Musikalische Krise? Alles ist gut!

Februar 16, 2026
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Die Szene während der Lesung des Gedichtes in den Meistersingern von Nürnberg in Stuttgart (Foto: Baus)

Willkommen in der neuen Klassik-Woche,

neulich erzählte mir jemand aus meinem näheren Umfeld, dass er gefragt worden sei, ob ich überhaupt noch Spaß habe – an der Musik, an den Opern und Konzerten. Ich sei oft so pessimistisch und negativ. Und, verdammt: Der Mensch hat Recht, manchmal schaut man eben besonders kritisch auf das, was man liebt. Dabei habe ich unglaublich viel Spaß an unserem wahnsinnigen Klassik-Zirkus! Allein letzte Woche hatte ich so viele inspirierende Momente: Es fing an mit einem ebenso kontroversen wie spannenden Gespräch mit den Jungs von den Wiener Philharmonikern, ging weiter mit einer Reise nach Berlin, wo die Klassik-Filmbranche auf der Avant Première nach neuen Wegen des musikalischen Bewegtbildes sucht. Vorher war ich noch in der Oper in Neustrelitz,  und am Ende der Woche standen neue Rekordzahlen auf unserer Seite. Und deshalb, bitteschön: hier ist ein Newsletter voller Optimismus!

Oper retten!

Sie brauchen einen Beweis für meinen Optimismus? Bitteschön: Der Hessische Rundfunk hatte diese Woche angerufen: Finanzielle Notlage in New York, Schließung der Wiener Kammeroper – hat die Klassik in Zeiten der Krise überhaupt noch eine Zukunft? Natürlich hat sie das, habe ich versucht zu erklären! Aber wie können wir mehr Menschen in die Häuser locken? Geht es denn wirklich nur darum, habe ich zurückgefragt. Ich glaube, es ist ein Denkfehler, wenn wir glauben, jeder Mensch müsse durch Opern und Konzerte »beglückt« werden. Sollte es nicht vielmehr darum gehen, aus den Opern- und Konzerthäusern einen Geist auszustrahlen, dass es gut ist, wenn es sie gibt: Als Räume der Debatte, als Orte der Sinnlichkeit in einer chaotischen Welt, als Zentren des Zuhörens und, ja: Auch als Heimat der Komplexität in Zeiten der allgemeinen Verflachung. Nicht jeder muss in die Oper gehen. Aber es wäre toll, wenn möglichst viele – auch jene, die nicht kommen – das Gefühl haben: Gut, dass wir uns diesen Kultur-Luxus leisten!

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War Karajan nur ein »Formal-Nazi«?

Gute Nachrichten auch für alle Karajan-Fans: Der Historiker Michael Wolffsohn hat noch einmal alle Akten gefressen und sein neues Buch Genie und Gewissen vorgelegt – über die Nazi-Verstrickungen von Herbert von Karajan. In einer spannenden Folge des BackstageClassical-Podcasts erklärt er seine Erkenntnisse (auch schriftlich zusammengefasst hier): Karajan sei Spielball zwischen Göring und Goebbles gewesen, sei bei Hitler in Ungnade gefallen, habe kaum Karriere-Vorteile durch das System gehabt und außerdem enge Beziehungen zu Menschen gepflegt, die der NS-Diktatur ein Dorn im Auge waren. Wolffsohn erklärt aber auch die drei NSDAP-Anträge Karajans, warum eer in der arisierten Villa Schubert wohnte, und wie seine antisemitischen Kommentare einzuordnen sind. Ein spannendes Stück Geschichte.

Gulda: Gott der Vielfalt

Und noch ein lesenswertes Buch ist gerade erschienen. Der Musikwissenschaftler Rüdiger Albrecht hat sich mit dem verrückten Leben und dem Werk des Pianisten Friedrich Gulda auseinandergesetzt und die Biografie Pianist – Musiker – Freigeist vorgelegt. Ein Ritt durch ernsthafte Klassik-Interpretationen und gewagt erotische Jazz-Experimente. Ich freue mich, dass wir bei BackstageClassical Teile des Buches exklusiv vorabdrucken dürfen, in denen es um die späten 70er Jahre geht, als Gulda von den exzentrischen Ausdrucksformen wieder zurück fand zu Bach und Co. Eine Zeitreise in eine Welt, in der die Ausflüge eines Klassik-Stars in eine Disco nach Ibiza mit Go-Go-Girls noch echte Skandale waren. Albrecht resümiert: »Die 1970er Jahre waren für Gulda ein Jahrzehnt des Rückzugs, des Ausstiegs und der Suche nach individueller und gesellschaftlicher – und musikalischer – Freiheit gewesen. Einer Freiheit, der Gulda nicht wenig opfern musste.«

Sharon Stoned? 

Party muss sein, aber selten schien ein Opernball so wenig in die Zeit zu passen wie am Donnerstag in Wien: Politiker wie Dorothee Bär und Ösi-Vize Andreas Babler erklärten andauernd, dass sie ja nicht zum Spaß gekommen seien, sondern wegen der Arbeit. Unternehmer versteckten sich mit ihren Champagnerflaschen lieber vor den Kameras des ORF, um nicht dekadent zu wirken, und echte Stars reisten gar nicht erst an. Um so bewegender war der Auftritt von Sharon Stone: Sie wurde vom oberösterreichischen »Schaumrollenkönig Karl« angeschleppt, verknallte sich in Österreichs Polizei und verlor dann einen Moment lang die Fassung – um sie irgendwo bei einem Glas Champagner wieder zu finden: Alles Walzer? Alles Wahnsinn! Ich habe ihr einen Brief geschrieben.  

Buhs – als Angebot zum Miteinander

Einer der meistgelesenen Texte dieser Woche bei BackstageClassical war eine Anmerkung des Kommunikationsdirektors der Stuttgarter Oper Johannes Lachermeier. Er versuchte, die Buhs einzuordnen, die gerufen wurden, als Regisseurin Elisabeth Stöppler Paul Celans Todesfuge zu Richard Wagners Prügelfuge in der Stuttgarter Meistersinger-Inszenierung lesen ließ. Buhs, die Lachermeier als verstörend empfand, und die ihn zu einem Aufruf für gegenseitigen Respekt veranlassten. Hier sein Plädoyer für das »lustvolle und leidenschaftliche Streiten«  – und eine Erinnerung an einen Moment, an dem ich meine Buhs nicht mehr zurückhalten konnte, verbunden mit der Frage, warum mich das noch heute verfolgt. 

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Klug sparen? 

Fakt ist: Wenn alle sparen, muss auch die Kultur Gelder kürzen. Sonst ist sie nur schwer vermittelbar. Vor einiger Zeit haben wir bereits das Sparen in Wien mit dem in Berlin verglichen. Auch, wenn die Aufschreie laut sind, scheinen die Wiener Kürzungen immerhin einer nachvollziehbaren politischen Strategie zu folgen und treffen in erster Linie Einrichtungen, die nur wenig Nähe zu den Menschen aufgebaut haben. Unter anderen muss neben der Sterbewohnung von Franz Schubert auch die »Kammeroper« des Theater an der Wien dran glauben. Klar, dass Intendant Stefan Herheim sich beschwert und den Ausverkauf der Stadt an die Kommerz-Kultur an die Wand malt. Aber vielleicht hat er es in den letzten Jahren einfach auch verpasst, sein Haus und sein Team in der Stadt zu positionieren – das Dauergejammer wird kaum für mehr Rückhalt sorgen. In Berlin scheint – pünktlich vor den anstehenden Wahlen – der Honeymoon zwischen den Kulturschaffenden und Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson beendet: Der Hauptpersonalrat verklagt die Politikerin und wirft ihr vor, Beteiligungsrechte des Gremiums verletzt zu haben.   

Briefe von Brüggi

Jeden Tag um 6:00 Uhr erscheint ein Brief von Brüggi bei BackstageClassical (Di-Fr). Folgende Briefe gab es letzte Woche: 

Personalien der Woche

Jon McNaughtons Kunstwerk von Donald Trumps MAGA Orchester.

Donald Trump hat die klassische Musik für die MAGA-Bewegung entdeckt. Diese Woche postete er ein Orchesterbild mit sich selber als Dirigenten bei True Social. Wir haben einmal geschaut, wer bei ihm erste Geige spielt, und warum sich ein E-Gitarrist in das Orchester geschlichen hat. +++ Zoff um Milo Rau: Ich hatte ihm bereits bei den Wiener Festwochen einen Korb gegeben, nun sagten ihm auch seine »Zeugen«, die Publizistin Leonie Plaar und der Philosoph Rainer Mühlhoff für die Prozesse in Hamburg ab. Das bedeutete: Bühne frei für die AfD-Normalisierung à la Harald Martenstein. +++ Herbert Blomstedt – das meldet SlippedDisc – wird wohl auch an seinem 100. Geburtstag dirigieren!  Auf jeden Fall wird er im Jubeljahr, einige Monate vor seinem Geburtstag, beim Dänischen Nationalorchester auftreten. +++ Was für ein erfülltes Leben: Helmuth Rilling ist gestorben. Mit seinem Namen verbinden sich die Gächinger Kantorei, die Stuttgarter Bachakademie – und so unendlich viele unglaublich tiefe Momente in der Musik. Rilling hinterlässt eine musikalische Demut vor der Schönheit und Tiefe der Kunst. +++ Die Semperoper Dresden trauert um den Tenor Aaron Pegram. Das langjährige Ensemblemitglied verstarb am Sonntag in Dresden völlig unerwartet.

Und  wo bleibt das Negative. Herr Brüggemann?

Ja, wo zum Teufel bleibt es denn? Vielleicht ja hier! Ähhhh…. Wo? Ich kann es gar nicht finden… es muss doch … wo habe ich es denn nur hingelegt? Markus? Opi? Hallo … Ich kann Euch nicht hören. Keiner da? Okay, dann heute eben nicht. 

Ach ja, hier noch unsere Umfrage der Woche!

In diesem Sinne, halten Sie die Ohren steif

Ihr

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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