Die Hamburgische Staatsoper verspricht mit Tobias Kratzers neuem »Macbeth« einen finsteren Machtkrimi. Auf der Bühne wird daraus eine royale Telenovela im Teppichboden-Wohnzimmer. Und im Graben? Verdi mit Friesennerz und einer Portion hanseatischer »Italjanitah«.
Die Erwartungen wurden mit einem nackten Mann geweckt: fotografiert bei Nacht, als er sich an einen dürren Baumstamm klammert. Man konnte etwas skeptisch werden, als sein kleiner »Dingdong« im Laufe der Kampagne einem großen schwarzen Balken weichen musste. Aber auf dem Bild, das die Hamburgische Staatsoper in der ganzen Stadt plakatierte, wurde Neugier auf Macbeth geweckt: Verdis Oper als Nachtgeschichte eines mörderischen Königspaares, das – dem Wahnsinn nahe – im Wald von Birnam abhängt.
Am Ende – so viel sei gespoilert – war das Ergebnis ein bisschen, als wenn man nach einer iPhone-Kampagne ein graues Wählscheibentelefon aus der Verpackung holt. Intendant und Regisseur Tobias Kratzer mag sich (und das ist aller Ehren wert) gedacht haben: Große Theatermaschinerie wie im Münchner Ring, im Bayreuther Tannhäuser oder im Hamburger Monster’s Paradise kann jeder – warum nicht mal wieder back to the roots? Theater als echtes Theater: ein ausgerollter Teppich, ein Spiegel, ein Holzstuhl – und fertig ist das königliche Wohnzimmer. Der Rest ist: Spiel, Musik und Imagination!
Und so ist Kratzers Macbeth-Experiment wohl nur zum Teil der neuen Mäc-Geiz-Politik in Zeiten von Kultursparmaßnahmen geschuldet und viel mehr der Neugier eines Theatermanns darauf, das Abenteuer Bühne wieder zu spüren.
Zurück zum Theater
Shakespeares Königsdrama spielt sich in Hamburg in einer großen, düsteren Holztreppen-Konstruktion ab (und, ja: Ganz ohne Theaterdonner, der hier in Form eines imposanten Regens im Gegenlicht aus dem Schnürboden plätschert, geht es bei Kratzer dann doch nicht). Chor und Statisten lungern omnipräsent in schwarzen Klamotten mit ausladenden Gesten in der Szene herum, und die Anzahl der Toten auf dem Boden wächst gewaltig: greise Könige, verhasste Nebenbuhler und Kinder, die im Weg stehen – am Ende sinkt gar ein Großteil des geschundenen schottischen Volkes dahin.
Kratzer inszeniert Verdis Oper (trotz all der Chöre) als Kammerspiel, als Soap-Opera oder besser: als royale Telenovela.

Zentrum ist besagtes Teppichboden-Wohnzimmer, in dem die moderne Familie als Idyll stattfindet: Mama bastelt dem Kind eine Papierkrone mit Pritt-Stift, und Papa rollt das gelbe Spielzeugauto durch die Gegend. Blutrünstig wird es erst, wenn Muttern ihr Glitzerkleid überstreift, dem Kind die Ohren zuhält und Papas Machtgelüste anheizt. In jedem Spießer steckt eben ein Königsmörder – oder in jedem Shakespeare auch ein Ibsen.
Der Königsmord im Wohnzimmer
Es gibt durchaus lyrische Momente, wenn Macbeth von der Tribüne auf den Teppich schaut, wo er sieht, wie glücklich sein Leben ohne Morde hätte verlaufen können. Oder wenn die Prophezeiungen aus den Mündern von Hexen kommen, die Macbeth und seiner Frau ähneln. Und auch auf die Pointe, dass der neue König Malcolm am Ende einen neuen Konkurrenten bekommt und alles wieder von vorne beginnt, verzichtet Kratzer natürlich nicht: Er lässt Fleanzio – den Sohn Banquos – zunächst in einem gelben Kinderregenmantel fliehen und im Finale dann in einem ausgewachsenen Ostfriesennerz wieder erscheinen.
Das ist alles gut gearbeitet, kammerspielhaft gedacht und klug in die große Kulisse gepflanzt. Auch wenn man – allein wegen der Werbekampagne – bis zum Schluss vergeblich auf die große, verblüffende Wende oder den genialen Perspektivwechsel wartet.
Und ein derartig sparsames Konzept birgt natürlich immer auch ein Risiko: Es steht und fällt mit dem Personal und der musikalischen Spannung. Kartal Karagedik und Nino Machaidze schaffen es nicht immer, Verdis große Dramatik als Mörderpaar auch stimmlich zu füllen. Ihnen fehlt am Ende oft die Kraft zur Ausformulierung der großen Bögen und Gedanken, und in Macduffs (Dovlet Nurgeldiyev) großer Arie Ah, la paterna mano wird deutlich, dass es vielleicht auch gar nicht an den Stimmen liegt, sondern eher am Dirigat.
Stillstand ohne Spannung
Es ist fast schon amüsant, dass Dirigent Tomáš Hanus an diesem Abend so etwas wie einen radikalen Gegenpol zu GMD Omer Meir Wellber darstellt: Während der eine sehr gern durch die Partituren rast, bleibt bei Hanus die Musik zuweilen einfach im luftleeren Raum stehen. Langsamkeit erzeugt aber noch keine Spannung. Es fehlen die mystischen Farben, die Soli bleiben oft blass und gehen im Orchesterklang unter. Auch Hanus bleibt damit das Versprechen des düsteren Machtkrimis schuldig. Er spielt kaum mit dem zwischenweltlichen Changieren aus As-Dur und as-Moll, nagelt die instabilen Übergänge allzu fest in den Orchestergraben und missversteht das Stück – trotz viel attacca – irgendwie als plätschernde Nummernoper. Der typische Verdi-Puls pocht viel zu gleichmäßig: wenig Spannung im Hexen-6/8 und selbst in der Schlafwandlerszene mehr Rhythmus als Zeitfluss.
Kratzers Kammerspiel verlangt die Entwicklung der großen Gedanken und der farbigen Indifferenz in der Musik – doch an diesem Abend plätschert nicht nur der Regen aus dem Schnürboden, sondern auch sehr hanseatische »Italjanitah« aus dem Orchestergraben auf die Bühne.

