Lieber Deutscher Musikrat,

September 12, 2026
1 min read
Cornelius Meister in seinem Post für den Deutschen Musikrat.

ich weiß, Du meinst es gut: »Keine Stimme für die AfD!« Und klar: Jede Stimme für ein weltoffenes Deutschland! Finde ich auch.

Das Problem: Euer neuer Insta-Post müffelt nicht nur nach dem PVC-Boden der Musikschulen in den 80er-Jahren, sondern ging auch total nach hinten los! Ein Cornelius Meister, der da etwas hilflos abliest, dass Mecklenburg-Vorpommern auch nach der Wahl weltoffen bleiben soll, wirkt wie der zitternde Hilferuf eines Drittklässlers, dem auf dem Schulhof andauernd das Butterbrot geklaut wird. Nein, so hält man keinen halbstarken Ronny davon ab, ihm eine auf die Mütze zu hauen.

Am Ende sagen Meck-Pom-Intendantin Ursi Haselböck und Musikrats-Generälin Antje Valentin dann noch so etwas wie »Ich? Sowieso!« in die Kamera. Warum? Erschließt sich nicht. Irgendwas mit Demokratie.

Leute, was Ihr hier zeigt, ist keine Haltung, sondern ein Beweis, wie weltfremd Eure Musik-Blase geworden ist. Spätestens seit Ulrich Siegmund Spiegel-Cover signiert, müsst Ihr doch wissen, dass so eine Kampagne nicht nur nichts bringt: Wer so naiv ins Blaue palavert, muss sich nicht wundern, wenn er am Ende zum unfreiwilligen Steigbügelhalter der Blauen wird!

Kein Wunder, dass Ihr Euch allerhand Kommentare und noch mehr blaue Herzen von AfD-Leuten und Rechts-Trollen eingefangen habt. Mensch, lasst Euch doch endlich mal bei Euren Social-Media-Dingern beraten! Kämpft zur Abwechslung mit Ironie und Wissen um die Deutungshoheit von Bach, Beethoven und Wagner, erklärt den Dummdeutschen, dass Ihr ihnen nicht unsere klugdeutsche Musikkultur überlassen wollt.

Aber bitte, geht zum Flennen nicht mitten in die Raucherecke auf dem Schulhof!

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

Fördern

Artikel auf BackstageClassical sind kostenlos. Wir freuen uns, wenn Sie unabhängigen Klassik-Journalismus fördern.

Mehr aktuelle Artikel

Sony Classical verliert seine Eigenständigkeit

Per Hauber geht, einen Nachfolger gibt es offenbar nicht. Schon 2024 hatte sich Michael Brüggemann zurückgezogen. Sony Classical bleibt – aber seine Eigenständigkeit schwindet. Dahinter steht eine größere Frage: Wie viel ist

Empathietheater statt Regietheater

Unsere Zeit ist brutal. Und an unseren Bühnen wird die Sehnsucht nach Sanftheit immer lauter. Ein neues Theater entsteht: Es will nicht mehr belehren und entlarven, sondern zuhören und berühren und Menschen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Eine Kritik der Kritik: Alles blöde, nur das Orchester ist gut? Die Kritik will gern was gutes finden. Aber es geht nicht um Lobhudelei, sondern auch um Fakten.

Meisterliches Minden

Mit den »Meistersingern von Nürnberg« endet nach 24 Jahren ein einzigartiges Wagner-Projekt. Philipp v. Studnitz erlebt in dem kleinen Stadttheater große Oper – mit Frank Beermann, einem brillanten Ensemble und einem Minimalismus,

Entdeckt, gefördert – und dann?

Unsere Recherche zum Vienna Opera Lab hat eine Debatte über das Geschäft mit der Hoffnung junger Sänger ausgelöst. Dorothea Gregor, die seit Jahren für die Liz Mohn Stiftung in der Nachwuchsförderung arbeitet,

Verpassen Sie nicht ...