Karajan zwischen Göring und Goebbels

Februar 12, 2026
2 mins read
Herbert von Karajan im Jahre 1941

War Karajan Nazi-Täter oder opportunistischer »Formal-Nazi«? Historiker Michael Wolffsohn zeichnet in »Genie und Gewissen« ein neues, widersprüchliches Bild. Hier erklärt er seine Ergebnisse im BackstageClassical-Podcast

English summary: Michael Wolffsohn’s new book reassesses Herbert von Karajan’s Nazi past using newly found archives. He argues Karajan was a “formal Nazi” but not ideologically committed. Karajan joined the NSDAP only once for career reasons, later fell out of Hitler’s favor, and faced professional setbacks. Wolffsohn presents a nuanced view of his opportunism, antisemitism, and moral gray zones, calling for a balanced historical judgment.

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Muss das Bild des Dirigenten Herbert von Karajan als Profiteur und überzeugter Anhänger des Nationalsozialismus revidiert werden? Im aktuellen Podcast von BackstageClassical stellt der Historiker Michael Wolffsohn sein neues Buch Genie und Gewissen vor, in dem er Karajans Vergangenheit auf Basis neuer Archivfunde neu bewertet. Wolffsohn kommt zu dem Schluss, dass Karajan zwar ein »Formal-Nazi«, aber kein Gesinnungstäter gewesen sei.

Mythos der dreifachen NSDAP-Mitgliedschaft 

Eines der hartnäckigsten Klischees über Karajan ist die Behauptung, er sei gleich dreimal in die NSDAP eingetreten. Wolffsohn stellt klar, dass Karajan lediglich einmal, im Jahr 1935, offiziell Mitglied wurde. Frühere Anträge aus dem Jahr1933 in Salzburg und Ulm wurden von der Parteizentrale nie angenommen. Der spätere Eintrag in seiner Mitgliedskarte wurde laut Wolffsohn lediglich auf das Jahr 1933 zurückdatiert, was damals eine gängige Praxis für Neumitglieder war, die nach der Aufnahmesperre aufgenommen wurden. Karajan habe die Mitgliedschaft primär als berufliche Notwendigkeit gesehen, um seine Position als Generalmusikdirektor in Aachen abzusichern.

In Ungnade bei Hitler

Entgegen der Annahme einer steilen NS-Karriere belegt Wolffsohn, dass Karajan bei Adolf Hitler bereits ab Juni 1939 »musikalisch gestorben« war. Grund war eine Aufführung der Meistersinger von Nürnberg, die Karajan – für Hitler arrogant wirkend – auswendig und mit geschlossenen Augen dirigierte. Als es dabei zu einem musikalischen Fehler kam, tobte Hitler und besuchte fortan kein Konzert mehr unter Karajans Leitung.

In der Folge wurde Karajan zum Spielball im Machtkampf zwischen dem Luftwaffenchef Hermann Göring, der ihn stützte, und Propagandaminister Joseph Goebbels, der Karajans Rivalen Wilhelm Furtwängler bevorzugte. Ab 1941 sank Karajans Stern im Dritten Reich dramatisch; sein Vertrag an der Staatsoper Berlin wurde gekürzt und seine Auftrittsmöglichkeiten innerhalb Deutschlands massiv beschnitten.

Differenzierte Sicht auf Antisemitismus

Wolffsohn, der selbst aus einer deutsch-jüdischen Familie stammt, analysiert auch Karajans Verhältnis zum Antisemitismus. Er stuft vereinzelte abfällige Bemerkungen Karajans als damals weit verbreiteten »diskriminatorischen Antisemitismus« ein, unterscheidet diesen jedoch strikt von einer »liquidatorischen« Gesinnung. Als Beleg führt er an, dass Karajan nach 1945 eng mit zahlreichen jüdischen Musikern und Überlebenden des Holocaust zusammenarbeitete, darunter der langjährige Konzertmeister der Berliner Philharmoniker, Michel Schwalbé. Diese hätten Karajan zwar als Opportunisten, aber nie als Nationalsozialisten wahrgenommen.

Moralische Grauzonen: Die Villa Schubert

Auch der Vorwurf, Karajan habe von der Arisierung profitiert, wird im Buch thematisiert. Karajan bewohnte ab 1943 die Villa Schubert in Zell am See, die zuvor jüdischen Eigentümern entzogen worden war. Wolffsohn stellt jedoch klar, dass Karajan das Haus nicht geschenkt bekam, sondern zu einer marktüblichen Miete bewohnte. Dennoch zeigt sich hier ein ambivalentes Bild: Karajan habe sich gegenüber anderen Wohnungssuchenden rücksichtslos verhalten, was damals sogar zu Protesten in der lokalen Bevölkerung führte.

Fazit: Zwischen Genie und Anpassung

Wolffsohns Forschung zeichnet das Porträt eines Künstlers, der in einer Diktatur versuchte, sein Genie zu entfalten, dabei aber zwangsläufig zum Teil des Systems wurde. Das Buch plädiert dafür, die Autonomie der Kunst und die individuelle Verantwortung jenseits von Schwarz-Weiß-Kategorien zu betrachten.

Genie und Gewissen
Herbert von Karajan zwischen Musik und Nationalsozialismus
Michael Wolffsohn
Verlag Herder
368 Seiten

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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