Salzburg habet Papam

September 16, 2026
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Peter de Caluwe (Foto: Stuttgarter Staatsoper)

Die Salzburger Festspiele stehen offenbar vor einer überraschenden Entscheidung: Peter de Caluwe soll neuer Intendant und damit Nachfolger von Markus Hinterhäuser werden.

BackstageClassical hatte das bereits im letzten Newsletter spekuliert, nun bringen es auch die »Salzburger Nachrichten«. Demnach sind Barrie Kosky und Sophie de Lint in der Nachfolge von Markus Hinterhäuser bei den Salzburger Festspielen wohl aus dem Rennen. Eine offizielle Bestätigung steht bislang allerdings noch aus.

Damit würde das Auswahlverfahren eine neue Wendung nehemen, in dem lange Barrie Kosky als Favorit galt. Nun scheint sich das Blatt gedreht zu haben. De Caluwe war von 2007 bis 2025 Intendant des Brüsseler Opernhauses La Monnaie/De Munt. Sollte sich die Nachricht bestätigen, würde er die Salzburger Festspiele am 1. Oktober 2027 übernehmen. Bis dahin führt Karin Bergmann das Festival interimistisch.

Die Personalie wäre auch deshalb bemerkenswert, weil in den vergangenen Wochen immer wieder über neue Führungsmodelle und insbesondere über eine mögliche Doppelspitze spekuliert worden war. Nach dem aktuellen Stand läuft nun offenbar alles auf eine klassische Lösung hinaus: Peter de Caluwe als alleiniger Intendant.

Am Dienstagabend dürften, so berichtet es nun die APA, Verhandlungen über die genauere Ausgestaltung der Verträge und der Aufgabenverteilung von de Lint und Kosky geplatzt sein. Mehrere Medien hatten zuvor geschrieben, dass sich abzeichne, dass die 52-jährige, aus Rotterdam stammende de Lint als Intendantin bestellt werde und der 59-jährige, aus Australien gebürtige Kosky aufgrund zahlreicher Regieverpflichtungen nur der Titel eines »Co-artistic-Director« zukommen werde.

Am frühen Mittwochnachmittag berichteten dann zunächst die »Salzburger Nachrichten« online, dass die Gespräche eine neue Wendung genommen hätten: »Offenbar sind Sophie de Lint und Barrie Kosky nicht mehr im Rennen. Stattdessen dürfte Peter de Caluwe, der frühere Intendant der Oper Monnaie in Brüssel, bestellt werden, und zwar als alleiniger Intendant.«

De Caluwe ist in Salzburg kein Unbekannter – und auch die Bewerbung um die Intendanz ist für ihn nicht neu. Bereits 2013 bewarb er sich um die Nachfolge von Alexander Pereira und schaffte es damals in die engste Auswahl. Am Ende setzte sich Markus Hinterhäuser durch.

De Caluwe leitete von 2007 bis 2025 die Brüsseler Oper La Monnaie/De Munt und profilierte das Haus mit einem ambitionierten Musiktheater, starken Regiehandschriften und internationaler Ausstrahlung. Zweimal wurde La Monnaie während seiner Amtszeit zum »Opernhaus des Jahres« gewählt, de Caluwe selbst in Belgien zum »Manager des Jahres«. Dreizehn Jahre nach dem ersten Anlauf könnte er nun ausgerechnet Hinterhäusers Nachfolger werden.

Kommentar:

Gehen wir einmal davon aus, dass Peter de Caluwe neuer Festspielintendant in Salzburg wird. Dann zeigt das allerhand.
Erst einmal: dass die Findungskommission sehr gut gearbeitet hat. Denn der Name stand – außer bei uns 🙂 – auf kaum einem Plan.
Dabei ist de Caluwe eine logische Wahl: Er hatte sich damals gegen Hinterhäuser noch nicht durchgesetzt, aber in der Zwischenzeit in Brüssel immer wieder gezeigt, was er kann: bestes Opernhaus, bester Manager! Passt.
Ein wenig zum Schmunzeln ist, wie sehr viele österreichische Medien im Dunkeln getappt sind: Der »Kurier« hatte noch bis zuletzt erklärt, de Lint und Kosky würden die Sache reißen, und niemand lag so sehr daneben wie die »Kronen Zeitung«, die zunächst aus dem Nichts Lotte de Beer ins Spiel brachte und dann ebenfalls bis zuletzt ihren Leserinnen und Lesern Barrie Kosky verkaufte. Und natürlich auch ganz vorn dabei im lauten Ratespiel: Heinz Sichrovsky von »News«.
Glaubt man den Berichten, sind die Verhandlungen mit de Lint und Kosky eventuell auch auf der Zielgeraden gescheitert, weil die Bewerbung eher eine Art Steigbügel-Bewerbung war. De Lint fuhr auf Koskys Ticket, und der hätte sich an ihrer Seite einige Inszenierungen gesichert. Daraus wird nun wohl nichts. Passt.
So mancher Journalist in Österreich wird nun aus dem Hintern, auf den er bereits gesetzt hatte, wieder herauskriechen und einen neuen suchen müssen. Vorher aber tackert er seinem Ex-Intendanten vielleicht noch einen weiteren Operettenorden an.
Die aktuelle Entwicklung bei den Salzburger Festspielen zeigt uns auch dass seriöser Journalismus, der auf Fakten und Hintergrundwissen basiert, in der Kultur selten geworden ist. Schon beim Streit um das Verhalten von Markus Hinterhäuser war vieles in erster Linie: Stimmung. Es gibt viele Seilschaften und viele, präpotente Wichtigtuer.
Die Salzburger Findungskommission hat sich durch all das offenbar nicht irritieren lassen. Passt.

Axel Brüggemann

Transparenz: Der Artikel wurde am 16.September um 14:32 erweitert.

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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