Die Berliner Philharmoniker lassen ihren Wert berechnen: zwei bis drei Milliarden Euro. Jeder staatliche Euro zahle sich mehrfach aus. Klingt gut. Aber was passiert, wenn Kultur beginnt, sich mit Rendite, Reichweite und Wirtschaftskraft zu rechtfertigen? Wer den Taschenrechner hervorholt, muss damit rechnen, dass auch andere ihn benutzen.
English summary: The Berlin Philharmonic has put a price on its value: two to three billion euros. Every euro of public funding supposedly pays back several times over. Sounds good. But what happens when culture starts justifying itself through returns, reach and economic impact? Anyone reaching for the calculator must expect others to do the same.
Am 8. September ließ die Stiftung Berliner Philharmoniker mitteilen, was sie wert ist: beziffert auf zwei bis drei Milliarden Euro. Ausgerechnet hat das die Boston Consulting Group, im Auftrag des Orchesters. Für jeden Euro, den der Staat gibt, kommen demnach bis zu drei Euro zurück. 250.000 Menschen besuchen jedes Jahr die Konzerte, 3,1 Millionen folgen dem Orchester im Netz, 32 Prozent der internationalen Berichterstattung über deutsche Kultureinrichtungen entfallen auf dieses eine Orchester. Der Studienautor Benjamin Desalm fasst es so zusammen: »Sie sind ein effizienter Kulturbetrieb und eine Institution mit erheblicher wirtschaftlicher Wirkung.«
Der Bumerang
Nur: Wer soll das eigentlich lesen? Das Publikum eher nicht. Niemand kauft eine Karte, weil ein Orchester eine gute Rendite erzielt. Im eigenen Haus funktioniert die Zahl dafür umso besser. Sie beruhigt. Die Verwaltung, den Stiftungsrat, all jene, die seit Jahren mit dem Gefühl arbeiten, sich ständig rechtfertigen zu müssen. Es ist der Zettel am Kühlschrank: Diese Woche haben wir alles richtig gemacht.
Bleiben die Politiker. Und da wird es interessant. Es gibt einen Grund, warum diese Rechnung ausgerechnet jetzt aufgemacht wird. Die Philharmonie muss generalsaniert werden; eine Machbarkeitsstudie, über die der Tagesspiegel im Juni berichtete, veranschlagt die Kosten auf 1,15 Milliarden Euro. Der Saal soll ab Mai 2032 für rund acht Jahre geschlossen werden, allein die Ausweichspielstätte soll 353 Millionen Euro kosten. Wer kurz vor einer Entscheidung dieser Größenordnung den eigenen Wert in Milliarden beziffern lässt, tut das kaum aus reiner Neugier.
Die anderen haben auch einen Taschenrechner
Seit dem 29. April 2026 ist in Berlin der Finanzsenator zugleich Kultursenator. Stefan Evers hat beide Ämter übernommen, nachdem Sarah Wedl-Wilson über eine Affäre um falsch bewilligte Fördergelder gestürzt war. Derselbe Senator verantwortete im Dezember 2024 Kürzungen von 130 Millionen Euro, für 2026 kamen weitere 110 Millionen hinzu. Nun liegt auf seinem Tisch eine Studie, die ihm vorrechnet, wie rentabel das ist, was der Staat gerade kürzt. Man kann sich darüber freuen. Man kann aber auch eine sehr einfache Frage stellen: Wenn das Geld so zuverlässig zurückkommt – warum muss es dann überhaupt erst hingegeben werden? Natürlich kann man argumentieren, dass das einer Stadt wie Berlin wirtschaftlich hilft und sie voranbringt und dass sich darum die Investition lohnt. Allerdings vergisst man dabei, dass auch ein Tokio-Hotel-Konzert in der Wuhlheide oder Felix Lobrecht in der Uber Arena einen ähnlichen wirtschaftlichen Effekt auf Hotellerie und Co. haben – und das ohne Subventionen.

Wer mit dem Taschenrechner argumentiert, muss akzeptieren, dass auch andere ihn benutzen. Und dann wird es schnell ungemütlich. Die öffentlich finanzierten Theater in Deutschland haben in der Spielzeit 2023/24 gerade einmal 15,9 Prozent ihrer Kosten selbst eingespielt. Von hundert Euro, die ein Haus ausgibt, kommen also knapp sechzehn über den Kartenverkauf zurück. Jeder Besuch wird im Schnitt mit 191,27 Euro aus Steuergeld gestützt. Das ist die offizielle Statistik des Deutschen Bühnenvereins. Sie sagt, völlig unaufgeregt: Kultur rechnet sich nicht. Schwimmbäder rechnen sich auch nicht. Eine Stadtbibliothek rechnet sich nicht. Und eine Buslinie in ein Dorf mit 300 Einwohnern wird vermutlich ebenfalls nie schwarze Zahlen schreiben. Man unterhält diese Dinge trotzdem. Nicht, weil sie profitabel sind, sondern weil man weiß, wie ein Ort aussieht, in dem es sie nicht mehr gibt.
Die Philharmoniker selbst stehen dabei besser da als fast jedes andere Haus: rund 55 Prozent ihres Etats erwirtschaften sie selbst. Tourneen, Streamingdienst, Saalvermietung – und seit Jahrzehnten eine Bank an ihrer Seite. Ein Spitzenwert. Im politischen Betrieb kann genau das zum Problem werden. Denn wer solche Zahlen vorlegt, hört im Haushaltsausschuss irgendwann die Frage: »Geht es dann nicht auch mit weniger Geld?« Und das betrifft nicht nur die Philharmoniker. Ein Stadttheater in Thüringen tourt nicht durch Asien, betreibt keinen eigenen Streamingdienst und hat keinen Großsponsor im Rücken. Wenn ausgerechnet das stärkste Orchester des Landes vorführt, wie rentabel Kultur sein kann, entsteht daraus schnell ein Maßstab, an dem die anderen nur verlieren können.
Die Influencer-Rechnung
Besonders schön lässt sich das an einer anderen Zahl beobachten: 3,1 Millionen Follower. Das Orchester sei damit das »reichweitenstärkste Spitzenorchester der Welt in den sozialen Medien«. Reichweite ist zunächst einmal kein Geld. Drei Millionen Menschen, die einem Account folgen, sind ökonomisch exakt so lange nichts wert, bis jemand für ihre Aufmerksamkeit bezahlt. Bei einem Influencer läuft dann Werbung. Bei einem Orchester eben nicht. Oder noch nicht? Zu diesem Gedanken lädt die Studie jedenfalls unfreiwillig ein. Wer Reichweite zur wirtschaftlichen Kennzahl macht, muss sich irgendwann auch die Frage gefallen lassen, was daraus ökonomisch werden soll. Vielleicht empfiehlt Petrenko zwischen zwei Proben noch schnell einen Kopfhörer – natürlich mit Rabattcode. »Mit PHIL15 gibt es 15 Prozent auf alles.«
Ganz so weit muss man gar nicht gehen. Seit 1990 ist die Deutsche Bank Partner der Berliner Philharmoniker. Im November 2024 wurde die Zusammenarbeit bis 2030 verlängert. Bankchef Christian Sewing sagt, kein anderes Unternehmen unterstütze ein Spitzenorchester so lange und auf diesem Niveau. Finanziert werden jene Bereiche, mit denen die Philharmoniker ihren gesellschaftlichen Wert belegen: die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen und die Digital Concert Hall. Die Reichweite, mit der das Orchester seine Unverzichtbarkeit demonstriert, wird also zu einem nicht unerheblichen Teil von einer Bank ermöglicht. Die Kommerzialisierung steht deshalb nicht am Horizont.
Was passiert, wenn andere anfangen zu rechnen?
Am 25. Juni 2026 beantragte die AfD-Fraktion im Landtag von Sachsen-Anhalt, staatliches Geld für Kultur künftig nur noch dann zu vergeben, wenn sich die Empfänger schriftlich zu Staat, Demokratie und deutscher Kultur bekennen. Der Antrag scheiterte. Alle anderen Fraktionen stimmten dagegen. Jan Riedel, Bildungsminister (CDU), nannte ihn »eklatant verfassungswidrig«. Im Wahlprogramm der AfD steht: »Kein Staatsgeld für antideutsche Kunst und Kultur!« Zehn Wochen später, am 6. September, wurde die AfD mit 43,8 Prozent stärkste Kraft im Land. Niemand behauptet, die AfD lese BCG-Studien. Nur verschiebt jede Rechnung dieser Art den Streit von der Kunstfreiheit zur Zweckmäßigkeit – und dort ist Kultur nicht geschützt. Das Wirtschaftlichkeitsargument ist dann kein Ziel mehr, sondern ein praktischer Türöffner. Die Freiheit der Kunst steht im Grundgesetz. Wer sie beschneiden will, muss damit rechnen, in Karlsruhe zu landen. Wer das Geld streicht, braucht nur eine Mehrheit. Ein Orchester, das sich selbst zum »effizienten Kulturbetrieb« erklärt, hat die Diskussion damit freundlicherweise schon in den kleineren Raum verlegt.
Was übrig bleibt
Dabei enthält die Studie eine Zahl, die tatsächlich etwas über den gesellschaftlichen Wert des Orchesters aussagt: 2025 haben 50.000 Menschen an den Vermittlungsangeboten teilgenommen, fast doppelt so viele wie zwei Jahre zuvor. Schulklassen, Workshops, Nachwuchsarbeit. Es ist vielleicht die aussagekräftigste Zahl des ganzen Papiers. Und zugleich die, die am wenigsten Aufmerksamkeit bekommt. Nicht einmal das Orchester selbst hat sie in seiner Pressemitteilung zur Schlagzeile gemacht.
Am Ende leistet sich ein Land Kultur aus demselben Grund, aus dem es Parks behält, statt Parkplätze daraus zu machen: weil das Leben darin besser ist. Das ist der ganze Grund, er kommt ohne Multiplikator aus, und er hält auch dann noch, wenn die Rechnung nicht mehr aufgeht. Im Haushaltsausschuss ist das ein miserables Argument. Aber es ist auch das einzige, das niemand gegen einen wenden kann.

