Alles muss besser werden!

Mai 6, 2024
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Lisa Batiashvili beim Europakonzert der Berliner Philharmoniker (Foto: Stephan Rabold)

Willkommen in der neuen Klassik-Woche,

heute dreht sich alles um die Arbeitsqualität an deutschen Bühnen, um Musik und Politik in Georgien und Russland, um die Tücken der Musik-KI und natürlich um die Feierlichkeiten zu Beethovens Neunter – der Neuntesten aller Neunten! 

Der Arbeitsplatz Theater muss besser werden

Im Vorfeld der Tarifverhandlungen machen die Präsidentin der Bühnengewerkschaft Lisa Jopt und der Präsident des Deutschen Bühnenvereins Carsten Brosda ihre Standpunkte klar: Kündigungs-Modelle, Berufungsverfahren, Gagen-Politik und die Verantwortung der Kulturpolitik. »Besonders, dass die Beschäftigung jedes Jahr aus künstlerischen Gründen aufgekündigt werden kann, ist ein Problem«, sagt Jopt im aktuellen Podcast Alles klar, Klassik? und warnt vor Sozialstress in Künstler-Familien. »Das sind die alltäglichen Situationen: ‚Du ziehst jetzt das Kostüm an, weil der Intendant das so will.‘ Oder: ‚Der Intendant inszeniert, da wird jetzt nicht viel diskutiert. Denn die Dramaturgin ist seine Frau…‘ All das sind sehr beklemmende Verhältnisse.« Und Brosda argumentiert: »Die Frage der Nichtverlängerung ist ganz entscheidend, sowohl, wenn es um die Frage von Kunstfreiheit geht, aber auch um die Frage der Sicherheit von Mitarbeitenden. Natürlich gibt es das Argument des Machtmissbrauchs, aber meine Sorge ist: Wenn wir die Schraube an dieser Stelle überdrehen, schaffen wir einige der unbefristeten Verhältnisse vielleicht ab.« Alle Argumente lesen Sie hier.

Kostenlos übers Regietheater abledern  

Vor einigen Tagen befand ich mich in einer absurden Staun-Schleife! Durch einen Facebook-Post wurde ich aufmerksam auf einen Text von Wilhelm Sinkovicz in Die Presse. Ein herrlicher Wutanfall gegen das Regietheater, mit dem – so der Autor – nun auch Österreichs Theater mit 180 Sachen an die Wand fahren würden. Sinkovicz rechnet vor allen Dingen mit München und der Ära Nikolaus Bachler ab: »In Wahrheit brauchte man an der Isar einen mutigen Schritt zurück zur Opernnatur. In Wien hat ihn in einem ähnlich kritischen Moment einst Eberhard Wächter gewagt und die Staatsoper damit einige Zeit lang vor dem Zusammenbruch bewahrt.« Die Leute bei Facebook haben diese reaktionäre Position abgefeiert und dann darüber gemeckert, dass der Artikel hinter einer Bezahlschranke sei. »Artikel scannen und der Vorsicht halber per Mail an Freunde senden«, riet einer. Ein anderer: »Feige von der Presse, das nicht frei zugänglich zu machen.« Und selbst eine Kollegin, die regelmäßig für den Deutschlandfunk arbeitet, kommentierte: »Ich verweigere mich den Bezahlschranken.« Also ich habe mir die  Ausgabe der Presse sofort gekauft und mich selten besser für mein Geld geärgert. Ich widerspreche Sinkovicz‘ Meinung zu 100 Prozent, aber mir war sie jeden Cent wert! Liebe Leute, können wir uns bitte einigen, dass Journalist ein Beruf ist, so wie Opernsänger oder Installateur, und dass eine Zeitung bezahlt werden muss, so wie ein Opernticket oder eine Klo-Reparatur? Also: Hier geht es zum Abo der Presse und hier können Sie für BackstageClassical spenden

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Musik und Politik I: Georgien

Auch diese Woche wurde wieder klar: Musik steht nicht außerhalb unserer turbulenten Welt. Die Berliner Philharmoniker haben ihr Europakonzert in Georgien mit der Geigerin Lisa Batiashvili gespielt und steckten mitten in den proeuropäischen Straßenprotesten. In einem Interview mit dem BackstageClassical-Podcast  »Guten Morgen, …« erklärt der Solocellist des Orchesters, Olaf Maninger: »Ich persönlich finde die politische Positionierung wichtig, weil sie in dieser Zeit unvermeidbar ist. (…) Wir haben das bereits in der Corona-Krise gesehen, dann im Krieg Russlands gegen die Ukraine, wir sehen das in Israel – man muss sich irgendwie positionieren. Und wir als Berliner Philharmoniker machen das tatsächlich auf Grund unserer Historie ganz automatisch.«

Musik und Politik II: Russland

Proteste gegen Netrebko
Proteste gegen den Auftritt von Anna Netrebko in Wiesbaden (Foto: Privat)

Spektakulär war die Absage des Konzertes von Anna Netrebko und ihrem Mann Yusif Eyvazov am 1. Juni im KKL in Luzern. Die Kantonsregierung nannte als Grund, dass man Unruhen im Vorfeld der Ukraine-Friedenskonferenz erwarte. Netrebkos Management zeigte sich enttäuscht und erklärte, dass die Sängerin sich klar gegen den Krieg positioniert hätte. In Wiesbaden wurde am Samstag derweil wieder gegen den Auftritt der Sängerin demonstriert – 400 friedliche Demonstrantinnen und Demonstranten kamen. Vielleicht ist es ja Zeit, auf allen Seiten abzurüsten, überlege ich in meinem Kommentar: »Künstlerinnen und Künstler haben natürlich alles Recht der Welt, über ihre Verbindungen nach Russland zu schweigen. Aber sie können nicht davon ausgehen, dass eine demokratische Gesellschaft deshalb ebenfalls den Diskurs einstellt. Es wäre schön, wenn die Debatte uns im Streit als Demokraten verbindet, statt uns zu spalten.« Derweil in Russland: Die Haftstrafen für die Theaterregisseure Schenja Berkowitsch und Swetlana Petrijtschuk wurden gerade um sechs Monate verlängert.

TopTexte aus BackstageClassical:

Personalien der Woche I

Der Umbau der Bühnen Köln wird immer teurer (Bild: HPP Architekten)

Unser Freund Kai-Uwe (aka Erik) Laufenberg wird noch einmal richtig gefeiert: Hofschreiber und Schauspielchef Wolfgang Behrens jubelt in einer merkwürdigen (330seitigen!!!) Sonder-Publikation zu den Maifestspielen in Wiesbaden in vollem Ernst: »Das sich, gelinde gesagt, abkühlende Verhältnis zwischen dem Intendanten und einigen Journalisten sorgte dann selbst für Schlagzeilen – doch auch hier kämpfte Laufenberg nie in erster Linie für sich als Person, sondern stets für das, wovon er künstlerisch überzeugt war.« Kritiker Volker Milch hält dagegen und wundert sich, dass der Geschäftsführende Direktor, Holger von Berg, in dieser Dokumentation, die er wahrscheinlich absegnen musste, offensiv »als Chaos-Verursacher angegriffen wird.« Milch weiter: »Aber da Krach, inklusive zwei geflüchteten Generalmusikdirektoren, die im Geleitwort mit keinem Wort gewürdigt werden, ein Charakteristikum der Ära war, ist auch diese Schuldzuweisung als authentischer Ausdruck des Stils dieser Zeit am rechten Platz.« +++ In der Zeitung Le Monde erklärt Gustavo Dudamel, warum er die Pariser Oper verlassen hat: »Ich bin an einen Punkt gekommen, an dem ich nicht mehr die Kraft hatte, alles zu verdauen, was in meinem professionellen und privaten Leben passiert ist. Ich war einfach unglücklich. Die Pandemie hat mir gezeigt, dass ich gern weniger machen wollte. Ich dachte, es sei klar geworden, dass ich gern mehr Zeit mit der Familie verbringen wollte, aber stattdessen gab es all die Spekulationen.« +++ Die Kölner Oper wird einfach nicht fertig. Nun wurde der Eröffnungstermin erneut gerissen. Die Kosten sind – inklusive Ausweichquartiere – auf 1,2 Milliarden (sic!) Euro explodiert. Wie es weiter geht: Unklar. Der Blick auf Köln bedeutet für viele sanierungsbedürftige Häuser wahrscheinlich, eher nicht mehr auf Restauration, sondern auf kalkulierbare Neubauten zu setzen. 

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Die große Beethoven-Sause

Am 7. Mai ist es so weit: Die Welt feiert den 200. Geburtstag von Beethovens 9. Symphonie, was für eine Freude, was für ein Jubel – was für ein Tam-Tam! Das Epizentrum der Feierlichkeiten liegt in Bonn: Rund um die historische Rekonstruktion der Symphonie von Martin Haselböck in Wuppertal (am 7. und 8.5.) gibt es im Beethoven-Haus von Malte Boecker eine Tagung unter dem Titel Nie gehörte, nie geahndete Wunder-Geheimnisse der heiligen Kunst (hier wird auch Esteban Buch seine These von einer neuen Europahymne vertreten), und eine Sonderausstellung zu Leonard Bernsteins Beethoven (das ganze Programm hier). arte zeigt eine Beethoven-Doku und die vier Sätze aus vier verschiedenen Städten: Das Gewandhausorchester unter Andris Nelsons eröffnet den Abend in Leipzig, das Orchestre de Paris unter Klaus Mäkelä spielt den zweiten Satz in der Philharmonie de Paris, den dritten Satz interpretiert Riccardo Chailly an der Spitze des Orchestra del Teatro alla Scala. Und den letzten Satz dirigiert der Chefdirigent der Wiener Symphoniker Petr Popelka (er springt für die erkrankte Joana Mallwitz ein) im Wiener Konzerthaus. Die Wiener Philharmoniker setzen derweil auf die eher unüberraschende Besetzung mit Riccardo Muti im Musikverein. Empfehlenswert ist die Ausstellung im Beethoven-Haus Baden, die um die Entstehung der Symphonie kreist.

Komponisten-Verband fordert Abgaben bei KI-Kompositionen

Der Vorsitzende des Deutschen Komponistenverbandes, Moritz Eggert, fordert mehr Transparenz in Sachen KI. »Programme wie UDIO sind Gamechanger«, sagt Eggert, »wir brauchen eine Transparenz der Blackbox der KI. Welche Musik wird aufgesogen, wem gehören die Rechte, und wie werden sie verteilt? Das ist, was uns vom Komponistenverband derzeit beschäftigt. Wir vom DKV werden fordern, dass es Abgaben an jene Autorinnen und Autoren gibt, deren Arbeiten als Vorlagen dienen. Dafür ist es wichtig, dass wir Licht ins Dunkel der Blackboxen bekommen.« Ausführlich schreibt Eggert hier über seine KI-Erfahrungen.

Personalien der Woche II

»Es war verdächtig, Englisch zu lernen, erinnert sich der Dirigent Jakub Hrůša in einem Gespräch mit Georg Rudiger an seine Kindheit in der Tschechoslowakei: »Meine Eltern sagten, dass ich über manche Themen wie Kunst, Politik oder Religion in der Schule nicht sprechen dürfe, weil ich damit die ganze Familie in Gefahr bringen könnte. Die westliche Gesellschaft hat heute aber auch Probleme. Auch wir können nicht alles sagen, was wir sagen möchten – die political correctness provoziert mich manches Mal, gerade wegen dieser Erfahrung aus meiner Kindheit. Aber die Motivation dahinter ist schon eine andere.« +++ Anthony Hopkins wird die Rolle von Georg Friedrich Händel spielen. Geplant ist der Film The King of Covent Garden. Der Streifen spielt zur Zeit der Messias-Komposition, Regie führt Andrew Levitas.

Und wo bleibt das Positive, Herr Brüggemann?

Worum es in BackstageClassical geht, erkläre ich hier

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In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif

Ihr

Axel Brüggemann

redaktion@backstageclassical.com

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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