Peter de Caluwe soll Intendant der Salzburger Festspiele werden. Das ist mehr als ein Personenwechsel: Es ist das Ende eines Systems der alten Salzburger Seilschaften. Ein Kommentar von BackstageClassical-Herausgeber Axel Brüggemann
Nur wenige hatten ihn auf dem Schirm: Peter de Caluwe wird neuer Intendant der Salzburger Festspiele. Seine Ernennung ist mehr als eine Personalie. Sie markiert das Ende einer Ära. Nicht nur der Ära Markus Hinterhäuser. Sondern das Ende einer Ära der Salzburger Seilschaften.
Peter de Caluwe zu wählen bedeutet auch die Abwahl des alten Systems Salzburg. Die Chance ist groß, dass die Zeit von Journalistinnen und Journalisten vorbei ist, die einen Intendanten hofieren, weil der ihnen die Türen zu kleineren oder größeren Geschäften eröffnete. Vorbei auch die Zeit der ewig gleichen Namen: Castellucci, Sellars oder Currentzis.
Dass die Verhandlungen mit Barrie Kosky und Sophie de Lint am Ende gescheitert sind: Auch das ist ein Zeichen, dass das Festspiel-Kuratorium sich vom vermeintlichen Geniekult emanzipiert. Keine Steigbügelhalter-Intendanz, keine Festspielleitung inklusive eigener Regiearbeiten. Keine Garantie für künstlerische Seilschaften. Barrie Kosky gehörte ebenfalls zum alten System Salzburg. Zu jenem System, das nun abgesetzt wurde.
Es ist symptomatisch, wie Zeitungen, die heute Morgen noch vollkommen ins Blaue getitelt haben, dass Kosky der neue Intendant wird, nun, da sie melden mussten, dass es de Caluwe wird, die Schuld nicht in ihrer unseriösen Arbeit suchen, sondern bei: »der Politik«.
Doch gerade »die Politik« hat die letzten Monate eigentlich einen kühlen Kopf bewahrt. Man hat sich von Markus Hinterhäuser auch aufgrund seiner Führungsschwäche getrennt. Erst hat er protestiert, dann wurde ein einvernehmlicher »Deal« geschlossen. »Die Politik« behielt auch dann noch einen kühlen Kopf, als die Hinterhäuser-Jünger alles daransetzten, sie als kulturferne Provinzler zu diffamieren. If they go low, we go high.
Heute zeigt sich: Provinziell war vor allem das Benehmen der präpotenten Claqueure. Provinziell sind Journalisten, die sich von Hinterhäusers Festspielen anheuern lassen und dann – ohne ihre Leser das wissen zu lassen – für den Intendanten in die Schlacht ziehen. Vielleicht auch, weil es ihnen am Ende eben nicht allein um den Verbleib Hinterhäusers ging, sondern darum, dass sie ihre eigene Nähe zu seiner Macht mit ihrer eigenen Macht verwechselten.
»Die Politik« ließ sich durch all das nicht beirren. Karoline Edtstadler und die Findungskommission spielten ihr Kulturschach mit eiskaltem Händchen zu Ende. Jede emotionale Volte ihrer Gegner sollte am Ende zum Bumerang werden. »Die Politik« nahm zu keiner Zeit Einfluss auf die Kunst. »Die Politik« hat gehandelt, um die Festspiele und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu schützen. Und »die Politik« hat sich auch am Ende der Verhandlungen nicht erpressen lassen.
Es war auffällig, wie viele der alten Hinterhäuser-Fans sich in den letzten Wochen bereits in die Nähe von Barrie Kosky begeben hatten, um ihre Rolle als »graue Eminenz« weiterzuspielen. Sie haben offenbar fest damit gerechnet, dass der neue König das gleiche Spiel spielt wie der alte: das Spiel des Hofstaates. Man kann nur hoffen, dass Peter de Caluwe seinen Hintern in den nächsten Wochen und Monaten fest zusammenkneift, damit die alten Strippenzieher nicht auch dort wieder Unterschlupf finden.
Peter de Caluwe hat in Brüssel gezeigt, dass er neue Talente finden kann, dass er aktuelle Tendenzen aufspüren kann und gleichzeitig an das große, magische Gesamtkunstwerk Theater glaubt. Auch künstlerisch wird es also einen Aufbruch geben – trotz (oder wegen) des Umbaus!
Klar, die Kommission hätte durchaus auch mutiger sein können. Mit Kristina Hammer wurde eine Präsidentin verlängert, deren Unterschrift zum Beispiel auch auf der gescheiterten Klageschrift gegen journalistische Meinungsäußerungen (besonders gegen Texte bei BackstageClassical) stand. Eine Präsidentin, die nach außen lächelte und eher in den Hinterzimmern sicherlich auch Strippen zog. Hatte sie nun ein Dossier gegen Hinterhäuser in der Hand oder nicht? Niemand weiß nichts Genaues. Alles nur Geraune.
Die alte neue Präsidentin ist auf jeden Fall eine nicht zu unterschätzende Machtspielerin. Es dürfte eine Frage der Zeit sein, bis sie auch am Stuhl des Hinterhäuser-Intimus und kaufmännischen Geschäftsführers Lukas Crepaz sägt. Nicht unwahrscheinlich, dass er lieber freiwillig hinschmeißt.
Sicher ist: Mit der Ernennung von Peter de Caluwe ist die Ära Markus Hinterhäuser nicht nur für ihn selbst zu Ende gegangen, sondern für das gesamte, unschöne System, das er in den letzten Jahren etabliert hat. Und, ja, einige werden alles daransetzen, den Neuanfang aus dem Café Tomaselli schlechtzureden und dem Neuen Steine in den Weg zu legen. Aber: Ihre Waffen sind inzwischen stumpf. Keiner hört Opi noch lange zu, wenn er uns erklären will, dass damals alles besser war.
Bleibt vor allen Dingen eine Hoffnung: Wolfgang Rihm soll gesagt haben, als Markus Hinterhäuser sein Amt angetreten hat, dass er bedenken solle, dass ein Intendant nicht nur den Charakter der Festspiele verändert, sondern die Festspiele auch den Charakter ihres Intendanten.

