Dear Yannick Nézet-Séguin,

Februar 9, 2026
1 min read
2026 dirigierte Yannick Nézet-Séguin das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker (Foto: Nagel/ Wiener Philharmoniker)

You programmed Florence Price’s Rainbow Waltz at the Vienna New Year’s Concert—but in a chopped-up Wolfgang Dörner arrangement, stripped of its Blue Notes, its context, its meaning, and topped with a kitschy »Sacher Torte«-intro. Your explanation? That this was the only way her music could reach a different audience at a different kind of concert.

Come on!

By that logic, every minority artist would have to put on a costume to be understood. Are we supposed to whitewash a Black woman and glue on a fake penis so she’ll be taken seriously at the »Musikverein«?

That would be like telling you to dress up as a Biedermeier relic to succeed in classical music: no activism, no bold outfits, no shirtless Instagram posts, no nail polish on the podium.

But you do all of that. Because you want to change classical music. So why on earth should Florence Price be the one who has to change for classical music?

Lieber Yannick Nézet-Séguin,

lange dauerte das Schweigen – von den Wiener Philharmonikern und von Ihnen. Wollten Sie erst mal sehen, wie hoch die Wellen schlagen? Und Ihre Erklärung klingt nun auch irgendwie sonderbar. 

Dass Sie beim Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker den Rainbow Waltz der schwarzen Komponistin Florence Price in einer zerstückelten Version von Wolfgang Dörner gespielt haben –ohne Blue Note, ohne Bezug auf die Themen und mit frei erfundener Zuckerbäcker-Einleitung – erklären Sie damit, dass ihre Musik nur so ein anderes Publikum in anderen Kontexten erreichen würde. 

Was für ein Bullshit!

Das würde ja für jede Minderheit bedeuten, dass sie sich verkleiden muss, um verstanden zu werden: Müssen wir eine schwarze Frau wirklich weiß anmalen und ihr einen Penis ankleben, damit sie im Musikverein Gehör findet? Das wäre ja, als wenn Sie sich ebenfalls als Biedermeier verkleiden müssten, um in der Klassik anzukommen: Kein Outing, keine schrillen Outfits, keine Insta-Fotos mit nacktem Oberkörper, kein Nagellack beim Dirigieren! 

Aber all das tun Sie doch. Weil Sie die Klassik verändern wollen. Um so unverständlicher, dass Sie wollen dass die Klassik Florence Price verändert!

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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