Pathos mit Pailletten

Juni 9, 2026
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Die Preisträgerinnen und Preisträger des Belvedere Wettbewerbs (Foto BC)

Was erwarten junge Stimmen von der Oper? Was Intendantinnen und Intendanten? Eine Spurensuche beim Belvedere-Wettbewerb, bei dem viel Gestern im Morgen steckt. 

English summary: At the Belvedere Competition in Jūrmala, many young singers cling to outdated operatic ideals. Power and pathos dominate, while nuance and risk remain rare. The result: a forward-looking art form that often sounds stuck in the past.

Einige Kilometer nordöstlich von Riga liegt der Ferienort Jūrmala: eine Einkaufsstraße, romantische, bunte Holzhäuser und ein unendlich langer Ostseestrand. Ein beliebtes Örtchen für Wochenendausflüge und Hochzeitsgesellschaften. Hier in der Nähe wurde Elīna Garanča geboren, ihre Mutter unterrichtete Musik am Konservatorium von Riga. Bald kommt sie für ein Konzert nach Jūrmala. Ein Heimspiel.

Bereits zum vierten Mal findet hier auch der Belvedere-Gesangswettbewerb statt. Gegründet vom ehemaligen Wiener Kammeroper-Intendanten Hans Gabor. In den letzten 44 Ausgaben ist er von Wien in die ganze Welt gewandert und macht inzwischen regelmäßig Station in Lettland.

Show für die zukünftigen Arbeitgeber

Das Besondere: Hier sitzen Leute aus den Opernhäusern in der Jury, Intendantinnen und Intendanten, Operndirektorinnen und Operndirektoren oder die Leitung der Opernstudios. Junge Stimmen haben – besonders in der Woche der letzten Runde – die Möglichkeit, sich zukünftigen Arbeitgebern vorzustellen. Am Finaltag gibt es zudem eine Jury für Journalistinnen und Journalisten. Ich sage derartige Einladungen selten zu. Aber ich kannte Riga nicht und war schlichtweg neugierig.

Die schnellste Erkenntnis ist: Riga ist jede Reise wert, Jūrmala eher ein Strandbad wie – sagen wir – Cuxhaven. Nur: ohne Ebbe und Flut. Aber deshalb war ich ja nicht da. 833 Sänger haben in der ganzen Welt vorgesungen, von Peking über Cape Town und Istanbul bis nach Houston. Neun standen am Sonntagabend noch auf der Bühne der Konzerthalle in Jūrmala, ein hölzerner Schuhkarton für 400 Menschen, dessen Ausgang direkt auf den Sandstrand der Ostsee führt. Ein kleiner Kasten, in dem ein großes Orchester ganz schön Krach machen kann.

Die Konzerthalle in Jurmala (Foto: BC)

Um es vorweg zu sagen, diese Veranstaltung hat bei mir für ganz verschiedene Gedankengänge gesorgt. Begonnen mit einer generellen Beobachtung, die ich auch schon bei Wettbewerben wie Neue Stimmen gemacht habe: Es ist erstaunlich (oder: erschreckend?), wie traditionell junge Sängerinnen und Sänger das Genre der Oper verstehen. Und zwar auf ganz unterschiedlichen Ebenen.

Schon Äußerlichkeiten wie die Klamotten verraten viel darüber, dass die Oper in der neuen Generation noch immer zum großen Teil im Gestern verharrt (oder: stehen geblieben ist?). Glitzerroben, Paillettenkleider und natürlich Smokings bei den Herren. Und so wie der äußere Schein klingt oft auch das vokale Verständnis: Überall schwingt ungefiltertes Opernpathos der 1980er Jahre mit. Man hört, dass junge Stimmen im Großteil der Welt noch immer mit Joan Sutherland, Montserrat Caballé, mit Leo Nucci, Hermann Prey, Nikolai Ghiaurov oder Luciano Pavarotti aufgewachsen sind – einige vielleicht auch mit Rolando Villazón, Roberto Alagna oder Anna Netrebko.

Foroz Razavi Aus dem Iran sang eine wohltuend zurückgenommene Rusalka. (Foto: Belvedere)

In der Regel geht es viel um Lautstärke, um möglichst ausschweifende Legati, lang gezogene Phrasen, um viel »Als ob«. Seltenheitswert haben Zurückhaltung, Understatement, Klugheit in der Gestaltung, Genauigkeit bei der Aussprache. Fast so, als hätte es eine Winterreise von André Schuen nie gegeben oder eine Charakterdarstellerin wie Asmik Grigorian oder, ja auch, eine Elīna Garanča. Ein Phänomen übrigens, das aus den Hochschulen zu kommen scheint. Immer wieder höre ich von Sängerinnen und Sängern, dass sie lernen, möglichst groß zu singen und zu agieren, weil das Publikum es sonst nicht mitbekommt.

Das Erstaunlichste aber ist, dass all das, was einem zuweilen vorkommt wie die Karikatur eines Opernsängers oder einer Opernsängerin, beim Publikum tatsächlich ankommt, vor allen Dingen aber auch bei der Fachjury, also bei jenen Leuten, die junge Stimmen engagieren. Oper scheint hier in Wahrheit eine ewige Wiederholung des Gestern zu sein, ein mondäner Eskapismus und ein Fest des Pathos.

Kluft zwischen Medien und Intendanten

Und so hätte die Wahl zwischen der Medienjury und der Fachjury kaum unterschiedlicher ausfallen können. Der koreanische Bassbariton Sungmin Park, der sich mit einem gepflegt abgehangenen Ella giammai m‘amo von Verdi präsentierte und den Wettbewerb gewann, und der drittplatzierte Son Jin Kim, der das Publikum mit dem donnernden Rossini-Schlager La calunnia begeisterte, schafften es in der Medienjury nicht unter die ersten drei Plätze. Allein Foroz Razavi aus dem Iran, die Dvořáks Rusalka mit einer ungemeinen Zurücknahme und Natürlichkeit interpretierte, in jeder Lage beweglich blieb und das Mondlicht nicht bis zum Kitsch aufdrehte, überzeugte sowohl die Medienjury (Platz 1) als auch die Fachjury (Platz 2).

Interessant, dass Häuser wie Wiesbaden auf einen Tenor wie Demetrious Sampson setzen, dessen Villazón-Vollgas-Imitationsstimme schon jetzt mehr als gefährdet scheint. Auch die Armenierin Arpi Sinanyan, die Verdis Tacea la notte aus dem Troubadour interpretierte und die bei mir auf Platz eins, in der Medienjury auf Platz zwei landete, kam bei den Juroren aus den Theatern nicht unter die ersten drei – allein das Opernhaus im Covent Garden verlieh ihr einen Sonderpreis.

Klar, Gesangswettbewerbe sind immer ein Roulette, und Juroren und Jurorinnen reisen oft mit unterschiedlichen Kriterien an: Sucht man junge, noch unfertige Stimmen, um sie zu fördern, oder erwartet man bereits reife Perfektion? Sucht man jemanden für einen gemeinsamen Weg oder für einen One-Night-Sing?

Die Armenierin Arpi Sinanyan gestaltete hochemotional und mit virtuoser Vielfalt (Foto: Belvedere)

Beim Belvedere-Wettbewerb stehen offensichtlich Engagements im Vordergrund (man wirbt mit einer Engagementquote von 69 Prozent bei den Finalisten). Und viele Häuser scheinen derzeit kaum Interesse daran zu haben, Stimmen aufzubauen, sondern wollen möglichst stimmstarke Publikumslieblinge engagieren: gern laut und voller überschäumendem Pathos.

An dieser Stelle kommt mir übrigens die alte Debatte zwischen GMD und Intendanten in den Sinn, die wir in den letzten Wochen an dieser Stelle geführt haben. Wo sind eigentlich die GMD bei diesen Vorsingen? Könnten sie nicht besser darüber entscheiden, welche Stimmen in ihre Ensembles und Opernstudios passen als ihre Intendanten? Werden sie einfach nicht geschickt? Oder haben sie keine Zeit?

Mein Resümee, nicht nur beim Belvedere-Wettbewerb, ist, dass auch Gesangswettbewerbe vielleicht einmal den Mut haben sollten, neu zu denken. Neue Stimmen macht das zum Teil, indem junge Sängerinnen und Sänger auch auf anderen Ebenen gefördert werden: Neben dem Wettbewerb gibt es Seminare für Stimmentwicklung, Marketing und andere Dinge, die an den Hochschulen nicht so wichtig genommen werden. Vielleicht hätten Wettbewerbe wie der Belvedere, die sich eher als Intendanten-Wettbewerbe verstehen, auch die Möglichkeit, genau hier anzusetzen und im Vorfeld viel intensiver zu debattieren: Wen wollen wir hier eigentlich fördern? Für welchen Weg? Wie können die einzelnen Häuser die Sängerinnen und Sänger dabei unterstützen? Wie entsteht ein Weg mit langem Atem statt ein Wettbewerb, der regelmäßig neue Gewinnerinnen und Gewinner ausspuckt?

Und wo bleibt das Positive?

Übrigens: Es gab natürlich auch beim Belvedere Stimmen, die durchaus Potenzial haben zu wachsen (oder in diesem Fall klug aufs Wesentliche zu schrumpfen): Die bereits genannte Arpi Sinanyan ist so eine Sängerin, aber auch die US-Amerikanerin Leah Bedenko, die Rossinis Una voce poco fa interpretierte, oder Elizabeth Hanje, der es für Puccinis Addio senza rancor vielleicht einfach nur an einer klugen Begleitung fehlte, die sie in Sachen Diktion und Gestaltung an die Hand nimmt.

Gesangswettbewerbe sind wichtig, um den Sprung von den Hochschulen in den Betrieb zu erleichtern. Sie sind eine großartige Plattform für Intendantinnen oder Intendanten (und noch einmal: warum nicht auch für GMD?), viele Stimmen in kurzer Zeit kennenzulernen. Aber vielleicht erscheinen einige der Sängerinnen und Sänger auch deshalb so traditionell verankert, weil ein Großteil der Jury genau das von ihnen zu erwarten scheint.

Ich persönlich würde mir Wettbewerbe und Jurys wünschen, die mehr die Zurückhaltung, den wissenden Zweifel, die Indifferenz und den individuellen Gestaltungscharakter erkennen und fördern. Wettbewerbe sind ein Blick in die Zukunft der Oper – und die sieht gerade ziemlich sehr nach gestern aus.

Transparenzhinweis: Axel Brüggemann ist auf Kosten des Belvedere-Wettbewerbs nach Jūrmala gereist.

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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