musikalischer Vielfalt. Ganz zu schweigen von den vollkommen unterschiedlichen Ansätzen im Sprechtheater, das von der Performance über das Skandaltheater bis zum Dokumentartheater und dem klassischen Theater alle Spielformen abdeckt.

Wenn man die Gründungsidee der Salzburger Festspiele ernst nimmt, wäre es eine spannende Aufgabe, all diese unterschiedlichen Ästhetiken, die grundverschiedenen Weltbilder, die sich dahinter verbergen, die Spannungsfelder zwischen den einzelnen Schulen nicht nur sichtbar zu machen, sondern in einen konstruktiven Diskurs zu bringen. Die Salzburger Festspiele als kultureller Mikrokosmos für das, was unserer realen Welt gerade so schwerfällt: Debatte, Konfrontation, das miteinander Streiten – und vielleicht auch die bloße Akzeptanz des Anderen. Grundlage von alledem muss die künstlerische Qualität sein!

Die Struktur des Intellekts

Am Anfang seiner Ära stand auch Markus Hinterhäuser für einen Aufbruch der Festspiele, den er selbst mit seinem Intellekt begründen konnte. Er stand für das Neue, das Andershören, das Experiment – den Mut. Aber man sah auch, wie schwer es für einen Menschen ist, diesen Idealen über Jahre hinweg treu zu bleiben, nicht in Vetternwirtschaft zu verfallen, nur noch der eigenen Ästhetik zu vertrauen und offen – auch gegenüber Kritik – zu bleiben.

Wer Intellekt und Vielfalt langfristig garantieren will, kann das kaum als Alleinherrscher. Er muss dialogische Strukturen schaffen, in denen die Kontroverse immer wieder aufs Neue als produktive Selbstbefragung angelegt ist, in denen Debatten zur Grundlage gehören und der Freiraum des Einzelnen garantiert wird. Es ist eine Herausforderung, diese Struktur für Salzburg neu zu erfinden: eine gleichberechtigte, geteilte Führung der Festspiele, in der jede Säule ihre eigenen autonomen Räume hat? Ein Gremium, das ständig durch Gäste erneuert und inspiriert wird? Mediale Diskursräume zwischen den Antipoden auf der Bühne? All das sind Fragen, die es zu beantworten gilt, bevor die ersten Hearings für Anwärterinnen und Anwärter auf die Intendanz anstehen.

Markus Hinterhäuser bei den Salzburger Festspielen 2025 (Foto: BC)

Derzeit sieht allerdings vieles so aus, als ginge es manch Verantwortlichen im Kuratorium lediglich darum, möglichst schnell und geräuschlos große neue Namen für die alten Posten zu finden und irgendwie weiterzuwursteln wie bisher.

Kritiker, die nach der Trennung von Hinterhäuser ein intellektuelles Vakuum befürchten oder eine Intendanz, die möglichst handzahm und unproblematisch für die politischen Träger ist, muss man durchaus ernst nehmen. Denn tatsächlich war Hinterhäuser in den letzten Jahren das einzige Gesicht in Salzburg, das so etwas wie Intellekt wenigstens zur Schau gestellt hat. Bei seiner Präsidentin war diese Anlage – gelinde gesagt – weitaus weniger ausgeprägt, und ein Geschäftsführer braucht ohnehin andere Qualitäten.

Es beginnt bei der Präsidentin

Vielleicht ist die Ausschreibung des Amtes der Präsidentin deshalb auch mindestens so entscheidend wie die Wahl der neuen Intendanz. Kristina Hammer schien von Beginn an so etwas wie ein rotes Tuch für Markus Hinterhäuser zu sein. Aus ihrer gegenseitigen Abneigung machten die beiden kein Geheimnis. Hammer konnte (und wollte) dem Intendanten keine neue »Mutterfigur« wie Helga Rabl-Stadler sein, und so verlor sie rasch wichtige Aufgabenbereiche wie die Öffentlichkeitsarbeit.

Über das, was zwischen den beiden hinter den Kulissen vorging, gibt es viele Gerüchte – aber man kann am Ende nur spekulieren. Inwiefern war Hammer am Sturz Hinterhäusers beteiligt? Hatte sie etwas gegen ihn in der Hand? Wie taktierte sie politisch hinter den Kulissen, etwa mit der neuen Landeshauptfrau Karoline Edtstadler?

Sicher ist: Kristina Hammer ist keine Frau des Intellekts. Sie ist Teil der alten, zutiefst zerstrittenen und hinter den Kulissen womöglich auch intriganten Festspielstrukturen, in denen niemand niemandem vertraut. In der Öffentlichkeit gab sich Hammer stets gemäßigt. Aber es muss die Frage erlaubt sein, inwiefern sie selbst am internen Salzburger Machtkampf beteiligt war und ob man ihr langfristig vertrauen kann.

Hammer hat sich inzwischen erneut auf die ausgeschriebene Stelle der Präsidentin beworben. Sie noch einmal zu bestellen, würde jedoch auch bedeuten, einen der großen Unruhefaktoren der Festspiele zu behalten und einem wirklichen strukturellen Neuanfang eventuell Steine in den Weg zu legen. Hammer hat ein rücksichtsloses Machtspiel gespielt, bei dem es ihr vielleicht weniger um die Festspiele als um ihre eigene Position ging. Es fiel ihr nicht schwer, auf der einen Seite gemeinsam mit Hinterhäuser gegen Kritiker wie BackstageClassical zu klagen (und zu verlieren), auf der anderen den Intendanten aber letztlich zu »überleben« und seither mit offensichtlicher Freude öffentliche Termine im Namen der Festspiele ohne ihn wahrzunehmen.

Wenn das Kuratorium den Mut hat, Salzburg wirklich neu und modern zu denken, wäre es ein wichtiger Schritt, sich erst auf eine neue Struktur der Festspiele zu einigen, dann eine Intendanz zu bestimmen – und am Ende zu entscheiden, wer das Präsidentenamt übernehmen kann, ohne einem Aufbruch durch machtpolitische Altlasten im Wege zu stehen.

Und wer wird nun Intendant?

Kritiker haben in den letzten Wochen immer wieder geschrieben, dass es schwer werde, eine Nachfolge für Markus Hinterhäuser zu finden, weil sich niemand die politische »Schlangengrube« Salzburg antun wolle. Doch das Problem dürfte genau umgekehrt gelagert sein: Wenn man sich umhört, von wem wohl Bewerbungen eingehen werden, kommen da etablierte Intendantinnen und Intendanten ebenso vor wie einige ausrangierte Sängerinnen oder Sänger und Bewerberinnen und Bewerber aus kleineren Häusern.

Die Präsidentin der Salzburger Festspiele, Kristina Hammer (Foto: SF, Rigaud)

Im Suchraster des aktuellen Kuratoriums und seiner Findungskommission dürften derzeit Persönlichkeiten liegen, die sich bereits an großen, internationalen Häusern bewiesen haben: Matthias Schulz in Zürich, Serge Dorny in München, Elisabeth Sobotka in Berlin oder Alexander Neef in Paris. Man könnte nun jeden dieser Namen (und viele andere und sympathischere wie Viktor Schoner aus Stuttgart oder die in der Findungskommission sitzende Nora Schmid) nach Stärken und Schwächen bewerten und am Ende die Kandidatin oder den Kandidaten mit den wenigsten Minuspunkten auswählen. Doch dann würde man letztlich wahrscheinlich nur einen »neuen Hinterhäuser« für ein klares „Weiter so“ bestellen.

Tatsächlich könnte sich die Kommission aber auch bewusst von Namen lösen und konsequent auf Konzepte setzen. Wer schafft es, die aktuelle Vielfalt der Kunst, ihre Sinnfrage und ihr Potenzial zwischen Eskapismus und Provokation zu bündeln? Wie könnte ein »Team Salzburg« in den unterschiedlichen Sparten aussehen? Wäre es nicht sinnvoll, wenn kluge Kulturmanager von profilierten Künstlerpersönlichkeiten beraten würden, wenn die Disziplinen miteinander und gegeneinander antreten – und wenn die Salzburger Festspiele wieder zu einem Ort würden, an dem die Ästhetik von morgen ausgehandelt wird, statt lediglich die von gestern zu präsentieren?

Mehr Werkstatt wagen. Mehr Widerstand. Mehr Debatte. Mehr Diskurs. Dann stellt sich letztlich die Frage, wer all das koordinieren kann. In den letzten Jahren hat Pierre Audi etwas Ähnliches in Aix-en-Provence geschaffen, Tobias Kratzer befragt die Strukturen an der Staatsoper in Hamburg neu. Wer sonst hat Erfahrungen mit innovativen Konzepten und ist ein Teamplayer? Wie lässt sich eine dauerhafte Offenheit sichern? Wie könnten autonome kreative Räume innerhalb der Festspiele etabliert werden? Welche »Inseln« ließen sich schaffen? Gibt es Momente, in denen die Intendanz selbst infrage gestellt wird? Und vor allem: Wie kann garantiert werden, dass die Kultur in ihrer gegenwärtigen Vielfalt, aber auch in höchster Qualität, wieder nach Salzburg einzieht?

Dringende Fragen zuerst

Klar, am Ende wird wahrscheinlich wieder ein Name stehen, der zum Gesicht der Salzburger Festspiele wird. Vielleicht einer, den derzeit niemand auf der Rechnung hat. Vielleicht einer, der ganz andere Qualitäten aufweist als die etablierten Opernintendantinnen und -intendanten.

Die entscheidende Frage für das Kuratorium und seine Findungskommission darf jetzt nicht ein Name an sich sein, sondern ein Konzept. Wer hat die besten Ideen und die kreative Kraft, die Festspiele aus dem Geist ihrer Gründung mitten in unserer Zeit neu zu positionieren? Wer spielt international und auf vielen künstlerischen Ebenen? Kann Salzburg wieder zu einem Ort werden, an dem die Vielfalt unserer Welt in der Ästhetik der Kunst aufeinanderprallt und produktiv verhandelt wird? Das Problem sind auf jeden Fall nicht zu wenige Alternativen – sondern eher: zu viele.

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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