Vergessen, verschollen, nie aufgeführt: Die Ruhrtriennale holt mit Charles Tournemire und Roman Padlewski zwei fast ausgelöschte Komponisten zurück ins Licht – und macht daraus einen der musikalisch stärksten Abende des Festivals.
Es ist die Wiederentdeckung eines lange vergessenen Solitärs: Nachdem das Theater Ulm in den vergangenen Jahren die beiden letzten Opern von Charles Tournemire rund 90 Jahre nach ihrer Entstehung erstmals auf die Bühne gebracht hat, legt die Ruhrtriennale nun noch ein »neues« Werk des französischen Komponisten nach. Auch sein gut 70-minütiges Passionsoratorium »La douloureuse passion du Christ« op. 72 ist zu Lebzeiten nie erklungen.
»Erased Music« heißt der Abend in der Jahrhunderthalle Bochum denn auch in passender Weise. Tournemires Passionsmusik trifft hier auf das 1939 entstandene »Stabat Mater« des polnischen Komponisten Roman Padlewski. Das Chorwerk Ruhr, Florian Helgath und die Bochumer Symphoniker machen daraus einen musikalisch packenden, makellos dargebotenen und höchst eindringlichen Abend. Spirituelle Tiefe inklusive, musikhistorischer Sprengstoff sowieso.
Zwei Komponisten, zwei vergessene Werke
Die Uraufführung von Charles Tournemires (1870–1939) Oratorium ist tatsächlich eine kleine musikhistorische Sensation. Der französische Organist, Komponist und Professor am Pariser Konservatorium wurde vor allem mit seinem monumentalen Orgelzyklus »L’Orgue mystique« bekannt: 253 Einzelsätze, inspiriert von mehr als 300 gregorianischen Gesängen, angesiedelt irgendwo zwischen Liturgie, Klangvision und utopischer Improvisationslust.
Ende der 1930er Jahre vertonte Tournemire die Passionsvisionen der seligen Anna Katharina Emmerick (1774–1824), einer westfälischen Mystikerin und Nonne. Ihre von Clemens Brentano aufgezeichneten Schilderungen vom Leiden Christi waren im 19. Jahrhundert weit verbreitet. Das Manuskript von Tournemires Oratorium jedoch verschwand in der Pariser Nationalbibliothek – bis der Münchner Organist Harald Feller es wieder ausgrub und edierte.
Fast zeitgleich lebte Roman Padlewski (1915–1944), polnischer Komponist, Geiger, Pianist, Musikwissenschaftler und Widerstandskämpfer. Vor dem Krieg hatte er sich bereits als Komponist profiliert, unter anderem mit Streichquartetten, Orchesteretüden und Liedern. Während der deutschen Besatzung engagierte er sich im Geheimen Musikerbund und nahm am Warschauer Aufstand teil. Im August 1944 wurde er verwundet und starb – gerade einmal 29 Jahre alt. Der größte Teil seines Œuvres ging in den Wirren des Aufstands verloren. Übrig blieben unter anderem das »Stabat Mater« von 1939, einige Streichquartette und Lieder.
Dieses »Stabat Mater« gilt als Padlewskis reifstes Werk. Es verbindet tiefen Glauben mit einer durchaus beklemmenden Ahnung menschlichen Leids – und wirkt heute, im Wissen um Padlewskis Schicksal, geradezu unheimlich gegenwärtig.
Tournemire: Mystik mit Widerhaken
Tournemires »La douloureuse passion du Christ« ist ein zutiefst katholisches, von Mystik durchtränktes Oratorium. Emmericks Visionen übersetzt der Komponist in eine expressive, bisweilen archaische und durchaus kantige Klangsprache. Die Musik steht mit einem Bein in der Spätromantik César Francks und Gabriel Faurés, mit dem anderen im französischen Orgelstil der Jahrhundertwende. Dazu kommen impressionistische und modale Farben, die bereits in Richtung Messiaen verweisen.
Das Werk ist durchkomponiert und kombiniert rezitativische Passagen, chorische Kommentare und solistische Reflexionen. Die Orgel ist dabei weit mehr als bloße Begleitung: Sie fungiert als klanglicher und spiritueller Motor des Geschehens.
In Bochum gelingt eine bemerkenswert gut austarierte Aufführung. Florian Helgath führt Chor und Orchester mit klarer Artikulation und feinem Gespür für dynamische Übergänge. Die großen Ausbrüche – etwa in den Kreuzigungsszenen – haben Wucht, ohne aus dem Ruder zu laufen. Auch die für Tournemire typischen monodischen Passagen behalten ihre Spannung.
Die Solisten – Jérôme Boutillier als »Voix du Christ«, Axelle Saint-Cirel als Erzählerin und Enguerrand de Hys – verbinden textliche Präzision mit emotionaler Intensität. Christian Schmitt entlockt der Orgel einen warmen, tragenden Klang und setzt zugleich markante expressive Akzente. Das verstärkt die liturgisch-spirituelle Atmosphäre des Werks erheblich. Ohne Weihrauchnebel, aber mit Wirkung.
Padlewski: Ein Stabat Mater ohne Netz
Die zweite Entdeckung des Abends ist Padlewskis »Stabat Mater« für gemischten Chor a cappella. Hier gibt es kein Orchester, keine Orgel, keinen klanglichen Sicherheitsgurt – nur den menschlichen Chor und eine Musik von schlichter, konzentrierter Eindringlichkeit.
1939, am Vorabend des Zweiten Weltkriegs komponiert, verbindet das Werk Elemente traditioneller polnischer Chormusik mit persönlicher Glaubensgewissheit und der Vorahnung des Kommenden. Das Chorwerk Ruhr singt mit glasklarem Klang, lupenreiner Intonation und fein abgestuften dynamischen Schattierungen. Helgath stellt die Textverständlichkeit und unmittelbare Wirkung der Musik heraus, ohne sie mit Sentimentalität zuzukleistern.
So wird die Aufführung zu einem bewegenden Gedenken an einen Komponisten, dessen Leben und Werk durch Krieg und Gewalt beinahe ausgelöscht wurden. Ein musikalisches Gebet ist dieses »Stabat Mater« tatsächlich – allerdings eines, das ohne falsches Pathos auskommt.
Wenn das Vergessene wieder hörbar wird
Mit »Erased Music« hat die Ruhrtriennale eine Konzertreihe etabliert, die vergessene, verdrängte oder von der Geschichte beinahe ausgelöschte Stimmen wieder hörbar machen will. In Bochum wird daraus mehr als eine pflichtschuldige Wiederentdeckung aus dem musikwissenschaftlichen Archiv. Der Abend ist Gedenkkonzert, Ausgrabungsarbeit und Appell zugleich.
Tournemires spätromantisches Passionsoratorium und Padlewskis konzentriertes »Stabat Mater« ergänzen sich dabei erstaunlich gut: zwei Komponisten aus unterschiedlichen musikalischen Welten, verbunden durch Glauben, Leid und die brutale Macht der Geschichte. Beide Werke waren lange stummgeschaltet – und erweisen sich nun als ausgesprochen lebendig.
Die Aufführung zeigt deshalb nicht nur, dass sich solche Wiederentdeckungen musikhistorisch lohnen. Sie können auch unmittelbar berühren. Musik verliert ihre Kraft eben nicht automatisch, nur weil sie ein paar Jahrzehnte im Archiv versauert ist.
Zwischen Entdeckungen und Großspektakel
Die Ruhrtriennale 2026 präsentiert sich unter der letzten Intendanz von Ivo van Hove (2024–2026) als internationales, spartenübergreifendes Festival mit Musiktheater, Tanz, Performance, Konzerten und Installationen an elf industriellen Spielstätten im Ruhrgebiet. Das Presseecho fällt allerdings ziemlich durchwachsen aus.
»Rebel Rebel« mit Musik von David Bowie wird musikalisch gelobt, dramaturgisch jedoch ist die Bilanz eher mau. Das Publikum lässt sich davon nicht sonderlich beeindrucken und hat trotzdem seinen Spaß. Es gab sogar Zusatztermine. »Emily – No Prisoner Be« von Kevin Puts mit Joyce DiDonato sowie »RI TE« von Marlene Monteiro Freitas und Israel Galván überzeugen musikalisch und choreografisch und treffen auch emotional einen Nerv.
Marina Abramovićs Großperformance »Balkan Erotic Epic« spaltet dagegen die Gemüter. Sie ist zweifellos medienwirksam, wirkt auf manche Beobachter aber künstlerisch enttäuschend, zerfasert und ziemlich jahrmarktartig.
Van Hoves letzter Jahrgang bleibt damit ambitioniert, international und publikumsnah. Zugleich gibt es Kritik an einer gewissen Mainstream-Schlagseite und an dramaturgischen Schwächen einzelner Produktionen. Unterm Strich ist die Ruhrtriennale 2026 ein Festival mit starken musikalischen und tänzerischen Momenten – aber auch mit einigen Großprojekten, bei denen viel Getöse nicht automatisch viel Kunst ergibt.

