Liebe Buhrufer,

Februar 12, 2026
1 min read

ich war einer von Euch. Was habe ich gebuht, damals, in Stuttgart – beim Ring von vier Regisseuren. Ich habe die Inszenierungen persönlich genommen. Als Beleidigung meiner Wagner-Welt. Ach was: Meines Weltbildes! Und musste mir Luft machen. 

Dann habe ich eine Nacht geschlafen. Bin aufgewacht. Meine Wut war nicht nur verflogen, ich konnte Schlömers Rheingold, Nels Walküre, Wielers Siegfried und Konwitschnys Götterdämmerung plötzlich sogar etwas abgewinnen. Heute – 26 Jahre später – gehört dieser Ring zu meinen Opern-Höhepunkten.

Am Wochenende haben einige Leute in Stuttgarts Meistersingern gebuht, als Regisseurin Elisabeth Stöppler Celans Todesfuge zu Wagners Prügelfuge lesen ließ. 

Stuttgarts Kommunikationschef findet das »respektlos« – gegenüber Celan als Überlebender des Holocaust. Ich verstehe seine Fassungslosigkeit. 

Aber Kunst kann uns eben auch überfordern. Uns kalt erwischen. Uns emotional aufwühlen. Uns unreflektiert reagieren lassen. 

Buhrufe gegen Sängerinnen oder Sänger finde ich unterirdisch. Buhrufe aus dem Lameng heraus verstehe ich – vielleicht, weil ich mich damals, in Stuttgart, heute selber nicht mehr verstehe. 

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

Fördern

Artikel auf BackstageClassical sind kostenlos. Wir freuen uns, wenn Sie unabhängigen Klassik-Journalismus fördern.

Mehr aktuelle Artikel

Rebekah Rota wird neue Intendantin am Theater Erfurt

Nach Jahren der Krise und einem kostspieligen Rechtsstreit um den früheren Generalintendanten Guy Montavon bekommt das Theater Erfurt eine neue Leitung. Die bisherige Wuppertaler Opernintendantin Rebekah Rota soll das Haus ab 2028

Bitte, bettelt nicht um Eure Bedeutung!

Dirk Kaftan ruft am Rhein um Hilfe, in Berlin und Sachsen protestieren Künstler gegen Kürzungen. Doch wo bleibt das Publikum? Für wie relevant hält es die Kultur wirklich? Und was, wenn die

Das Vermächtnis des Giuseppe Sinopoli

Am 2. November wäre Giuseppe Sinopoli 80 Jahre alt geworden. 2001 starb der Dirigent während einer Aufführung von Verdis »Aida«. Damals hatte er einen Text über Freundschaft, Versöhnung und Vergänglichkeit geschrieben. Eine

Lieber Gernot Döllner,

Audi-Chef Gernot Döllner war nicht nur beim Wahlkampf von Donald Trump. Er streicht auch das Herz seines Audi-Konzerns: Kultur für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Mit deutscher Schuld auf Grund gelaufen

Milo Rau will Wagners »Fliegenden Holländer« an der Deutschen Oper Berlin zu einer Abrechnung mit deutscher Schuld und Erinnerungskultur machen. Doch statt Widersprüche auszuloten, setzt er auf einfache politische Botschaften und plakative

Die erste Klassik-Late-Night!

Stand-up, Gespräche und Live-Musik: BackstageClassical und No-te starten mit »Klassik Late-Night mit Axel Brüggemann« ein neues Videoformat. Die erste Folge mit Dirigent Maximilian Haberstock und Countertenor Alois Mühlbacher ist ab sofort auf

Österreich setzt sich für inhaftierten Opernstar Burchuladze ein

Der georgische Opernsänger Paata Burchuladze besitzt auch die österreichische Staatsbürgerschaft. Wie die »Salzburger Nachrichten« berichten, betreut das Außenministerium in Wien den in Georgien inhaftierten Bassisten intensiv. Österreichische Diplomaten beobachten das Gerichtsverfahren.

Verpassen Sie nicht ...