Im Weltall wird es eng

September 20, 2026
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Mittwoch aus Licht an der Deutschen Oper Berlin (Foto: Roeder)

Karlheinz Stockhausens Mittwoch aus Licht gerät an der Deutschen Oper Berlin zu einer kosmischen Messe. Musikalisch präzise und von hoher Qualität, verliert sich Susanne Kennedys Inszenierung zwischen klugen Impulsen, Überladung und Inhaltslosigkeit.

English summary: Karlheinz Stockhausen’s Mittwoch aus Licht becomes a cosmic mass at the Deutsche Oper Berlin. Musically precise and performed to an exceptionally high standard, Susanne Kennedy’s production gets lost somewhere between intelligent ideas, visual overload and a lack of substance.

Es sollte ein Spektakel werden: Den Beginn seiner Intendanz an der Deutschen Oper Berlin markiert Aviel Cahn mit Stockhausens Monumentalwerk, das die Grenzen der Oper neu auslotet. Auch dreißig Jahre nach seiner Fertigstellung zeigt die erste szenische Opernproduktion von Mittwoch aus Licht im deutschsprachigen Raum, dass Stockhausens Kombination aus elektronischer, instrumentaler und vokaler Musik wenig von ihrer innovativen Kraft eingebüßt hat.

Konkrete Musik, die Alltagsgeräusche elektronisch wiedergibt und verfremdet, steht hier neben virtuosen Soli und komplexen Ensemble-Stellen. Das »Helikopter-Streichquartett«, bei dem die vier Musiker und Musikerinnen in einem jeweils eigenen Fluggerät sitzend über Funk miteinander verbunden sind und hoch in der Luft spielen, verfehlt seinen Effekt nicht. Sich in den Zeiten des Sparzwangs und zunehmender Feindlichkeit gegenüber radikaler Kunst für eine Aufführung dieses Werks zu entscheiden, passt zum mutigen Programm des Intendanten. Doch Mittwoch aus Licht im gegenwärtigen gesellschaftlichen und politischen Moment aufzuführen bringt ganz eigene Herausforderungen mit sich: Die Oper steht in einem politischen Kontext und muss sich dazu verhalten, ob sie will oder nicht. Das gelingt an diesem Abend nur selten.

Kosmische Klangwelten

Stockhausens Licht-Zyklus, der die sieben Tage der Woche in insgesamt 29 Stunden Musik setzt, wartet weiter auf seine Uraufführung als Gesamtwerk. Zwei Engel, Michael und Luzifer, kämpfen in verschiedenen Szenarien um die Vorherrschaft. Eva, die dritte Protagonistin des Licht-Zyklus, vermittelt zwischen beiden. Mittwoch kommt dabei eine besondere Stellung zu: Nur hier tauchen alle drei Figuren gemeinsam auf, hier stellt Stockhausen Kooperation und Versöhnung in den Mittelpunkt. Das Stück wird dabei von keiner linear erzählten Geschichte zusammengehalten, die vier Szenen stehen scheinbar unvermittelt nebeneinander. Erst musikalisch lässt sich der Zusammenhang erkennen: Die drei Protagonist:innen sind durch eine musikalische Formel beschrieben. Diese Kompositionstechnik nutzt die Mittel serieller Musik und legt neben der Tonhöhe auch Dynamik und andere Parameter fest. Luzifer etwa ist an verschiedenen Stellen daran erkennbar, dass die Musiker:innen laut zählen. Wie Leitmotive ziehen sich die Formeln der drei Charaktere durch das Stück, die genau wie die Mittwoch-Formel aus der übergeordneten „Superformel aus Licht“ abgeleitet sind.

Die herausfordernde Partitur wird an diesem Abend von echten Stockhausen-Spezialisten interpretiert: Das Ensemble Le Balcon, sein musikalischer Leiter Maxime Pascal und Klangregisseur Florent Derex haben bereits die anderen sechs Teile von Stockhausens Licht-Zyklus aufgeführt. Die Berliner Inszenierung bildet den Höhepunkt und Abschluss dieser Reihe. Diese Expertise wird hörbar: Präzise und ausdrucksstark tanzen die solistischen »Orchester-Finalisten« der zweiten Szene um die elektronischen Klänge.

Auch Stockhausens notierte Gesten und Bewegungen sind dabei keine zu große Herausforderung. Kontrabassist Kévin Garçon etwa erntet mit theatralischem Umfallen und wilder Mischung von perkussiven, gespielten und gezischten Elementen Lacher und Szenenapplaus. In der vierten Szene, dem »Michaelion«, dirigiert Pascal virtuell auf versteckten Bildschirmen. Damit unterläuft er den kammermusikalischen Charakter der groß besetzten Szene, was aber der musikalischen Qualität keinen Abbruch tut. Im Gegenteil: Die komplexen Rhythmen und Schichten klingen klar und auf den Punkt gebracht.

So wenig die vier Szenen durch eine gemeinsame Handlung verbunden sind, so unterschiedlich sind auch ihre Besetzungen. Die nicht minder anspruchsvollen Vokalpartien der eröffnenden a cappella-Szene „Welt-Parlament“ singt der Chor der Deutschen Oper unter der Leitung von Jeremy Bines und schichtet dabei Klänge akkurat übereinander. Auch die Chorsoli überzeugen fast ausnahmslos mit klarer Artikulation und feinem Witz. Besonders Rachel Pinevska sticht als »Ersatz-Präsidentin« und »Koloratur-Eva« heraus, ihre eindeutig abgesetzten Impulse bringen Struktur in das Klangdickicht. Im berühmten „Helikopter-Streichquartett“, zwei Wochen vor der Premiere über einem Flugplatz aufgezeichnet, überzeugt das Streichquartett des Orchesters der Deutschen Oper mit deutlicher Artikulation und pünktlichen unisono-Stellen.

Besonders eindrucksvoll tritt auch die Klangregie in den Vordergrund: Die Rotoren der Helikopter dröhnen laut durch den Raum, zugleich ist jede Nuance des Quartetts zu hören. Auch in den anderen Szenen und beim »Mittwochs-Gruß« und »Mittwochs-Abschied« im Foyer gelingt Florent Derex die Balance aus Intensität und Klarheit.

Kein Platz für Individuen

Gegenüber der hohen musikalischen Qualität fällt die Inszenierung etwas ab. Regisseurin Susanne Kennedy und Bühnenbildner Markus Selg konzipieren einen spirituellen Ritus, in dem das sowieso schon komplexe Stück mit weiteren Symbolen überhäuft wird. Dabei überzeugen vor allem die reduzierteren Szenen. 

Inspiriert von der steinzeitlichen Kultstätte Göbekli Tepe, wird die Bühne von einem sandsteinernen Altar dominiert, um den herum ein Bildschirm geformt ist. Diese Art futuristischer Baum fügt sich in eine Sandlandschaft ein, die unwillkürlich an die Ästhetik des Science-Fiction-Franchises Dune erinnert. Auf dem Bildschirm werden kommentierende und ergänzende Video-Sequenzen eingespielt, die Stockhausens Anweisungen zum visuellen Kontext der Szenen aufgreifen. 

Dabei werden teils drängende Fragen der Gegenwart aufgegriffen: Während in der ersten Szene das »Welt-Parlament« zusammentritt, zeigt der Bildschirm Krieg, Raketen und Explosionen in einer Wüstenlandschaft. Die so vertriebenen Menschen strömen im Video einem großen Turm zu, wo sie ein durchsichtiger Fahrstuhl über die Wolken transportiert. In diesem postapokalyptischen Szenario scheint die Erde unbewohnbar zu werden, die Rettung liegt im Kosmos.

Mittwoch aus Licht an der Deutschen Oper Berlin (Foto: Roeder)

Doch das scheinbar demokratische „Welt-Parlament“ entpuppt sich als autoritärer Betrieb: Auf der Tagesordnung steht das Thema »Liebe«, das kaum individueller sein könnte, hier aber dem Zwang zur Einstimmigkeit unterworfen wird. Der Präsident ordnet die Thesen der Parlamentarier:innen ein, lobt oder widerspricht und lässt dabei keinen Raum für individuelles Empfinden. Die Einzelnen müssen sich dem Kollektiv beugen.

Diesen autoritären Zug der vermeintlichen Demokratie inszeniert Kennedy stark: Uniformiert steht der Chor zu beiden Seiten des Präsidenten, Solisten und Solistinnen treten aus dem Kollektiv heraus und verschwinden wieder darin. Als ein im Parkverbot stehendes Auto abgeschleppt werden soll und der Präsident peinlich berührt von der Bühne eilt, wird sehr schnell eine Ersatz-Präsidentin ausgerufen. Ohne Zeit zum Innehalten drängt das Kollektiv mit dem einstimmig gesprochenen »D‘accord!« zum erzwungenen Konsens. Diese beklemmende Dynamik trifft Kennedys Inszenierung, ohne dabei zu plakativ zu werden. Dazu passt auch die sinnvolle Streichung eines geschmacklosen Witzes über Sprachstörungen und Übergewicht, den Stockhausen am Ende der Szene notiert hat.

Visueller Overload und spirituelle Beliebigkeit

Weniger überzeugt die zweite Szene. Durch die zahlreichen Anweisungen an die solistischen »Orchester-Finalisten« ist der Spielraum für szenische Bewegung auf der Bühne eingeschränkt. Ein Feuerwerk an Videoeinspielungen soll diese Statik unterlaufen. Doch die generische Optik der auch mit Künstlicher Intelligenz erstellten Bilder zerstört ungewollt jeden Anspruch auf Ernsthaftigkeit. Andauernde Stroboskop-Effekte ermüden die Augen, die erst im anschließenden »Helikopter-Streichquartett« etwas Erholung finden.

Vier Bildschirme schweben in den Bühnenraum, auf denen jeweils ein Mitglied des Quartetts zu sehen ist. Der große Bildschirm in der Mitte des Altars zeigt die fliegenden Helikopter oder Ansichten der überflogenen Landschaft. Dabei schafft Kennedy es, in eine statische Videoprojektion Dynamik zu bringen: Der Bühnennebel wirkt im Zwielicht wie von Rotoren aufgewirbelter Staub, kreisende Lichtkegel und sich bewegende Bildschirme schaffen eine Wolfsschlucht-Ästhetik, die in merkwürdigem Kontrast zum blauen Himmel der Videos steht. Diese kluge Lösung lässt die Entscheidung zur einmaligen Aufzeichnung im Vorfeld, die sicherlich auch mit Blick auf Kosten und Treibstoffverbrauch getroffen wurde, nicht wie einen pragmatischen Kompromiss erscheinen, sondern fügt sich gut in das Gesamtkonzept ein.

Mittwoch aus Licht an der Deutschen Oper Berlin (Foto: Roeder)

Diese Klarheit und Struktur lässt das abschließende »Michaelion« vermissen. Zwar lenkt die ruhigere Videoinstallation weniger ab. Doch statt eine Sogwirkung zu entfalten und ganz ins Geschehen hineinzuziehen, hat die Überfrachtung der Bühne mit Handlungen den gegenteiligen Effekt. Per Akklamation wird ein neuer Präsident ernannt, der aus einem tanzenden Kamel entschlüpft und in einer Art Krönungszeremonie mit den Insignien der Macht ausgestattet wird. Danach passiert zu viel gleichzeitig, um folgen zu können. Die stets präsenten Tänzerinnen und Tänzer führen ein Ritual durch, während Sänger:innen mit Symbolen ausgestattet um Bühne und Publikum laufen.

Was im Parkett einen interessanten Surround-Klang erzeugt, bleibt dem Publikum auf den Rängen völlig verschlossen. Das verweist auf ein größeres Problem der Inszenierung: Mehr Höhenunterschiede hätten das Geschehen auf der Bühne entzerren können. Auf der Bühne findet fast alles auf einer Ebene statt, nach oben und unten wird der Raum kaum genutzt. Gerade bei einem Stück, das einen starken Fokus auf das Fliegen und die Luft legt, überrascht diese inszenatorische Entscheidung.

Karlheinz Stockhausens Mittwoch aus Licht ist ein Erlebnis. Während der musikalische Vortrag überzeugt, kann die Inszenierung nur an manchen Stellen eigene Impulse setzen. Das große Potenzial, der Gegenwart einen kritischen Spiegel vorzuhalten, löst sie zumeist nicht ein. Doch allein für die Übergröße dieser Produktion lohnt sich ein Besuch. Wenn die Deutsche Oper der Radikalität dieser Programmgestaltung treu bleibt, stehen dem Haus prägende Jahre bevor. Die Opernlandschaft kann davon nur profitieren.

Carl Julius Reim

Carl Julius Reim, geboren 1999, ist Historiker und promoviert an der Humboldt-Universität zu Berlin zur Geschichte des Antikolonialismus. Er studierte in London, Leipzig und Weimar Geschichte, Politikwissenschaft, Philosophie und Musikwissenschaft. Besonders interessiert ihn die Verbindung von Musik und politischem Denken.

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