Schön langweilig

Mai 1, 2024
2 mins read
Screenshot aus dem arte-Film »Der Flamme entgegen« von Bruno Monsaingeon

arte zeigt eine Dokumentation über den Dirigenten Klaus Mäkelä. Unser Gast-Autor Holger Noltze ist nicht ganz zufrieden damit.

Zuletzt habe ich nach längerer Zeit mal wieder Kulturfernsehen geguckt. Es gab, untern dem von Skrjabin geliehenen, etwas pathetischen Titel Vers la flammeDer Flamme entgegen, eine Dokumentation über den jungen finnischen Dirigenten Klaus Mäkelä. Autor ist eine Legende des Musikfilms, ich erinnere mich noch an die Glenn-Gould-Portraits des französischen Filmemachers, Schriftstellers und Musikers Bruno Monsaingeon, er ist immer noch unterwegs, wie erfreulich.

Dann folgt die Kamera dem jungen Maestro, Saaldiener öffnen Türen, es geht die legendären Stufen hinab zum Podium, dann steht er da, uns en face, gibt nach kurzer Konzentration das Startsignal für die unermüdliche Boléro-Snare. Und macht erstmal: nichts. Beziehungsweise lässt, was zu hören ist, durch sich hindurchgehen, alles eine Hingabe, ein Zuhören, kein Machen und Steuern, und wer mag, wird sich, von solcher totaler Zurückgenommenheit aus, schon vorfreuen auf die großen Gesten.

Die kommen später, und irgendwie passt das ja sehr gut zu Ravels monoton-raffinierter Steigerungsdramaturgie. Dass Mäkelä die Spitzenorchester, mit denen er arbeiten darf, das RCO oder das Orchestre de Paris, ob Oslo oder Los Angeles, gern mal von der Leine lässt, gehört, wie wir erfahren, zu seiner irgendwie postheroischen Auffassung von Musikmachen. Mir kam es, an einem nicht ganz herausragenden Abend mit dem Orchestre de Paris und Berlioz‘ Symphonie fantastique in Köln, aber auch wie ein Trick vor, und nicht frei von Koketterie. Nur ein Eindruck.

»Doch nach zwanzig Minuten wurde mir langweilig, das Flammende, dem es doch entgegengehen sollte, wurde zum Flämmchen.«

Holger Noltze über die Mäkelä-Doku

Monsaingeon kann in seinem Film über sensationelles Material verfügen, denn schon der junge Cellist und bald sehr junge Dirigent Klaus Mäkelä ist in jeder Phase seiner Ausbildung etwa bei der finnischen Maestromacher-Legende Jorma Ponula dokumentiert. Virtuos montiert der Film Ausschnitte aus Probieren, Proben und Aufführung, toll. Mäkelä beim Kammermusikmachen, Mäkela beim Philosophieren an verschiedenen Orten oder auch beim Schulterklopfen mit Musikerinnen und Musikern.

Trailer zur Mäkelä-Doku auf arte

Alles da, alles fein. Doch nach zwanzig Minuten wurde mir langweilig, das Flammende, dem es doch entgegengehen sollte, wurde zum Flämmchen, und ich fragte mich, warum. Vielleicht lag es daran, dass das Forschen nach dem Flammenden in der Kunst, inklusive der Dimension des ja auch Zerstörerischen, zugunsten eines oberflächlichen Feuerzaubers nicht stattfand. Ein junger, fraglos begabter Dirigent huldigt sehr verschiedenen Orchestern, verschiedene Musikerinnen und Musiker huldigen einem fraglos begabten Dirigenten.

Damals beim Konzert in Köln, etwas einsam inmitten der allgemeinen Begeisterung über den fraglos Begabten, kam ich ins Nachdenken über die Geschichten, die wir uns über diesen und andere fraglos Begabte erzählen. Denn dem jungen Mann folgt ja schon der noch jüngere auf dem Fuße. Wo wird Musikjournalismus zum Teil von Marketing, beileibe keine neuen Fragen. Man muss hier gar nicht moralisieren. Doch wenn es langweilig wird, weil bloß noch gefeiert, nicht gefragt wird, ist das kein guter Journalismus, nicht einmal gutes Marketing. 

★★☆☆☆

Hier geht es zum arte-Film: Der Flamme entgegen

Dieser Artikel ist zuerst als Newsletter von Takt1 erschienen, mit freundlicher Genehmigung von Holger Noltze. Zum Newsletter von Takt1.

Holger Noltze

Holger Noltze leitete die Studiengänge »Musikjournalismus« an der TU Dortmund. Als Musikjournalist und Literaturkritiker ist er u. a. für Opernwelt und DIE ZEIT tätig. Von 2001 bis 2015 Moderator der sonntäglichen Gesprächsrunde West.art im WDR-Fernsehen. 2000–2005 Ressortleiter für Aktuelle Kultur beim Deutschlandfunk. Seit 2005 Professor am Institut für Musik und Musikwissenschaft der TU Dortmund. 2013–2017 Sprecher des Rats für Kulturelle Bildung deutscher Stiftungen.
Veröffentlichungen: Die Leichtigkeitslüge. Über Musik, Medien und Komplexität (Edition Körber Stiftung), Musikland Deutschland? Eine Verteidigung (Bertelsmann Stiftung), Liebestod. Wagner, Verdi, wir (Hoffmann und Campe). Menahem Pressler/Holger Noltze: Dieses Verlangen nach Schönheit. Gespräche über Musik (Edition Körber Stiftung). Mitgründer und Editor-in-chief der online-Plattform takt1.com für klassische Musik.

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