Klassik im Fernsehen wird immer seltener. Das liegt zum einen an Sparmaßnahmen, zum anderen aber auch an undurchsichtigen Finanzierungsmodellen. Werden bald nur noch Konzerte von Veranstaltern übertragen, die mitbezahlen oder selber produzieren? Eine Spurensuche.
So etwas wie ORF III gibt es in Deutschland nicht: einen Sender, der andauernd Produktionen aus Theatern und Konzerthäusern zeigt, dazwischen ein breitgefächertes Kulturprogramm. Doch was auf den ersten Blick gut aussieht, hat in den vergangenen Monaten einige Dellen bekommen: Recherchen von »Der Standard« und dem Podcast »Die Dunkelkammer« haben ein System offengelegt, bei dem Unternehmen, Verbände und Institutionen Produktionen finanziert haben, die anschließend im öffentlich-rechtlichen Programm gelaufen sind.
So sollen die Vereinigten Bühnen Wien für eine sechsteilige Reihe über sich selbst rund 25.000 Euro Produktionskosten getragen haben. Der ORF zahlte dem Produzenten für die sechs Folgen angeblich lediglich 600 Euro inklusive Umsatzsteuer und erhielt dafür die Senderechte. Für eine Dokumentation zum 100-jährigen Bestehen der Österreichischen Bundesbahn übernahm das Unternehmen selber rund 50.000 Euro Produktionskosten; der ORF zahlte nach eigenen Angaben lediglich 1.500 Euro Lizenzgebühr.
Wer zahlt, kommt vor?
ORF III-Chef Peter Schöber erklärte noch 2024 auf die Frage, ob Festivals für Übertragungen auf ORF III bezahlen müssten, dass man lediglich die »technischen Gestehungskosten« mit den Veranstaltern abstimme, und versicherte: »Man muss bei uns nichts zahlen, damit man vorkommt.« Doch nach den Recherchen wurde reagiert: Produktionen mit Drittmittelfinanzierung werden im ORF nun besonders geprüft. Außerdem wurde Schöber als Geschäftsführer abberufen und beurlaubt. ORF-Generaldirektorin Ingrid Thurnher erklärte, es seien »in vielfacher Hinsicht Verhaltensweisen gezeigt worden, die mit der Funktion einer Führungskraft im ORF nicht vereinbar sind«.
All das wirft eine grundlegende Frage auf: Hilft ein Kultursender, der mit den Methoden von ORF III arbeitet, eigentlich wirklich der Kultur? Oder ist er ein Billigproduzent, der am Ende lediglich von den Kulturinstitutionen selber profitiert? Wird hier ein Kultur-Dumping betrieben? Und was bedeutet das für das Programm: Kommen Häuser, die mitzahlen, eher im Fernsehen vor als jene, die sich das nicht leisten können? Hat das Einfluss auf redaktionelle Entscheidungen?
Auch bei Theaterproduktionen von ORF III gibt es unkonventionelle Finanzierungsmodelle: Beim Musiktheater Linz funktioniert die Rechnung nach Informationen von BackstageClassical mutmaßlich so: Das Theater trägt einen wesentlichen Teil der Produktionskosten selber, der ORF beteiligt sich lediglich mit einer geringen Lizenzsumme.
Fernsehen auf Bestellung?
Im April 2022 hatte in Klagenfurt die Produktion »Nicht sehen« Premiere – ein Stück über den jahrzehntelangen Missbrauch durch den Kärntner Arzt Franz Wurst. Kurz vor der letzten Vorstellung entstand der Wunsch, die Aufführung auch im Fernsehen zu zeigen. Ein Insider erklärte BackstageClassical, dass auch der Landeshauptmann Interesse an einer Ausstrahlung gehabt habe und nur wenige Tage vor der Dernière eine Aufzeichnung noch möglich wurde – wohl auch, weil das Land Kärnten bereit war, sie spontan zu finanzieren. Für ORF III war in vielen Fällen offensichtlich klar: Wer gesendet wird, zahlt mit.

Beim größeren ORF-Sender, ORF 2, wird ebenfalls Klassik übertragen, hier aber ausgewählter und in erster Linie große Konzert- und Opernabende, etwa aus Grafenegg oder von den Salzburger Festspielen. Auf eine Anfrage von BackstageClassical nach den konkreten Finanzierungsmodellen dieser Produktionen ließ der ORF bis heute unbeantwortet.
Hier stellt sich auch noch eine ganz andere Frage: Wie ist die Nähe zwischen Veranstaltern und Sendern eigentlich journalistisch zu erklären? Bei den Salzburger Festspielen etwa tritt der ORF als »Hauptmedienpartner« auf und berichtet gleichzeitig journalistisch über das Festival. Das muss kein Widerspruch sein. Aber es wirft Fragen auf: Was bedeutet diese Partnerschaft finanziell? Wer trägt die Kosten der Übertragungen? Welche Leistungen tauschen Festival und Sender aus? Und wie wird die Partnerschaft von der journalistischen Berichterstattung getrennt? Auch hier: keine Antwort vom Sender.
Das deutsche Modell
Die Situation in Deutschland sieht anders aus, wirft aber ebenfalls Fragen auf. Auch hier gibt es Nischen, etwa bei ARTE Concert, wo Veranstalter sich offenbar an Übertragungen beteiligen können. Im Hauptprogramm fließt bei Koproduktionen das meiste Geld von den Sendern aber in die Medienproduktion und in die Übernahme der Rechte der Veranstalter.
Das ZDF selber ist bei seinen Programmkosten zunächst erstaunlich transparent: Musik- und Theaterevents kosten nach Angaben auf der Homepage des Senders »zwischen 50.000 und 900.000« Euro. Zu den aufwendigeren Produktionen zählt das ZDF ausdrücklich Klassik-Events mit Opern, Operetten und internationalen Stars wie Anna Netrebko oder Jonas Kaufmann.
Auffällig ist, dass die deutschen Sender überraschend häufig Produktionen ins Hauptprogramm übernehmen, die außerhalb des öffentlich finanzierten deutschen Theatersystems entstehen. Während Aufführungen aus Häusern wie der Bayerischen Staatsoper, aus Frankfurt oder Berlin im Hauptprogramm selten stattfinden, werden gern populäre Abende aus der Arena di Verona, Bregenz oder Salzburg übertragen. Gern auch mit »Stars« wie David Garrett.
Was bezahlt das ZDF?
Auf Nachfrage von BackstageClassical antwortet das ZDF, die Auswahl der Klassikproduktionen erfolge in einem »unabhängigen redaktionellen Prozess«. Bei Koproduktionen werde mit dem produzierenden Partner und Rechteinhaber ein Koproduktionsvertrag geschlossen. »Es gibt keinerlei weitere Zuwendung oder Mitfinanzierung der Veranstaltungen durch das ZDF; die Zusammenarbeit bezieht sich ausschließlich auf die Medienproduktion.«
Klingt eindeutig, beantwortet aber nicht die entscheidenden Fragen. Wie hoch ist der Koproduktionsanteil des ZDF? Wie teuer ist die gesamte Medienproduktion? Wer bezahlt den Rest? Veranstalter, Produktionsfirma, Sponsoren oder weitere Sender? Und vor allem: Spielt es bei der Entscheidung, welches Konzert ins Fernsehen kommt, eine Rolle, ob andere Partner einen Teil der Veranstaltungskosten übernehmen?
Interessant ist all das besonders bei den Konzerten, die das ZDF (und ARTE) aus Neuschwanstein überträgt. Im Innenhof des Märchenschlosses plant man vor einem sehr kleinen Publikum auf durchaus großem Fuß: Ganze Orchester spielen auf, dazu kommen teure Klassik-Stars wie Jonas Kaufmann oder Omer Meir Wellber. Das alles wirkt ziemlich ambitioniert für ein kleines Festival mit vergleichsweise geringer öffentlicher Förderung.
Das Modell Neuschwanstein
Hier ist Matthias Greving gemeinsam mit Trixi Steiner für die künstlerische Leitung verantwortlich. Greving ist gleichzeitig aber auch Geschäftsführer der Kinescope Film GmbH, die auch die Fernsehproduktion übernimmt. Künstlerische Leitung und TV-Produktion liegen damit zumindest teilweise in denselben Händen.
Das ZDF betont, es finanziere ausschließlich die »Medienproduktion«. Aber was bedeutet das? Natürlich gehören Kameras, Bildregie, Ton, Schnitt und Übertragungswagen nicht zur Gage von Jonas Kaufmann. Aber wenn der künstlerische Leiter eines Konzertfestivals zugleich Geschäftsführer der Produktionsfirma ist, mit der das ZDF einen Koproduktionsvertrag abschließt, wäre schon interessant zu wissen, wie viel öffentlich-rechtliches Geld innerhalb dieses Gesamtprojektes fließt. Oder anders: Hat es ein Festival leichter, übertragen zu werden, wenn der künstlerische Leiter gleichzeitig Produzent von Konzertfilmen ist?
Und könnte sich ein vergleichsweise kleines Festival wie Neuschwanstein einen Star wie Jonas Kaufmann auch ohne die Fernsehkoproduktion leisten? Oder ermöglicht die Aussicht auf ZDF und ARTE erst eine andere wirtschaftliche Kalkulation – und damit vielleicht auch ein anderes Programm? Dann würde Fernsehen nicht nur darüber entscheiden, welche Kultur sichtbar wird, eine TV-Kooperation könnte auch Einfluss darauf haben, welche Kultur überhaupt finanzierbar wird.
Das ZDF grenzt die »Medienproduktion« offiziell von der eigentlichen Veranstaltung ab: Hier die Kultur, dort lediglich ihre technische Herstellung fürs Fernsehen. Die Geldströme aber bleiben intransparent.
Wenn das Geld knapper wird
Dass Transparenz ausgerechnet in Zeiten massiver Sparmaßnahmen fehlt, ist besonders ärgerlich. Beim ORF fallen ab 2027 jährlich rund 93 Millionen Euro durch den Wegfall der Kompensation für den Vorsteuerabzug weg. Besonders hart könnte es ORF III treffen. Nach Medienberichten soll dessen Programmbudget von rund 15 auf etwa acht Millionen Euro sinken. Auswirkungen auf die Programmproduktion sind unumgänglich.
Die drohenden Sparmaßnahmen werden nicht nur die Theater und Orchester berühren, sondern das ganze System, das Klassik-Produktionen erst ermöglicht. Im Zentrum stehen dabei bisher die Produzenten: Besonders für einen großen Player wie Unitel könnte es schmerzhaft werden. Die Firma produziert Opern und Konzerte für den internationalen Fernseh- und Streamingmarkt, bündelt Rechte und bringt Sender, Opernhäuser und Festivals zusammen. Auch dieses Geschäftsmodell hängt entscheidend davon ab, dass irgendjemand zahlt. Was passiert, wenn ARTE, ZDF oder ORF ihre Koproduktionsanteile reduzieren? Springen dann die Opernhäuser und Orchester ein? Neue Sponsoren? Oder werden schlicht weniger Aufführungen produziert?
Ernst Buchrucker von Unitel beobachtet bereits, dass die »Finanzierung der Produktionen aus dem Weltbetrieb immer schwerer werden, da TV Sender immer weniger Geld und Slots haben.« Viele würden inzwischen nur noch nationale Produkte zeigen, aber die ließen sich natürlich schwerer finanzieren. Was ORF III betrifft, hofft Buchrucker, dass »sich die Situation in den nächsten Wochen sortiert.«
Die Öffentlichkeit zahlt zweimal
Derzeit ist der eigentliche Deal eigentlich dieser: Jeder Haushalt in Deutschland bezahlt Rundfunkgebühren. Dafür sind die Sender in der Pflicht, ihrem Kulturauftrag nachzukommen. Gleichzeitig bezahlen wir über Steuern aber auch Opernhäuser und Theater. Wenn diese Theater aus ihren öffentlichen Etats wiederum Geld aufbringen müssen, damit öffentlich-rechtliche Sender ihre Aufführungen zeigen, entsteht eine bemerkenswerte Konstruktion: Die Öffentlichkeit bezahlt auf beiden Seiten der Kamera.
Vielleicht ist daran nichts falsch. Vielleicht ist Koproduktion sogar die vernünftigste Möglichkeit, teure Kulturproduktionen einem großen Publikum zugänglich zu machen. Aber gerade dann sollte sie transparenter sein, als sie derzeit ist. Denn am Ende geht es nicht allein um Geld. Es geht um eine ziemlich einfache öffentlich-rechtliche Frage: Entscheidet die Redaktion wirklich allein inhaltlich, welche Kultur wir im Fernsehen sehen – oder geht es zunehmend um die Frage, wer sich das Fernsehen überhaupt noch leisten kann?

