Ein Baby krabbelt während Schostakowitsch an den Bühnenrand, die Mutter dirigiert mit, 1.900 Menschen schauen fassungslos zu. Ein denkwürdiger Abend im Leipziger Gewandhaus.
English summary: A baby crawls to the edge of the stage during Shostakovich, its mother conducts along, and 1,900 people watch in disbelief. A memorable night at Leipzig’s Gewandhaus.
Ja, am liebsten würden wir die Türen unserer Konzerthäuser für alle Menschen öffnen. Aber so wie gestern beim Konzert des Gewandhausorchesters in Leipzig ist die Sache ja nun auch nicht gemeint: Die Schwelle war so niedrig, dass sie sogar von einem Kleinkind überkrabbelt wurde.
Bei Arvo Pärt verdächtigte ich zunächst einen quietschenden Sessel, der sich ausgerechnet in der Stille zwischen den Klang-Tupfern quietschend ins Geschehen einmischte. Bei Schostakowitschs zweitem Cellokonzert wurde die Sache dann offensichtlich: Der Störenfried gab sich zu erkennen. Während Sol Gabetta auswendig in die brutalen Pizzikato-Ausbrüche griff, krabbelte ein Baby vom Schoß seiner Mutter an den Bühnenrand.
Es kam, um zu bleiben: Mal versuchte es, auf die Bühne zu klettern, mal starrte es die Solistin an, dann wieder schaute es zur Mutter, die inzwischen neben ihm saß und munter mitdirigierte, dann wieder fand es Interesse an den glänzenden Schuhen von Dirigent Petr Popelka. Zwei Männer, welche die Mutter begleiteten, fanden Gefallen am krabbelnden Kind, lachten mit ihm und spielten mit ihm. So, als wären sie nicht im Gewandhaus, sondern in der Krabbelgruppe Buntes Batiktuch im Prenzlauer Berg.
1.900 Menschen, ein Orchester, eine Solistin und der Dirigent befanden sich in Geiselhaft dieser Familie, die offensichtlich zum ersten Mal den Weg in ein Konzert gefunden hatte. Und alle beobachteten die Szene wie gelähmt: Die Familie anzusprechen, hätte für unnötigen Tumult gesorgt, aber nichts zu tun, ließ die Fremdscham steigen: vor den Musikerinnen und Musikern, dem Publikum und der Kunst an sich!
Ich habe mich in den letzten 50 Jahren in einem Konzert noch nie so ohnmächtig gefühlt und so respektlos behandelt, als würde ich im Ruheabteil eines ICE sitzen, in dem drei Omas, zwei Businesscoaches und ein Börsenmakler gleichzeitig in ihre Telefone brüllen.
Klar, eine Mutter liebt ihr Kind, mag es vielleicht sogar für ein Wunderkind halten – aber wie ignorant, unsensibel und respektlos kann man bitteschön sein? Nicht, dass wir uns missverstehen: Ein Baby im Konzert ist kein Rowdy. Es ist ein Baby. Der Rowdy ist der Erwachsene, der seine Verantwortung am Eingang an der Garderobe abgibt.
Das Gewandhaus bietet unter dem Titel »Impuls« eine vorbildliche Jugendförderung an: moderierte Familien- und Jugendkonzerte, Probenbesuche, Schulkonzerte und Community Music in interaktiven Formaten wie den sogenannten »CLASH!?«-Workshops – und, ja, es gibt sogar »Lauschkonzerte« für Krabbelkinder!
Sol Gabetta tauchte trotz der Störung in ihr Spiel ab, wanderte weiter bemerkenswert konzentriert durch Schostakowitschs abgründige Partitur, durch die musikalischen Ruinenlandschaften seines Schaffens, die er in diesem Stück noch einmal besuchte. Großer Applaus!
In der Pause wurde die Baby-Mutter offenbar freundlich angesprochen, soll sich aber ungerecht behandelt gefühlt und das Konzert wütend verlassen haben.
1.900 Menschen und ein Orchester waren erleichtert, auch weil der größte Leidtragende an diesem Abend endlich schlafen durfte: das Baby.

