»Weg mit dieser Europahymne!« 

April 28, 2024
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Herbert von Karajan dirigiert in Madrid (Foto: Deutsches Bundesarchiv)

Der Musikwissenschaftler Esteban Buch fordert eine neue Hymne für Europa. Der Grund: Beethovens Neunte erklingt in einer Bearbeitung von Herbert von Karajan – und dessen Verbindung zu den Nazis passt nicht zur Identität der EU.

Im Interview aus Anlass der Tagung 200 Jahre Beethoven im Beethovenhaus Bonn erklärt der Wissenschaftler seinen Standpunkt.

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Herr Buch, warum wollten Sie, dass Beethovens Neunte nicht länger Hymne der Europäischen Union ist – das hat seit 1972 kaum jemanden gestört…

… tatsächlich gab es bereits in den 1920er Jahren erste Überlegungen, Beethovens Neunte zu einer Art Hymne Europas zu machen. Und ich habe auch gar nichts gegen Beethoven oder eine Hymne an sich. Mir geht es um die Version der Neunten Symphonie, mit der wir es zu tun haben. Die offizielle Hymne, die zu jedem Anlass gespielt wird, ist ja eine Adaption von Herbert von Karajan aus dem Jahre 1972. Und ich finde, dass gerade Karajans Nazi-Vergangenheit nicht zu den Werten Europas passt.

Warum hat Karajan sich überhaupt in Beethovens Musik »eingeschrieben«?

Der Ursprung liegt in Karajans Freundschaft mit dem ehemaligen österreichischen Außenminister  Lujo Tončić-Sorinj, der später Generalsekretär des Europarates wurde. Als die Idee von Beethovens Neunter auf dem Tisch lag, bat  Tončić-Sorinj seinen Kumpel Karajan, die erste Aufführung zu dirigieren. Karajan sagte zu, allerdings nur unter der Bedingung, dass die Musik in seinem Arrangement gespielt wird. Und so kam es dann auch. Karajan bestand auch auf die Copyrights der Partitur, die bei Schott erschienen war und der Aufnahme, die bei der Deutschen Grammophon erschien. 

Das bedeutet, Karajans Erben verdienen bis heute mit, wenn die europahymne erklingt? 

Nein, ganz so ist das nicht. Bei offiziellen Aufführungen fallen keine Zahlungen an, trotz der Rechte des Verlages und des Labels. Darum geht es in meiner Kritik aber auch nicht. …

Was genau stört Sie denn?

In erster Linie die unaufgearbeitete Nazi-Vergangenheit Karajans. Seine Verbindungen zum NS-Regime werden bei jedem erneuten Spielen der Hymne  aufs Neue unter den Tisch gekehrt. Damit wird jede Aufführung der Karajan-Europahymne zur Fortsetzung des mangelhaften Umgangs mit dem Nazi-Erbe nach dem Krieg. Mir ist klar, dass es 1972 noch keine Debatte über Karajans NSDAP-Mirgliedschaft gab. Aber heute sind wir schlauer, und ich finde, wir müssen die Sache nach heutigem Wissensstand neu beurteilen.

Brief des Managers von Herbert von Karajan an Lujo Toncic-Sorinj, den Vorsitzenden des Europarates (Foto: EU-Archiv)

Karajan hat sich sogar öfter um die Parteimitgliedschaft beworben.

Genau, er hat sich schon 1933 beworben, und dann noch einmal 1935 – das zeigt: Karajan war kein Mitläufer, der notgedrungen in die Partei eingetreten ist, sondern er hatte schon früh Sympathien für Hitlers Politik. Weil wir das heute wissen, ist es gerade für die europäische Identität wichtig, dass wir uns auch damit auseinandersetzen. Denn wie glaubhaft ist eine EU, die für demokratische Werte antritt und jeglicher Diktatur den Kampf ansagt, wenn ausgerechnet ihre Hymne aus der Feder eines ehemaligen Nazis stammt. Unsere Hymne symbolisiert die Werte unserer Gemeinschaft, und ich  finde, wir sind es uns schuldig, sie nach politischen Kriterien zu befragen. Mir ist unverständlich, dass wir die Nazi-Signatur in dieser Musik durch Karajans Einfluss bis heute zulassen.

In Aachen hat die neue Theaterintendantin kürzlich eine Karajan-Skulptur in den Keller verbannt. Da gab es einen großen Aufschrei.

Ich glaube, dass wir diese Aufschreie ertragen und die nötigen Debatten führen müssen. Es geht hier ja nicht um seine Qualitäten Karajans als Musiker und Dirigent, sondern darum, ob er als Autor der symbolischen Hymne Europas geeignet ist. Das ist gerade in einer Zeit wichtig, in der wir beobachten, dass der Nationalismus in Ländern wie Italien, Ungarn, aber auch bei uns in Frankreich wieder auf dem Vormarsch ist. 

Haben Sie nicht auch Verständnis für den anderen historische Blick? Beethovens Neunte war die gemeinsame Olympia-Hymne der »DDR« und der »DDR«, und Ihr Präsident Emmanuel Macron hat nach seinem Wahlsieg über Le Pen durch diese Musik ein Ausrufezeichen für das demokratische Europa gesetzt…  

Das ist alles richtig. Aber warum brauchen wir Karajan dabei? Beethoven an sich braucht keine doch zweite Unterschrift. Karajan hat letztlich nur drei kleine Schnitte vorgenommen und Mini-Details umgestellt. Warum reicht uns der reine Beethoven nicht? Es ist ja eine Idee, dass Hymnen mitgesungen werden – aber der Schiller Text aus dem Beethoven-Original ist in der Europa-Hymne ebenfalls eliminiert. Es gibt also keine »Freude schöner Götterfunken«. 

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Wie reagiert das politische Europa, wie reagiert Ursula von der Leyen, auf Ihre Vorschläge? 

Leider stoße ich mit meiner Perspektive auf taube Ohren. Dabei wäre alles ja sehr einfach: Wir könnten einfach wieder den Original-Beethoven spielen. Dafür wäre aber eine Debatte nötig. Eine Debatte, die ich für existenziell wichtig halte, die das politische Europa aber immer noch scheut.   

Warum wird Beethovens Musik überhaupt so gern von Diktatoren benutzt? Die Neunte wurde ja unter anderem auch zu Hitlers Geburtstag gespielt. 

Es zeigt sich auf jeden Fall, das Diktatoren die Musik der Freiheit überall auf der Welt und durch die ganze Geschichte hindurch gern für sich kapern. In der »Ode an die Freude« ist natürlich die Simplizität bestechend, die Schlichtheit und Klarheit dieser Melodie. Diese Begeisterungsmusik interessiert Populisten seit jeher. 1974 hat die brutale und rassistische Regierung von Rhodesien ebenfalls Beethovens Neunte als Hymne benutzt – übrigens auch ohne den Schiller-Text. Wenn wir Beethoven als Symbol Europas pflegen, sollten wir uns dieser historischen Verantwortung bewusst sein und sie nicht tabuisieren.

Esteban Buch wurde 1956 in Buenos Aires geboren. Er studierte Musikwissenschaft und Soziologie in Paris und veröffentlichte zahlreiche Bücher über den Zusammenhang zwischen Musik und Politik. Heute lebt Esteban Buch als Autor und Musikkritiker in Paris. 

Hier geht es zu einem entsprechenden Essay von Esteban Buch.

Beethovens Neunte auf der BackstageClassical-Playlist: Hören, worüber wir schreiben.

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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