1.099 Euro für Kontakte zur Opernwelt: Das Vienna Opera Lab verkauft jungen Sängerinnen und Sängern den Zugang zu einem begehrten Netzwerk. Nach Anfragen von BackstageClassical ziehen nun erste prominente Teilnehmer Konsequenzen – und sagen ab.
English summary: €1,099 for contacts in the opera world: the Vienna Opera Lab sells young singers access to a coveted network. Following inquiries from BackstageClassical, the first prominent participants are now drawing consequences – and pulling out.
Das Versprechen ist groß: Kontakte zu den »Movern und Shakern« der Opernwelt, zu Casting-Direktoren, Agentinnen und Agenten, designierten Intendantinnen und Intendanten – und am Ende ein Vorsingen. So wirbt das Vienna Opera Lab im Internet um junge Sängerinnen und Sänger. Es verspricht explizit: »Einen direkten Zugang zur Opern-Industrie.« Einziger Haken: Für das Sesam-Öffne-Dich müssen erst einmal 39 Euro Bewerbungsgebühren überwiesen werden. 35 Sängerinnen und Sänger werden angenommen – bei ihnen wird der Betrag später mit den Gesamtkosten von 1.099 Euro verrechnet.
1.099 Euro! Das ist für junge Künstler eine Stange Geld. Und das Geschäftsmodell wird scharf kritisiert: Wir wurden auf das Opera Lab aufmerksam, nachdem mehrere junge Sänger BackstageClassical davon berichtet hatten. Nach unserem Text über die schwierigen Arbeitsbedingungen an der Metropolitan Opera schrieben sie uns: »Die Ausbeutung beginnt nicht erst auf der Bühne, sondern schon vor unseren Karrieren!«
Tatsächlich geht es hier um ein grundsätzliches Problem des heutigen Opernbetriebes: Der Zugang zu Opernhäusern wird immer schwerer. Er ist zu einem Geschäftsmodell geworden. Früher wurden Hoffnungsträger gefördert, junge Stimmen waren für Agenturen eine Investition: Man hat Geld in den hoffnungsvollen Nachwuchs investiert, um danach gemeinsam mit ihm zu verdienen. Auch die Opernhäuser haben ihre Besetzungsexperten durch die Welt geschickt, um hoffnungsvolle Stimmen zu entdecken und zu verpflichten. Heute läuft das anders: Das wirtschaftliche Risiko einer Karriere wird zunehmend auf diejenigen abgewälzt, die noch vor ihrer Karriere stehen. Auf junge Menschen, die davon träumen, Oper zu singen. Es ist ein fragwürdiges Geschäft mit der Hoffnung.
Junge Sängerinnen und Sänger investieren viel Zeit und Geld in ihre Ausbildung. Dazu kommen Sprachunterricht, Coaches, Fotos, Videos, Reisen und Übernachtungen für Vorsingen. Und wenn man dann auf einer Bühne steht, beträgt die Monatsgage an einem Stadttheater gerade einmal 3.000 Euro; wer freiberuflich arbeitet, kassiert nach NV Bühne nur 309,50 Euro für einen Abend.
Der Anfang unserer Recherche
Das Vienna Opera Lab ist ein Paradebeispiel für einen aus den Fugen geratenen Markt. BackstageClassical hat sich deshalb auf eine kleine Recherchereise begeben. Und so viel sei bereits verraten: Unsere Anfragen hatten Folgen. Mindestens zwei angekündigte Teilnehmer aus der Opernwelt haben ihre Teilnahme am Vienna Opera Lab inzwischen abgesagt.
Der entscheidende Teil des Opera-Lab-Angebots ist – neben den Masterclasses, die man überall bekommt – der Zugang zum Netzwerk. Das Lab wirbt mit Namen aus der Opernbranche und mit Vertretern bekannter Häuser. Aufgelistet werden das Staatstheater am Gärtnerplatz, das Badische Staatstheater Karlsruhe, die Opéra national de Lyon, die Opéra National de Montpellier und die Anwesenheit einzelner Vertreter wie Florian Köfler aus La Monnaie, Evamaria Wieser von den Salzburger Festspielen, Sebastian Schwarz von der Mailänder Scala oder Boris Ignatov von der Staatsoper Stuttgart. Eine stattliche Liste. Hinter dem Vienna Opera Lab steht Samantha Farber. Sie ist Gründerin der Künstleragentur Sono Artists. Und da wird es interessant.
Bezahlen, damit die Agentur hinschaut
Sono Artists gehört zu jenen Agenturen, die bereits für die Sichtung einer Bewerbung 25 Euro berechnen. Das klingt nach einem kleinen Betrag. Aber das Prinzip ist bemerkenswert: Das klassische Geschäftsmodell von Agenturen war es einmal, Zeit, Arbeit und Kontakte in ihre Künstler zu investieren und ein gewisses Risiko zu tragen. Bei einem kostenpflichtigen Bewerbungsverfahren verschiebt sich dieses Verhältnis. Junge Künstler bezahlen bereits dafür, dass die Agentur überhaupt entscheidet, ob sie ihnen zuhören möchte.
Das Vienna Opera Lab verfolgt dieses Modell nun in anderer Form. Hier bezahlen Sängerinnen und Sänger dafür, mit Menschen aus Agenturen und Opernhäusern zusammenzukommen und ihnen vorsingen zu können. Explizit ohne Garantie, dass daraus irgendetwas entsteht. Die schwierige Situation der Künstlerinnen und Künstler am Anfang ihrer Karriere – der Mangel an Vorsingen, der Kampf um Aufmerksamkeit, die Sehnsucht nach Kontakten – wird plötzlich zum Teil eines Geschäftsmodells.
»I don’t earn money«
In einem Telefonat widerspricht Samantha Farber dem Eindruck, sie würde sich persönlich am Vienna Opera Lab bereichern, und erklärt gegenüber BackstageClassical: »I don’t earn money.«
Die Einnahmen würden für Saal, Organisation und Durchführung der Veranstaltung gebraucht. Das Lab sei aus ihrem Netzwerk entstanden und solle jungen Sängerinnen und Sängern helfen. Scholarships finanziere sie teilweise aus eigener Tasche. Den heutigen Opernmarkt bezeichnet sie als »brutal«.
Daniela Spering ist ebenfalls für das Opera Lab tätig. Sie wirbt mit ihrer Ausbildung als Heilpraktikerin und präsentiert sich auf Instagram sehr präsent als »Karriere- und Auftrittscoach«. Gegenüber BackstageClassical erklärt sie, dass gut ausgebildete Sängerinnen und Sänger zunehmend Schwierigkeiten hätten, gesehen zu werden. Das Vienna Opera Lab wolle dagegen etwas tun. Statt für einzelne Vorsingen durch Europa zu reisen und jedes Mal Fahrt, Flug und Hotel zu bezahlen, könnten Sänger hier innerhalb weniger Tage gleich mehreren Menschen aus der Branche begegnen.
So nachvollziehbar das Argument erscheint, beantwortet es die Ausgangsfrage nicht: Wann ist das System gekippt? Warum sollen heute ausgerechnet die Sängerinnen und Sänger dafür bezahlen, dass sie gesehen werden? In anderen Branchen ist es die Aufgabe zukünftiger Arbeitgeber, junge Talente aufzuspüren und mit attraktiven Angeboten zu locken.
Die wichtigste Frage aber ist: Warum beteiligen sich staatlich bezuschusste Opernhäuser beziehungsweise ihre Vertreter an derartigen Geschäftsmodellen? Häuser, deren Kernaufgabe es ist, junge Stimmen zu entdecken und zu fördern.
Was wussten die Opernhäuser?
BackstageClassical hat nachgefragt. Und die Antworten haben uns überrascht. Die Casting-Beraterin der Salzburger Festspiele, Evamaria Wieser, erklärte, dass ihr die Höhe der Teilnahmegebühr zum Zeitpunkt ihrer Zusage nicht bekannt gewesen sei. Ihre Aufgabe beim Lab sei es, Sängerinnen und Sänger anzuhören und einzuschätzen und an einem Round Table teilzunehmen. Dafür würde sie weder Spesen noch Honorar bekommen. Auch Boris Ignatov von der Staatsoper Stuttgart erklärte, bei seiner Zusage im April nichts von der Höhe der Gebühr gewusst zu haben. Er bekommt allerdings die Reisekosten erstattet und für Einzelworkshops mit den teilnehmenden Sängerinnen und Sängern eine »Aufwandsentschädigung«. Gleichzeitig betonte er, dass eine Teilnahme am Vienna Opera Lab »selbstverständlich keine Voraussetzung für ein Engagement in Stuttgart« sei. Und auch dem Castingchef der Salzburger Osterfestspiele, Dominik Licht, wurde die Höhe der Teilnahmegebühren nicht kommuniziert – ihm werden für seine Anwesenheit die Reisekosten von Seiten des Opera Labs erstattet.
Was erstaunt ist, dass keiner der von uns angeschriebenen Teilnehmerinnen und Teilnehmer von Opernseite über die Kosten für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer informiert wurde – und offensichtlich hat auch niemand nachgefragt. Das ist zumindest erstaunlich für Casting-Direktoren, die an staatlich finanzierten Häusern arbeiten, und zu deren Aufgaben es gehört – im Auftrag ihrer Häuser – Stimmen zu finden.
Erste Absagen nach unseren Anfragen
Aber es gab auch andere Reaktionen. Peter Heilker, der vom Theater an der Wien als Intendant an die Oper Leipzig wechselt, war bereits im April 2026 gebeten worden, beim Vienna Opera Lab eine Keynote zu halten. Nach unserer Anfrage teilte sein Leipziger Büro mit, Heilker habe sich mit Blick auf seine zukünftige Intendantentätigkeit entschieden, die geplante Rede nicht zu halten und seine externen Verpflichtungen entsprechend zu fokussieren. Er habe seine Teilnahme inzwischen abgesagt, und tatsächlich ist sein Name nach unserer Anfrage von der Seite des Opera Lab verschwunden.
Malte Puls, Operndirektor der Volksoper Wien, sollte am 9. November an einem 45-minütigen Diskussionspanel zum Thema »Casting and the opera scene in Vienna« teilnehmen. Einen solchen Austausch hält er grundsätzlich für sinnvoll. Es liege im Interesse der Opern- und Musiktheaterschaffenden, miteinander darüber zu sprechen, wie sich die Gemeinschaft organisiere und kommuniziere. Auf unsere Anfrage antwortete er allerdings auch: »Die Teilnahmegebühr für BewerberInnen war mir nicht bekannt, danke, dass Sie mich darauf hinweisen.« Als Konsequenz hat Puls seine Teilnahme am Opera Lab inzwischen ebenfalls zurückgezogen. Es sei ihm sehr wichtig, deutlich zu machen, »dass weder ich noch die Volksoper irgendeine Art von Zugang zu Engagements oder Möglichkeiten zu Vorsingen über externe oder gewerbliche Kanäle gewähren«.
Und hier liegt der Knackpunkt in der Werbung des Opera Lab: Es geht nicht nur darum, ob tatsächlich Engagements vermittelt werden, es geht auch um den Anschein, Zugang zu denen »kaufen« zu können, die Engagements vergeben.
Talent gesucht – nicht die Kreditkarte
Nun ist es nicht verboten, den Zugang zu Netzwerken gegen Geld zu öffnen. Niemand behauptet, dass die Zahlung von 1.099 Euro anschließend zu einer Rolle an der Volksoper, in Stuttgart oder in Salzburg führt. Auf der Seite des Opera Lab wird das explizit erklärt. Und natürlich hat ein privater Veranstalter das Recht, für ein aufwendiges Seminar Geld zu verlangen. Räume, Organisation, Coachings, Technik und Material kosten Geld. Aber all das ist nicht das Problem.
Und natürlich gibt es auch ganz andere Möglichkeiten für junge Sängerinnen und Sänger, mit der Welt der Oper in Kontakt zu kommen – ganz ohne Gebühr. Etwa bei Wettbewerben wie Neue Stimmen von der Bertelsmann-Stiftung.
Wenn Vertreter staatlich finanzierter Opernhäuser Teil der Prinzip-Umkehr werden, muss man fragen, ob hier nicht etwas grundsätzlich aus den Fugen gerät. Denn wenn die Oper eine Zukunft haben soll, müssen junge Sängerinnen und Sänger ihr vertrauen können. Ihren Hochschulen. Ihren Theatern. Und ihren Agenturen. Sie müssen darauf vertrauen können, dass diese Institutionen Talente suchen, fördern und in sie investieren. Vielleicht müssen wir das Geschäftsmodell einfach wieder vom Kopf auf die Füße stellen: Theater müssen Sänger suchen. Agenturen müssen in Künstler investieren. Nicht umgekehrt.
Schließlich sollen Talente gesucht werden – nicht ihre Kreditkarten.

