Liebe Findungskommission,

September 16, 2026
1 min read
Entscheiden über Salzburgs Zukunft: Sonja Anders, Nora Schmid, Franz Welser-Möst, Christian Kircher.

Gehen wir einmal davon aus, dass Peter de Caluwe neuer Festspielintendant in Salzburg wird. Dann zeigt das allerhand.

Erst einmal: dass die Findungskommission sehr gut gearbeitet hat. Denn der Name stand – außer bei uns 🙂 – auf kaum einem Plan.

Dabei ist de Caluwe eine logische Wahl: Er hatte sich damals gegen Hinterhäuser noch nicht durchgesetzt, aber in der Zwischenzeit in Brüssel immer wieder gezeigt, was er kann: bestes Opernhaus, bester Manager! Passt.

Ein wenig zum Schmunzeln ist, wie sehr viele österreichische Medien im Dunkeln getappt sind: Der »Kurier« hatte noch bis zuletzt erklärt, de Lint und Kosky würden die Sache reißen, und niemand lag so sehr daneben wie die »Kronen Zeitung«, die zunächst aus dem Nichts Lotte de Beer ins Spiel brachte und dann ebenfalls bis zuletzt ihren Leserinnen und Lesern Barrie Kosky verkaufte. Und natürlich auch ganz vorn dabei im lauten Ratespiel: Heinz Sichrovsky von »News«.

Glaubt man den Berichten, sind die Verhandlungen mit de Lint und Kosky eventuell auch auf der Zielgeraden gescheitert, weil die Bewerbung eher eine Art Steigbügel-Bewerbung war. De Lint fuhr auf Koskys Ticket, und der hätte sich an ihrer Seite einige Inszenierungen gesichert. Daraus wird nun wohl nichts. Passt.

So mancher Journalist in Österreich wird nun aus dem Hintern, auf den er bereits gesetzt hatte, wieder herauskriechen und einen neuen suchen müssen. Vorher aber tackert er seinem Ex-Intendanten vielleicht noch einen weiteren Operettenorden an.

Die aktuelle Entwicklung bei den Salzburger Festspielen zeigt uns auch dass seriöser Journalismus, der auf Fakten und Hintergrundwissen basiert, in der Kultur selten geworden ist. Schon beim Streit um das Verhalten von Markus Hinterhäuser war vieles in erster Linie: Stimmung. Es gibt viele Seilschaften und viele, präpotente Wichtigtuer.

Die Salzburger Findungskommission hat sich durch all das offenbar nicht irritieren lassen. Passt.

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

Fördern

Artikel auf BackstageClassical sind kostenlos. Wir freuen uns, wenn Sie unabhängigen Klassik-Journalismus fördern.

Mehr aktuelle Artikel

Salzburg habet Papam

Die Salzburger Festspiele stehen offenbar vor einer überraschenden Entscheidung: Peter de Caluwe soll neuer Intendant und damit Nachfolger von Markus Hinterhäuser werden.

Mehr Geld für Berliner Philharmoniker

Mehr Geld für die Berliner Philharmoniker: Der Bund erhöht seine Förderung und beteiligt sich mit 225 Millionen Euro an der Generalsanierung der Philharmonie. Das soll Planungssicherheit schaffen.

Chopin gehört Sony… 

... das jedenfalls behauptet die KI von Instagram. Dumm nur: Die Aufnahme, die sie wegen einer angeblichen Urheberrechtsverletzung sperrt, gehörte unserem Autoren: Werner Dabringhaus vom Label MDG.

Macbeth trifft Mäc-Geiz

Die Hamburgische Staatsoper verspricht mit Tobias Kratzers neuem »Macbeth« einen finsteren Machtkrimi. Auf der Bühne wird daraus eine royale Telenovela im Teppichboden-Wohnzimmer. Und im Graben? Verdi mit Friesennerz und einer Portion hanseatischer

Babyalarm in Leipzig

Ein Baby krabbelt während Schostakowitsch an den Bühnenrand, die Mutter dirigiert mit, 1.900 Menschen schauen fassungslos zu. Ein denkwürdiger Abend im Leipziger Gewandhaus.

Rechnet sich das?

Die Berliner Philharmoniker lassen ihren Wert berechnen: zwei bis drei Milliarden Euro. Was passiert, wenn Kultur beginnt, sich mit Rendite, Reichweite und Wirtschaftskraft zu rechtfertigen? Wer den Taschenrechner hervorholt, muss damit rechnen,

Lieber Justus Frantz,

Justus Frantz soll in der Gepäckausgabe am Flughafen Lübeck spielen – das passt ins Bild: Überzeugungen verleihen Flüüüüüügel!