
Willkommen in der neuen Klassik-Woche,
endlich sind wir zurück aus der Sommerpause! Und es gibt viel aufzuarbeiten: schier »unglaubliche« Auslastungszahlen, erneuter Zoff um Gardiner, Klassik-Dramen am Rhein und eine Feier des Barock! Schön, dass Sie wieder dabei sind!
Wer wird König von Salzburg – Kosky oder Caluwe? Oder jemand anderes?

Letzte Woche fanden in Salzburg die Hearings für die Nachfolge von Intendant Markus Hinterhäuser statt. Kommenden Donnerstag sollen die Ergebnisse verkündet werden. Viele der als Favoriten gehandelten Intendantinnen und Intendanten haben inzwischen auch öffentlich abgewinkt: Matthias Schulz wird wohl in Zürich bleiben, Serge Dornyseine Münchner Freiheit genießen, Alexander Neef hat gerade in Paris verlängert, und Lotte de Beer wollte die Volksoper in Wien nicht verlassen. Auch die von vermeintlichen Insidern genannten Namen wie Elisabeth Sobotka aus Berlin oder Benedikt von Peter aus Basel sind offenbar nicht in der aktuellen Auswahl. Bleibt also nur Barrie Kosky? Warum man vielleicht noch einmal eine Runde drehen und über die Strukturen an der Salzach nachdenken sollte, erkläre ich hier. Wird Kosky vielleicht gar im Team antreten – der Name Sophie de Lint ist immer wieder zu lesen. Oder wird der öffentlich so gefeierte Favorit am Ende doch noch von einem Überraschungskandidaten, etwa Peter de Caluwe aus Brüssel, überholt? In drei Tagen wissen wir mehr.
Wir ziehen Bilanz
Die neue Saison steht vor der Tür, wir haben bei BackstageClassical die Spielpläne unter die Lupe genommen und Ihnen die 10 Aufführungen herausgesucht, die Sie auf keinen Fall verpassen sollten. Außerdem wurde im Sommer Bilanz gezogen. Und wie! Serge Dorny meldete in München 99 Prozent Auslastung, die Salzburger Festspiele legten mit (so hieß es wirklich) »mehr als 99 Prozent Auslastung« nach. Bregenz rechnete 275.000 Besucher vor – mehr als je zuvor, und die Elbphilharmonie wirbt mit mehr als sieben Millionen Besucherinnen und Besuchern seit ihrem Bestehen! Die 99 Prozent scheinen die neuen 23 Zentimeter unserer Intendanten zu sein. Gut, dass die Klassik boomt. Aber lügen wir uns dabei nicht auch ein bisschen in die Tasche? Mein Kommentar.

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Mal wieder Zoff um Gardiner
Eigentlich wollte das Bachfest Leipzig vorbildliches Krisenmanagement betreiben: Nach dem ungeschickten Verhalten des Dirigenten John Eliot Gardiner letztes Jahr (er wollte einer Mitarbeiterin beim Schlussapplaus eine Papierrolle in die Halskette stecken) erklärte das Festival sofort, dass es ein übergriffiges Verhalten gegeben habe und man der Sache nachgehe. Nun erklärte das Bachfest, dass man an der Rückkehr Gardiners in diesem Jahr (ausgerechnet mit Bachs h-Moll-Messe) festhalte. Unsere Autorin, Anne Proft, ärgert das – besonders, weil ihr die Erklärung des Bachfestes nicht klar genug gewesen sei. Das Fehlverhalten wurde bestätigt, und trotzdem wurde an der Einladung Gardiners festgehalten. Ein Festival sei kein Archiv, sondern ein ewiger Abgleich mit unserer Zeit, schreibt Proft: »Gerade darin hätte der Vorfall von 2026 Anlass sein können, über die Selbstverständlichkeiten des Betriebs nachzudenken, über den Dirigenten als Zentrum, über die Hartnäckigkeit des Geniekults und über jene merkwürdige Bereitschaft, musikalische Größe noch dort als Argument anzuführen, wo eigentlich über Verhalten gesprochen werden müsste.« Wir haben Intendant Michael Maul um eine Replik gebeten – er lehnte jedoch ab. Meidet da jemand etwa den wichtigen Diskurs und will stattdessen einfach nur Ruhe?
Gehen Sie mit uns durch die Saison
BackstageClassical wird Sie auch diese Saison wieder durch die Klassik-Welt begleiten. In den letzten zwei Jahren sind wir rasant gewachsen – auch wegen Ihnen! Wir bieten Ihnen unsere exklusiven Geschichten nach wie vor kostenlos und ohne Bezahlschranke an. Helfen Sie uns, unseren unabhängigen Journalismus fortzusetzen, durch eine einmalige Spende oder ein Förder-Abo, dessen Höhe Sie selber bestimmen. Wir sagen: DANKE! Folgen Sie uns für tägliche News gern auch bei Instagram, Facebook oder Bluesky.

Drama am Rhein I
Erst vor Kurzem haben wir uns über den Chefredakteur der Rheinischen Post, Moritz Döbler, lustig gemacht, weil er geschrieben hatte, es sei nicht schlimm, wenn seine Landeshauptstadt kein Opernhaus mehr habe – schließlich gäbe es ja, gar nicht so weit entfernt, das Opernhaus in Bonn. Nun musste das Haus in Düsseldorf seine Spielzeiteröffnung verschieben. Der Grund: Der Bühnenturm und das Portal bröckeln und erfüllen nicht mehr die statischen Anforderungen. Einen Neubau hat die Stadt gerade abgelehnt. Eine schlechtere Ausgangsposition für die designierte Intendantin, Ina Karr, kann man sich kaum vorstellen. An einer vorübergehenden Sicherung der Trägerkonstruktion werde gearbeitet.
Drama am Rhein II
Dann also doch: Ab nach Bonn? Nun ja, auch hier wird die Oper gerade grundlegend in Frage gestellt: 426 Millionen Euro für einen Neubau – oder bald gar keine Oper mehr? Gerade wurde die Verlängerung von Intendant Bernhard Helmich im Stadtrat debattiert. Nach langer Diskussion soll er verlängert werden. Aber die Debatte zeigt: Auch in Bonn gibt es Stimmen, die beim Abwägen zwischen Neubau der Oper und Sanierung des alten Hauses eher der Meinung sind, dass die Stadt auch ohne Theater glücklich sein könne. Das mag auch daran liegen, dass der Intendant selber vor seiner Pensionierung keine großen Ambitionen mehr zeigt und GMD Dirk Kaftan – wie neulich in einem öffentlichen Brief – einfach zu leise und freundlich argumentiert.

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Wunder am Rhein?
Doch es gibt auch Gegenbeispiele am Rhein: Die Stadt Monheim hat jahrelang hohe Gewerbesteuereinnahmen in ihre Kulturpolitik investiert. Nun ist ihr bislang größtes Projekt eröffnet worden: die Kulturraffinerie K714. Für rund 166 Millionen Euro wurde eine mehr als 100 Jahre alte ehemalige Shell-Abfüllhalle zu einem multifunktionalen Veranstaltungsort mit bis zu 4800 Plätzen umgebaut. Eröffnet wurde das Haus mit dem Concertgebouw Orchestra. Die neue Bürgermeisterin Sonja Wienecke spricht angesichts der früheren Kulturpolitik allerdings schon wieder von »Gigantismus«.
Warhols Bonn
»Warhols Beethoven-Porträts kennt fast jeder, doch ihre Bezüge zu Bonn, zum Beethoven-Haus und zu Warhols Gesamtwerk wurden noch nie so recht beleuchtet«, schreibt Beethoven-Haus-Direktor Malte Boecker über seine neue Ausstellung Beethoven by Warhol. Für Boecker ist die Warhol-Retrospektive gerade nach der Wahl in Sachsen-Anhalt ein Beweis dafür, wie kreativ Kunst sein kann, wenn sie bunt denkt. Heute Nachmittag feiert BackstageClassical die Ausstellung mit einem großen Essay über Warhols Plattencover auf der Seite.

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Das lustvoll leidende Barock
»Leid und Glück sind miteinander verbunden«, sagt Sänger, Regisseur und Intendant Max Emanuel Cenčić im neuen BackstageClassical-Podcast. Derzeit läuft Cenčićs Festival Bayreuth Baroque, und der Intendant hält wenig von Erfolg ohne Anstrengung: »Diese Idee, ich werde erfolgreich sein, aber ich möchte chillen, ist eben so ein bisschen das Problem unserer Zeit.« Für Cenčić steht die Arbeit an erster Stelle: »Ich diene der Kunst und der Musik.« Zum Podcast: Hier entlang!
Personalien der Woche
Er gilt als unnahbar, aber ein Filmteam hat nun allerhand Wegbegleiter von Kirill Petrenko getroffen und seine Karriere von Russland nach Österreich bis an die Spitze der Berliner Philharmoniker nachgezeichnet. Allerdings werden die 43 Minuten »Talking Heads« nach einiger Zeit etwas ermüdend. Für Freaks aber allemal empfehlenswert. +++ Natürlich gab es auch dieses Jahr ein Sommerloch: Die FAZ stopfte es zuerst mit ihrem erstaunlichen PR-Text zu einem Hustenbonbon, das den Namen eines der ersten Schallplatten-Tenöre trägt, und das neuerdings angeblich jedes Husten im Konzert verhindern soll, und die ZEIT – natürlich – sprang sofort auf den Zug auf und reproduzierte den Text mit etwas kritischerem Unterton. +++ Große Trauer löste der Tod des erst 50-jährigen Dirigenten Antonio Fogliani aus. Er machte sich vor allem als Spezialist für das italienische Repertoire und Belcanto einen Namen, war Musikdirektor des Festivals Rossini in Wildbad und seit der Spielzeit 2017/18 Erster Gastdirigent der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf und Duisburg. Zudem lehrte er als Professor für Dirigieren am Alessandro-Scarlatti-Konservatorium in Palermo. +++ Und noch einen Tod gibt es zu beklagen: Die rumänische Sopranistin Ileana Cotrubaș ist im Alter von 87 Jahren gestorben. Die Wahl-Wienerin gehörte zu den großen Sängerinnen ihrer Generation. Berühmt wurde sie besonders als Violetta, Mimì und Gilda.
Und wo bleibt das Positive, Herr Brüggemann?
Ja, wo zum Teufel bleibt es denn? Vielleicht ja hier! Es war ein spannender Festspiel-Sommer – ich habe ihn hauptsächlich in Bayreuth verbracht und mir Gedanken darüber gemacht, ob Christian Thielemann wirklich der beste Wagner-Dirigent unserer Zeit ist und wie Bayreuth mit seiner eigenen Vergangenheit umgeht. Karl Keller war für uns in Salzburg und hat sich kritisch mit dem Verhalten von Regisseur Ersan Mondtag auseinandergesetzt, und Georg Rudiger hat in Luzern das Concertgebouw Orchestra und die Berliner Philharmoniker miteinander verglichen. Das BackstageClassical-Quartett Wagner-Wahn war ein so großer Erfolg, dass es schon im Sommer ausverkauft war. Nun haben wir eine zweite Auflage in Auftrag gegeben, und Sie können das Spiel rund um die Wagner-Charaktere wieder bestellen.
In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif
Ihr
Axel Brüggemann

